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Berlinale 2022: „Against the Ice“ – Kritik

Die Entdeckung von unbekanntem Terrain und Männer, die in einer zuweilen lebensfeindlichen Umgebung den Elementen und der Einsamkeit strotzen müssen, weil sie durch ein Unglück plötzlich irgendwo gestrandet sind. Die Liste der Filme ist lang, in denen Einzelschicksale ohne Aussicht auf Rettung den Lebenswillen unter Beweis stellen müssen und die fragile Psyche unter der Isolation leidet. „Against the Ice“ basiert nun auf den Aufzeichnungen des dänischen Polarforschers und Expeditionsleiters Ejnar Mikkelsen, der Anfang des 19. Jahrhunderts die „Alabama Expedition“ in Grönland führte. Eine spannende historische Reise, die allerdings trotz „Game of Thrones“ Star Nikolaj Coster-Waldau vor allem eines ist: unterkühlt und distanziert.

von Madeleine Eger aus Berlin

Kapitän und Forscher Ejnar Mikkelsen (Nicolaj Coster-Waldau) macht sich gemeinsam mit seiner Crew der Alabama auf nach Grönland. Dort sollen sie die Tagebucheinträge und Landkarten einer zuvor verschollenen Expedition zu suchen, die belegen, dass die USA keine Landansprüche an den Nordwestlichen Teil Grönlands stellen können, da das Land möglicherweise nicht wie vermutet durch einen Kanal geteilt wird. Iver Iversen (Joe Cole), der erst vor Kurzem in Island als Mechaniker an Bord ging und sich für die gefährliche Mission freiwillig meldet, bricht Mikkelsen mit dem unerfahrensten Crewmitglied auf in die eisige Wüste.

Trotz erster atemberaubender Bilder, in denen zwei Männer auf einem Schlitten von Hunden durch die weite weiße Schneelandschaft gezogen wird, zeigt sich Grönland sofort von seiner harschen, unerbittlichen Seite. Denn kaum ist diese Rettungsaktion geglückt, müssen schon die ersten erfrorenen Zehen amputiert werden. Das Leben auf dem im Eis eingefrorenen Expeditionsschiff ist herausfordernd, bisher wenig von Erfolg gekrönt und einsam. Das dunkle Innere und der wenige beengte Raum stehen im absoluten Kontrast zur kalten Weite draußen, die die Crew umgibt. Dass Hoffnung und Zuversicht bei den Männern schwindet, lässt man uns ebenfalls spüren. Nur Joe Cole, der den jungen Mechaniker Iven spielt, sprüht förmlich noch vor Energie, Wagemut, Optimismus und Begeisterung für das Vorhaben. Es verwundert natürlich nicht, dass eben dieser junge Charakter den Gegenpol zum Expeditionsführer Mikkelsen sein wird, der seine Mission mit rauem Pragmatismus begegnet.

Man solle sich nicht zu sehr an die Schlittenhunde gewöhnen, heißt es von ihm. Eine Warnung nicht nur für Iven, sondern ebenso für uns. Denn auch das lässt sich erahnen, die Eiswüste wird ihre Opfer fordern. Sei es wegen Erschöpfung oder Nahrungsmangel. Relativ gradlinig gestaltet sich das Drehbuch zu „Against the Ice“, an dem Hauptdarsteller Nikolaj Coster-Waldau mitgeschrieben hat. Ein Grünschnabel und ein Forscher, der eine, der selbst nach mehreren Wochen seinen Redefluss kaum zügeln kann, der andere vertieft in seine Arbeit und dem Willen, die Mission zu beenden. Fast eine Stunde kommt das frostige Drama so ohne nennenswerte Höhepunkte aus, um den Weg der beiden nachzuempfinden. Vielmehr gestaltet sich die Geschichte wie ein Wikipediaeintrag, der einen Fakt an den nächsten reiht. Frei von Emotionen und Charaktertiefe sind selbst Unfälle, bei dem ein Schlitten und etliches an Vorräten verloren geht, oder eine Begegnung mit einem Eisbären innerhalb von wenigen Minuten schon wieder vergessen. So richtig Spannung mag nicht aufkommen. Dafür sind die beiden Hauptfiguren deutlich zu unnahbar, fast schon uninteressant.

Erst später, als die beiden wieder an ihrem Ausgangspunkt ankommen, versucht sich der Film mit einer tieferen Charakterstudie, die die Auswirkungen der langen Einsamkeit und des wachsenden Misstrauens zu bebildern versucht. Halluzinationen gehören genauso dazu wie Albträume. Wer sich allerdings etwas ähnlich packendes und tiefschürfendes erhofft hatte wie beispielsweise „The Lighthouse“, wird bitter enttäuscht. Auch die zweite Hälfte als Konfliktporträt ist insgesamt zu oberflächlich und zahm, weil man den Aufzeichnungen weitestgehend treu bleiben wollte. Für die Dramaturgie und den erwünschten Effekt, sein Publikum mitzureißen, ist das am Ende aber einfach zu wenig. Filme wie „Siberia“, der 2020 auch auf der Berlinale lief, oder „Arctic“ mit Mads Mikkelsen zeigten sich da deutlich imposanter und reizvoller.

Einzig die Entscheidung, „Against the Ice“ an den Originalschauplätzen zu drehen und seine Hauptdarsteller durch jegliche Wetterlagen und Stürme der unwirklichen Natur Grönlands zu schicken, kann man den Machern des Films hoch anrechnen. So hat das Drama fernab von plastischen Greenscreenaufnahmen durch seine naturnahen Bilder dann doch eine gewisse Präsenz, die einen zumindest die Anstrengungen und die stetig einwirkende Kälte spüren lassen.

Fazit

„Against the Ice“ kann weder mit besonders origineller noch mitreißender Story oder nahbaren Figuren überzeugen. Ohne größere Höhepunkte mäandert das Abenteuerdrama durch die Eiswüste und besticht am Ende nicht mit seinen prominenten Hauptdarstellern, sondern mit den eindrücklichen Aufnahmen des frostigen und harschen Charakter Grönlands. Ab 2.3. auch auf Netflix.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(49/100)

Bild: © Lilja Jonsdottir / Netflix

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