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„Memoria“: Kritik zum neuen Film von Apichatpong Weerasethakul

Es ist wie ein großer Ball aus Beton, der in einen Metallschacht fällt, der von Wasser umgeben ist. Aber erdiger. Wie ein Rumpeln aus dem Kern der Erde … Wie beschreibt man ein Geräusch, das sonst niemand außer man selbst hören kann? Ein Geräusch, das unvermittelt im eigenen Kopf stattfindet und einen durch die Zeit folgt? In „Memoria“, dem neuen Film des Thailänders Apichatpong Weerasethakul, versucht Tilda Swinton die richtigen Worte und den Ursprung dessen zu finden, was sie und uns ganz plötzlich heimsuchen wird.

von Madeleine Eger

Die Werke von Weerasethakul, die bereits mehrfach in Cannes mit großen Preisen prämiert worden sind (ua. „Tropical Malady“ und „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“) , zeichnen sich vor allem durch ihr ruhiges, gemächliches, aber nie stillstehendes Wesen aus. Gepaart mit nuancierter Kameraarbeit und Bildkompositionen, die oft zwischen Traum und Realität schweben und sensibel mit Licht und Raum umgehen, sind die vielschichtigen Filme des Regisseurs wenig genrekonform und dabei irgendwo zwischen künstlerisch und experimentell. „Memoria“, der erste englischsprachige und gleichzeitig nicht in Thailand verortete Film des Regisseurs, bildet da keine Ausnahme und wird zu einer kaum fassbaren Reise durch Erinnerungen und Mysterium.

Die Botanikerin Jessica (Tilda Swinton) besucht ihre kranke Schwester im Krankenhaus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Gegen morgen wird sie plötzlich durch einen lauten dumpfen Knall aus dem Schlaf gerissen und leidet fortan an Schlaflosigkeit. Zunächst glaubt Jessica noch, es handelt sich dabei um Bauarbeiten am Nachbarhaus. Allerdings stellt sie fest, dass ihr das Geräusch in den abwegigsten Situationen begegnet und nur sie allein es hören kann. Zuerst eingeschüchtert und verunsichert, dann immer mehr fasziniert und neugierig macht sich Jessica auf die Suche nach Antworten und dem Ursprung des Phänomens, das ihr Leben aus dem Takt gerissen zu haben scheint.

Im Dämmerlicht der Nacht, in absoluter Stille, zerreißt ein Knall die Ruhe und lässt nicht nur Jessica hochschrecken. Schlaftrunken ist die Desorientiertheit von ihr sofort spürbar. So wie sich Jessica fragt, woher das Geräusch kommt oder ob es in der nächtlichen Stille, die nach wie vor die Dunkelheit dominiert, überhaupt existiert hat, ist der Knall für uns als Beobachtende etwas Unerklärliches, höchst Seltsames, vielleicht auch Beunruhigendes. Die Szene könnte ebenso aus einem horrorähnlichen Mysterythriller stammen, bei dem man jeden Augenblick damit rechnet, das etwas passiert und selbst die unscheinbarsten Momente in nervenaufreibender Anspannung münden. Tatsächlich spielt Weerasethakul mit dieser Dynamik noch ein wenig. Da ist es einmal ein Hund, der ihr durch die Straßen von Bogotá zu folgen scheint, die Lichter, die trotz ihrer Anwesenheit einfach erlöschen oder die Alarmanlagen von mehreren Autos, die wie von Geisterhand für ein kurzes aber kraftvolles Hupkonzert aufheulen. Während wir dem Szenario gespannt beiwohnen, wirkt auch Jessica zusehends gefangen von dem Gedanken an ihr plötzlich erlebtes Geräusch, oft sogar abwesend. Gerade den Augenblick, als diese bei dem Soundtechniker Hernán ihren Ton versucht wiederzufinden und dieser aufgrund ihrer Beschreibung Schritt für Schritt dem Erlebnis näher kommt, spielt Tilda Swinton mit einer unfassbaren Wucht auf und holt die innersten Gefühle fast greifbar nach außen. Die unerklärliche Ergriffenheit, die emotionale Macht, die das Geräusch auslöst, lässt sie augenscheinlich versteinern, aus der Welt entgleiten, bevor sie Hernán aus dem hypnotischen Zustand zurückholt.

Es ist nicht die einzige Szene, die der Regisseur minutenlang in fast absoluter Bewegungslosigkeit auf die Leinwand bannt und damit eine nahezu unfassbare Kraft und immensen Ausdruck heraufbeschwört. Einerseits ist man gefesselt von dem wunderbaren Schauspiel, das sich dort entwickelt, andererseits bietet uns Weerasethakul auch mehrfach an, für wenige Momente die Augen zu schließen und der inneren Stimme zu lauschen, bis sich eigenen Gedankenbilder oder Erinnerungen ihren Weg bahnen. Fast schon meditativ wirkt „Memoria“, fließt auf dem Strom der Zeit dahin und transportiert uns immer mehr in die Figur, in das Erleben von Jessica selbst. Bis wir gleichwohl gespannt darauf warten, in welchem Augenblick sich der Ton erneut seinen Weg in den Gehörgang bahnt und welche Entwicklung die Spurensuche mit sich bringt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich der Film dabei zusehends von den irdischen Gesetzten zu verabschieden scheint und ein Konstrukt erschafft in dem Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart wie selbstverständlich nebeneinander existieren und erfahrbar sind. „Memoria“ ist durchaus herausfordernd, manchmal beängstigend oder bestimmt von Unberechenbarkeit. Gleichzeitig ist der in Cannes ausgezeichnete Film angenehm beruhigend, fantasievoll, sogar traurig, jedoch immer wieder überraschend. Eine unerwartete Geschichte über Schallwellen, die sich im Kern oft gefiltert oder reduziert im Gehörgang festsetzten, aber dennoch einen tieferen Eindruck hinterlassen, als man vielleicht meint.

Fazit

Ein Film, den man nicht sieht, sondern spürt, regelrecht erlebt. „Memoria“ ist eine akustisch meditative Erfahrung für die Sinne. Seit 5.5. in Deutschland im Kino, ab 24.6. in Österreich.

Bewertung

Bewertung: 10 von 10.

(97/100)

Bild: © Stadtkino Filmverleih

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