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„Rimini“ von Ulrich Seidl – Kritik

Ulrich Seidl is back! Dabei war er doch nie weg, kommen allein heuer gleich mehrere Filme aus seiner Produktionsfirma in die heimischen Kinos. Dennoch handelt es sich bei „Rimini“ um seine erste Regiearbeit seit „Safari“ (2016) und seinem ersten fiktionalen Spielfilm seit „Paradies: Hoffnung“ (2013). Aber das Warten hat sich jedenfalls gelohnt.

von Christoph Brodnjak

Michael Thomas ist Ritchie Bravo, ein abgehalfterter Schlagersänger, der nun versucht, sich durch kleine Gigs vor Reisegruppen des Pensionistenverbands in diversen Hotels im italienischen Rimini über Wasser zu halten. Dazu kommen noch Hausbesuche der besonderen Art, für die ganz treuen – weiblichen – Fans. Der Alkohol und die Spielsucht prägen das Leben des ehemaligen Stars, der krampfhaft versucht, sich an frühere Erfolge zu klammern. Und dann steht auch noch plötzlich seine Tochter (Tessa Göttlicher) auf der Türmatte, nach achtzehn Jahren. Mit ihr im Schlepptau ein Camper voller Syrer. Doch anstatt der vermissten väterlichen Liebe hätte sie doch lieber ein paar tausend Euro, quasi Nachzahlung der Unterhaltskosten.

Mit dabei sind außerdem noch Ritchies Bruder Ewald (Georg Friedrich) und sein im Altersheim lebender und noch in der Vergangenheit steckengebliebener Vater, gespielt von Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Rolle.

Ein bisschen fühlt man sich bei diesem Film an Darren Aranofskys „The Wrestler“ erinnert. Eine Charakterstudie eines kaputten Mannes, der von früheren Erfolgen lebt und nun schauen muss, wie er über die Runden kommt. Ein im Grunde doch lieber und gutherziger Mensch, der vielleicht so manchen Fehler im Leben gemacht hat. Und nun durch seine Situation sich zu drastischen, die Grenze des Moralischen überschreitenden Schritten gezwungen fühlt.

Zwar ist die Welt des Ritchie Bravo jene des Schlagers, doch mit Kitsch und Schmalz hat jene des Films nichts gemein. Auf den Stränden Riminis liegt Schnee, Regen und Nebel beherrschen die Stadt. Auf den Straßen sieht man an jeder Ecke Obdachlose liegen. Selbst der Blick aus dem Fenster des Hotels, hinter der kleinen Bühne, wo Ritchie seine Lieder für die Handvoll Gäste singt, fällt auf die Autobahn.

Auch die Menschen sind echt. Was aber nicht unbedingt mit Zynismus verwechselt werden darf, es erlaubt auch schöne und zärtliche zwischenmenschliche Momente. Beispielsweise zwischen den beiden Brüdern. Es erlaubt auch, ehrliche sexuelle Momente zwischen Menschen zuzulassen, die nicht dem Hollywoodstandard entsprechen, was Alter und Körperlichkeit betrifft. Es menschelt also im tristen Rimini.

Seidl lässt sich bekanntermaßen oftmals viel Zeit bei der Postproduktion seiner Filme. So ist „Rimini“ eigentlich schon vor ein paar Jahren abgedreht worden. Ein bisschen erkennt man das auch, gerade im Hinblick auf die syrischen Charaktere mag man eine zeitliche Nähe zu 2015 ausmachen. Was dem Film aber trotzdem kein Klotz am Bein ist.

Fazit

„Rimini“ ist ein wundervolles Porträt gleich mehrerer Menschen, vielleicht gar einer ganzen Generation, oder auch der Nachkriegszeit an sich. Trotz des Realismus und der „Lebensnähe“ geht die Geschichte dabei trotzdem voran, es handelt sich in keinster Weise um ein zielloses Herumtorkeln von Charakteren und Motiven: Ein authentischer Film über Menschen und, wie könnte man es vergessen, Musik. Amore!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

„Rimini“ lief sowohl auf der Berlinale 2022, als auch auf der Diagonale 2022, wo er den Preis als bester Spielfilm gewinnen konnte. Aktuell ist der Film im Kino zu sehen.

Bild: (c) Ulrich Seidl Filmproduktion

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