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„Zeros and Ones“: Kritik zum Heimkinostart

Kenneth Branaghs „Belfast“, Rob Jabbaz „The Sadness“, Judd Apatows „The Bubble“ oder Abel Farraras „Zeros and Ones“. Die Palette der Filme, die über die zwei Jahre Pandemie entstanden oder durch diese beeinflusst wurden, ist so lang wie vielfältig. Die einen ließen bei der Entstehung ihrer Kreativität freien Lauf und realisierten jahrelang gehegte Ideen, die anderen nahmen Lockdown, Maßnahmen oder Politikversagen als mehr oder weniger offensichtliche Referenz in ihre Filme auf. Und das quer durch alle Genres, von Komödien bis Zombiefilm, von Endzeitdrama wie „Silent Night“ bis hin zum kriegsähnlichen Thriller „Zeros and Ones“ von Ferrara, der beim Locarno Filmfest 2021 Premiere feierte.

von Madeleine Eger

Dabei setzt der in der New Yorker Bronx geborene, mittlerweile 70-jährige Regisseur auf eine Mischung aus Realität und Fiktion, die nicht vor harscher Brutalität als auch alles umwabernder Dunkelheit zurückschreckt und sich mit einem zusätzlichen Funken religiöser Spiritualität nahtlos an seine bisherige Filmografie anfügt. Ferrara, der sich mit Werken wie „Bad Lieutenant“, „King of New York“ oder „The Funeral“ einen Namen machte, lässt hier erneut Genres aufeinandertreffen und Storyelemente ineinanderfließen, um am Ende einen Film zu präsentieren, das sich ohne klare Grenzen einer sichtbaren Deutung entzieht und sein Publikum aus der Passivität des Zusehens in die spürbare Teilhabe geleitet.

JJ (Ethan Hawke), der fürs Militär arbeitet, reist nach Rom, um dort einen Anschlag auf den Vatikan zu verhindern und seinen Bruder Justin (ebenfalls Ethan Hawke), Aktivist und Revolutionär aus der politischen Gefangenschaft zu holen. Dabei begibt sich JJ ins Netz des Terrors und bringt nicht nur sich selbst in Gefahr …. Eine minimalistische Handlung, die zerstückelt und lose zusammengefügt worden scheint. Versatzstücke, die ein Gefühl formen, das die Geschichte in sich aufnimmt und sich einer Erklärung verwehrt, nur Fragen aufwirft. „Zeros and Ones“ beginnt dabei unvermittelt und nahezu mitten im Geschehen. Die Nacht nämlich ist dunkel, einsam. Die Straßen der italienischen Metropole sind gespenstisch leer gefegt, nur ein paar Soldaten stehen am Bahnhof, überwachen die Szenerie. Draußen fahren leere Straßenbahnen, wenige Menschen reinigen die wie im Totenschlaf liegende Stadt. Fast wirkt es sogar so, als würde der Hauptcharakter JJ nach Hause zurückkehren, nachdem er eine endlose Schlacht geschlagen hat und jetzt in den letzten Trümmern in der neuen gesellschaftlichgen Ordnung seine Ruhe findet. Unterlegt von Joe Delis fantastischen Score, mutet „Zeros and Ones“ wahrlich postapokalyptisch an. Etabliert eine Atmosphäre, die auch an den 2002 erschienenen „28 Tage später“ erinnert, wo nahezu alles menschliche Leben ausgelöscht wurde und nur wenige Überlebende in den Großstädten ihr einsames Dasein fristeten. Immer in Alarmbereitschaft und auf der Hut vor möglichen unbekannten Angreifern oder in Resignation und mühseliger Akzeptanz einer neuen Welt.

Aus dem Dunkeln, wo die Schatten Silhouetten nur im spärlichen Dämmerlicht freigeben und sonst alles verschlingen, brechen etliche dieser emotionalen Verknüpfungen hervor und verlangen oft nicht mehr die Frage nach dem Warum. So wie es JJ dann angespannt durch die Nacht umhertreibt, schwebt über allem nur der Gedanke an den Moment, an dem es passieren wird. Was genau das ist? Ferrara hüllt sich und seine Filmfiguren in Schweigen. Lässt sie und uns mit Vorahnungen, Vermutungen und Ängsten allein. Es ist vermutlich eine der authentischsten Bebilderungen von Eindrücken, die einen selbst in Zeiten von totalem Lockdown und Sperrstunden ereilten, wenn man sich am Abend dann doch einmal durch die verlassenen Straßen der eigenen Heimat bewegte und das mulmige Gefühl als einziger Begleiter dicht im Nacken saß. Wo Zeit und Raum in einem Geflecht aus Ungewissheit verschwimmt und Strukturen an Form verlieren, windet sich die Kamera von Sean Price Williams („Good Time“ mit Robert Pattinson) am Rande des erkennbaren entlang und verleiht dem Film einen grob körnigen, aber zugleich weich fließenden Look, aus dem eine unausweichliche Sogwirkung entsteht.

Ferraras Eigenarten Publikumserwartungen dennoch gekonnt zu umschiffen und den Kampf zwischen Körper, Geist und Seele zu bebildern, hat der Filmemacher nicht zuletzt mit „Siberia“ 2020 während der Berlinale bewiesen. Oft provokativ und polarisierend, bietet auch „Zeros and Ones“ schlussendlich keine umfängliche Lösung oder gar eindeutiges Ende an. Ein Film, der sich dem Noir anlehnt, thematisch Terrorismus und Spionage anschneidet, dabei aber seine Figur auf einen Seelentrip schickt, wo am schlussendlich nicht mehr klar ist, ob Ethan Hawke tatsächlich zwei oder doch nur einen Charakter mit verschiedenen Ausprägungen spielt. Ferrara sagte einmal in einem Interview „ein Film sind 90 Minuten Bilder und Sounds. Am Ende gehst du mit einem Gefühl, einem Verständnis und einem Konzept nach Hause.“ Treffender lässt sich „Zeros and Ones“ wohl auch kaum beschreiben, denn wo keine konsequente Handlung den Ankerpunkt bildet, ist es die Atmosphäre, die einen gefangen hält und das Werk trotz allem seltsam greifbar und vertraut werden lässt.

Fazit

Ein apocalyptischer kriegsähnlicher Endzeitthriller, in dem die Grenzen von Realität und Fiktion verschwimmen und Strukturen keine Rolle mehr spielen. Ohne Erklärungen und eindeutiges Ergebnis mäandert „Zeros and Ones“ durch eine alles verschlingende Dunkelheit, die gespenstisch Leere, aber am Ende trotzdem auch einen Funken Hoffnung zurücklässt. Ein sehr experimentelles, herausforderndes Werk, das als Einstieg in die Filmografie eines Ausnahmeregisseurs nur bedingt geeignet ist und letztlich wohl bei den wenigsten Anklang finden wird. Seit 5.5. auf DVD/BluRay.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

Bild: ©Eurovideo

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