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Berlinale 2022: „Die Linie“ – Kritik

Das Spiel mit Geschlechterrollen in dysfunktionalen Familien. Julia Ducournaus „Titane“, „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt und auch Ursula Meiers neues Werk im Wettbewerb des diesjährigen Festivals „Die Linie“. Auf den ersten Blick mögen die Filme in Anbetracht ihrer sehr unterschiedlichen Ausprägung der Geschichte um ein Mädchen oder eine junge Frau in einer gestörten Familiendynamik nicht viel gemeinsam haben. Zumal „Titane“ der Skandalfilm schlechthin war, „Systemsprenger“ mit ungeahnter Kraft für Erschütterung sorgte und „Die Linie“ im Vergleich dazu ganz ohne Skandal und größere Überraschung bleibt. Dennoch eint die Filme eine markante weibliche Hauptfigur, die sich einer kaputten Familie wiederfindet und die auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe keinen anderen Ausweg als Radikalität und Gewalt sehen. Ein Charakterbild, das in Filmen sehr viel häufiger dem männlichen Typus auf den Leib geschneidert wird und mit dem auch „Die Linie“ bricht. Gemeinsam mit ihrer Hauptdarstellerin Stéphanie Blanchoud schrieb Ursula Meier das Drehbuch und kreiert ein zerstörerisches Familienbild, bei dem Wut, Verzweiflung und fragile Gemeinsamkeit ganz nah an einer blauen Linie beieinanderliegen, die das elterliche Familienhaus als Mahnmal eines Kontaktverbots umschließt.

von Madeleine Eger

Magaret, Mitte 30, ist erst vor Kurzem wieder zu ihrer Mutter, deren aktuellen Freund Serge (Eric Ruf) und ihrer jüngeren Schwester Marion (Elli Spagnolo) gezogen. Dabei ist die junge Frau kein unbeschriebenes Blatt und blickt auf eine Vergangenheit voll Schlägereien und Gewalt zurück, was zuletzt auch ihre Beziehung zu Julien (Benjamin Biolay) zerstörte. Als erneut ein Streit zwischen Magaret (Stéphanie Blanchoud) und ihrer Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) eskaliert, wird die Magaret von der Polizei abgeführt und von Christina angezeigt. Während sie auf den Prozess wartet, wird sie mit einem Kontaktverbot belegt, das ihr untersagt, sich dem Elternhaus auf weniger als 100 Metern zu nähern. Der Drang nach familiären Zusammensein und Vergebung ist bei Magaret aber so groß, dass sie alles versucht, um mit ihrer Mutter zusprechen und ihrer Familie doch nah sein zu können.

Blumenvasen, Schallplatten und Bierflaschen die an der Wand zerschellen, Möbelstücke, die wuchtig umgestoßen werden, wutverzerrte Gesichter und dazu die sanften, imposanten Klänge des Pianos. Ein eskalierter Streit, der inszeniert ist, als würden sich zwei Raubtiere bekriegen und ein eindrucksvolles Naturschauspiel darbieten. Der Machtkampf endet abrupt, als Christinas Kopf auf den harten Tasten ihres Pianos aufschlägt und sich Magaret blutig und mit blauen Flecken übersät geschlagen geben muss. Ein kolossaler Einstieg für ein Familiendrama, in dem die junge Frau zunächst einmal der offensichtliche Problemfall zu sein scheint. Als sie durch das auferlegt Kontaktverbot dann ihre Behausung in der elterlichen Garage räumen muss und bei ihrem Ex Freund strandet, empfängt auch dieser sie mit wenig Begeisterung. Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass sie bei Julien auftaucht. Der will den Grund ihres desolaten Zustands schon gar nicht mehr erfahren und erwartet auf seine Frage, warum die Polizei immer bei ihm anruft, erst recht keine Antwort. Während sie bei ihm ihre Kleidung und Haut vom Blut befreit, wird sichtbar: Die Platzwunde am Auge wird nur eine weitere deutliche Narbe, die Margaret auf ihrem bereits geschundenen Körper für den Rest ihres Lebens als Erinnerung an ihre Wut und ihr Temperament davon tragen wird.

Dass die Situation sich aber gar nicht so klar im schwarz-weißen Handlungsspektrum bewegt, sondern die Graustufen einer fragilen und angespannten Familienkonstellation offenlegt, wird schnell sichtbar. Sicherlich ist Magarets Charakter leicht zu provozieren, dennoch treten im Verlauf die unterschiedlichsten Aggressoren zutage, die das Familiengefüge für alle Angehörigen zur Belastungs- und Bewährungsprobe werden lassen. So hat Christina, die jung gebliebene Oma, wie sie sich selbst nennt, klar erkennbare narzisstische Züge. Stets auf der Suche nach einem neuen jüngeren Lebensgefährten, jederzeit Aufmerksamkeit einfordernd, gibt sie ihrer ältesten Tochter die Schuld an der vorzeitig beendeten Musikerkarriere. Und wenn sie ihr Nesthäkchen (fantastisch: Elli Spagnolo) für ihren Glauben nicht gerade verspottet, vernachlässigt sie diese für die eigene Erholung auch schon mal. Und obwohl der Sturz aufs Piano ihr Gehör beschädigte, wirkt es doch die meiste Zeit so, als würde sie ohnehin nur das hören, was sie hören will und konsequent alle Schlichtungsversuche und prekären Themen ausblenden.

Dies ist nur eine der Fluchtstrategien, die die Familienmitglieder innerhalb der explosiven Anspannung für sich entwickeln und die mit ihrer Ambivalenz für „Die Linie“ mit einer gewissen Prise Humor am besten funktionieren. Wenn nämlich die Jüngste über Feld und Flur die blaue Linie zieht und Margaret dadurch für eine Unterhaltung das Ufer am Kanal wechseln muss, um eben den Sperrbereich nicht zu betreten, oder Christina an Weihnachten ihre Jugendlichkeit fast beschämend unter Beweis stellt, spielt die Regisseurin die wahre Stärke ihrer Geschichte aus. Hier offenbart sich die Komplexität der Charaktere, die man über weite Strecken der gesamten Laufzeit oft vermisst. Bei aller Oberflächlichkeit werden am Ende zwei festgekettet Stühle unter einer Straßenlampe an der blauen Linie zum wahrhaftigsten und einsamsten Zeugnis einer gebrochenen Familie.

Fazit

„Die Linie“ möchte gern von einem packenden, vielschichtigen und von Gewalt geprägten Familienporträt erzählen, erreicht aber nie ganz die Zwischentöne der Beziehungen und Figuren, um anklingenden Ambivalenzen mit voller Kraft zu entfalten. Ein Film, der seine Chance verpasst, seine starken Schauspieler und eine zehrende Geschichte mit ganzer Wucht einschlagen zu lassen.

Rating

Bewertung: 7 von 10.

(68/100)

Anm. der Redaktion: Wir stehen der Entscheidung der Berlinale, das Festival heuer als reine Präsenzveranstaltung und ohne Online-Option abzuhalten, kritisch gegenüber und berichten deshalb nicht in gewohntem Umfang aus Berlin. Unsere Korrespondentin Madeleine Eger, die in Berlin lebt, wird unsere Leser/innen in den kommenden 10 Tagen aber mit Berichten und Filmkritiken durch die Berlinale begleiten.

Bild: © 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TV

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