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„Nawalny“: Kritik zum Kinostart

Es gibt Filme, denen kommt allein durch ihr Sujet oder durch ihr Erscheinungsdatum eine besondere Bedeutung zu: Man spricht dann vom „Film des Moments“, von „höchster Aktualität“ oder vom „richtigen Film zur richtigen Zeit“. Zweifelsohne zutreffen tut dies auf den Dokumentarfilm „Nawalny“ von Daniel Roher, der nach der Sundance-Premiere im Jänner nun auch das Dok.fest München eröffnete und seit 6.5. regulär im Kino zu sehen ist: Der Film des Jahres 2022.

von Christian Klosz

Wie schon der Titel verrät, handelt das Werk vom russischen Oppositionsführer Alexei Nawalny, der lange Zeit als einziger, ernstzunehmender Herausforderer für den russischen Diktator Wladimir Putin galt. Zumindest bis er 2020 einem Giftanschlag zum Opfer fiel, den er nur knapp überleben konnte. Die Vermutung lag schon damals nahe, dass Putin bzw. das russische Regime selbst hinter dem Mordversuch steckt, eine atemberaubende Recherche von Nawalny selbst, seinem Team und des bulgarischen IT-Experten Christo Grozev konnte dies bestätigen. „Nawalny“ handelt in erster Linie von der Vorgeschichte und den Begleitumständen des Anschlags, der folgenden Recherche und ihren Erkenntnissen und den nahezu unfassbaren und unwiderlegbaren Beweisen, dass der Kreml selbst und direkt für den Tötungsversuch verantwortlich zeichnet.

Dabei zieht die Doku seine Faszination in erster Linie aus seinem charismatischen Protagonisten, der unglaublichen „true crime story“ mit all ihren politischen Konnotationen – und ihrer dringlichen Aktualität. Denn der Blick auf die sich auftuenden Abgründe eines durch und durch korrupten Regimes, das Hinabschauen in den „Schlund des Bösen“ wird vor dem Hintergrund des russichen Überfalls auf die Ukraine umso bedeutsamer und erkenntnisreicher. „Nawalny“ ist kein von langer Hand geplanter oder konstruierter Film, das Dokumentierte spricht für sich selbst und der kanadische Regisseur war sich bei seiner Publikumsansprache in München auch bewusst, dass er vor allem Glück hatte, mit seiner Kamera „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ gewesen zu sein. Und was diese Kamera einfing, ist historisch und hat das Potential, den Gang der Geschichte zu verändern.

An den technischen Aspekten des Films lässt sich nichts aussetzen, alles wurde hochwertig und überdurchschnittlich gut produziert. Trotzdem sind es vor allem der Inhalt, die unglaubliche Geschichte des Alexei Nawalny und seines politischen Kampfes, die glasklaren Beweise und Erkenntnisse zum Giftanschlag auf ihn und insbesondere eine geradezu surrele Szenerie, in der der wieder genesene Nawalny einen der (wahrscheinlichen) Attentäter unter falscher Nummer und falschem Namen per Handy kontaktiert und mit ihm ein längeres Gespräch über die Gründe des Misslingens des Anschlags führt (des Anschlags auf sein Leben), die das Werk zu einem mehr als sehenswerten Politthriller machen: „Nawalny“ steht den US-amerikanischen Paranoia-Filmen New Hollywoods bezüglich Spannung und mind-blowingness in nichts nach. Und die vorher geschilderte Szene, ein journalistischer Coup der Extraklasse, lässt einen mit offenem Mund und aufgerissenen Augen zurück.

„Nawalny“ ist nicht nur ein zeitgeschichtliches Dokument, sondern am Ende auch ein gelungenes Porträt einer der wichtigsten Figuren der russischen Politik, dessen Anziehungskraft dem Kreml solche Sorgen bereitet, dass er sie am liebsten entfernen lassen möchte. Wenngleich wir wenig über den Werdegang und die detaillierten politischen Intentionen des Protagonisten erfahren, werden Charisma und Wirkkraft dieses Mannes spürbar, und sein eigener Umgang mit der für ihn mittel- und langfristig aussichtslosen Lage (Galgenhumor, Sarkasmus, positive Lebensenergie – trotz allem) ist mehr als bemerkenswert.

Fazit:

„Nawalny“ ist vielleicht der bisher wichtigste Film des Jahres – und definitiv einer der besten. Wer verstehen will, wie das System Putin funktioniert und Beweise will, dass es ein auf Angst, Lug, Betrug und Propaganda gegründeter Kosmos ist, der vor nichts zurückschreckt, dem es um nichts anderes geht als um Machterhalt um jeden Preis, findet hier die unwiderlegbaren Beweise. Darüber hinaus ist die Doku gut geschnitten, enorm fesselnd und kann mit einem Protagonisten aufwarten, dessen Charisma man sich nur schwer entziehen kann.

Bewertung:

Bewertung: 10 von 10.

(96/100)

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Bilder: (c) DCM

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