Website-Icon Film plus Kritik – Online-Magazin für Film, Kino & TV

„Top Gun: Maverick“ – Kritik zum Kinostart

Top Gun Maverick

2 Jahre musste man warten, wenn man die Fortsetzung des 80er-Kulthits „Top Gun“ sehen wollte: Mehrere Pandemie-bedingte Verschiebungen zögerten den Release von „Top Gun: Maverick“ ein ums andere Mal hinaus, bis er schließlich am 26.5. in unseren Kinos landete. Das Warten hat sich gelohnt.

von Christian Klosz

Wer sich etwas mit den Machern hinter diesem späten Sequel auseinandergesetzt hat, konnte bereits ahnen, dass diese Neuauflage eines (weiteren) im kollektiven Gedächtnis eingebrannten Films nicht unbedingt so grandios scheitern musste, wie viele andere davor: Unter den Drehbuchautoren findet sich Cruise-Kollaborateur Christopher McQuarrie, der bereits für die letzten „Mission: Impossible“-Filme verantwortlich zeichnete, am Regiesteuer nahm Joseph Kosinski Platz, der 2017 mit „No Way Out“ für eine positive Überraschung im US-Mainstream-Kino sorgte. Und für die Musik waren erneut Hans Zimmer und Harold Faltermayer (plus Lady Gaga) zuständig, die auch damals für den inzwischen ikonischen Score verantwortlich waren: So konnte man als Fan der Originals von Tony Scott aus dem Jahr 1986 zumindest hoffen.

„Top Gun: Maverick“ beginnt mit gewohnten Klängen und Bildern: Die ersten Minuten sind eine nostalgische und recht offensichtliche Hommage an Scott und den ersten Film, nahezu eins zu eins gleicht die Sequenz jener zu Beginn von „Top Gun“. Danach sehen wir Tom Cruise aka „Maverick“ Pete Mitchell, Airforce-Captain, kaum gealtert und bemüht, seinen einst jugendlichen Charme weiterhin zu versprühen. Er ist heute Testpilot für Hyperschallflugzeuge bei der US-Navy und immer noch bereit, Regeln zu brechen: Als ein aktuelles Projekt mangels Finanzierung vor dem Aus steht, kapert er den Jet, um zu beweisen, dass dieser doch (über) 10 Mach erreichen kann, um so das Projekt (und die Jobs der Crew) zu retten. Das riskante Unternehmen gelingt, „Mav“ ist aber seinen Job los und wird nach Intervention seines alten Kumpels Tom „Iceman“ Kazanski (Val Kilmer), nun Admiral, zu Top Gun versetzt. Dort soll er eine junge Crew für ein mehr als waghalsiges Unternehmen ausbilden: Für einen gefährlichen und technisch nahezu unmöglichen Angriff auf eine feindliche, unterirdische Atomanlage. In dieser Gruppe ist auch Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), der Sohn Mavericks verstorbenen Freundes Nick „Goose“ Bradshaw.

„Rooster“ (Miles Teller)

„Top Gun: Maverick“ braucht einiges an Anlaufzeit: In der ersten Stunde wird das Setting etabliert, die (neuen) Charaktere werden vorgestellt und wir erhalten Einblicke in Mavericks neues Leben, das sich seit damals nicht groß verändert zu haben scheint. Er ist immer noch besessen vom „need for speed“ und schnellen Flugzeugen, sonst aber große Leere, er hat sich inzwischen zum sturen Einzelgänger entwickelt, der die Vergangenheit (den Tod von Goose) nicht loslassen kann. Bis auf seine on-off-Affäre Penny (Jennifer Conelly) und den Iceman spielen andere Menschen oder enge Beziehungen keine Rolle in seinem Leben. Durch die Versetzung zu Top Gun und das Aufeinandertreffen mit Gooses Sohn ist die Konfrontation mit der Vergangenheit freilich vorprogrammiert.

In dieser ersten Stunde wirkt der Film wie eine ganz nette und solide Fortsetzung, die dann und wann Nostalgie-Gimmicks einstreut und eine recht gewöhnliche Story um Schuld, Vergebung und Freundschaft erzählen will. In Momenten flackert der Spirit des Originals auf, aber dessen Magie kann natürlich nicht wiederholt, reproduziert oder gar kopiert werden. Nach der Hälfte aber macht „Top Gun: Maverick“ etwas, das zuletzt nur wenigen Filmen gelang: Er (bzw. Regisseur Kosinski) zieht das Tempo an und entfacht ein immersives Kinofeuerwerk des Sehens, Hörens, Staunens und Fühlens, das sich direkt auf den Zuschauer überträgt. Vor allem die Actionsequenzen sind eine Augenweide und ganz großes Kino, pures Kino im wahrsten Sinne des Wortes, gekennzeichnet durch immense Spannung und rastlose Bewegung, großteils ohne (sichtbare) CGI-Effekte, ein Kunstwerk der Bildermontagen, Kameraaufnahmen und Schnitte. Diese Sequenzen übertreffen qualitativ tatsächlich das Original, das doch mehr von seinen kitschig-schönen Aufnahmen und dem „Feeling“ lebte, weniger von der Action. Und nicht zuletzt gehören diese Szenen hier mit zum Besten, was der Actionfilm in den letzten Jahren zu bieten hatte.

Jennifer Conelly

Auch die durchaus emotionalen Konflikte zwischen den Protagonisten werden im Lauf des Films spürbarer, Kosinski arbeitet – wie schon in „No Way Out“ – gekonnt auf der Gefühlsorgel und setzt berührende und bewegende Szenen wohldosiert ein, damit der Film nicht zu einer rein technischen, aber gefühlskalten Kinomaschine verkommt, wie man das mitunter den letzten „Mission: Impossible“-Filmen, aber auch Christopher Nolans kühn und kühl konstruierten Kassenschlagern vorwerfen kann.

Schließlich gelingt dem Regisseur etwas, mit dem auch bei positiver Erwartungshaltung nicht zwingend zu rechnen war: Ein großer, ganz und gar eigenständiger Actionfilm, der die besten Qualitäten des Genres ehrt, seine eigene Bildsprache entwickelt, die ihn zwar vom Original abhebt, aber ihm dabei nicht hinterherhinkt, und vor allem ein Beitrag zur offenen Diskussion ist, ob und ich welcher Form es Kino eigentlich noch braucht. Die Prioritäten mögen sich verschoben haben, die Zukunft des Films als Medium und der Branche an sich ist „multipolar“ und Streamingplattformen und VOD-Anbieter sind gleichwertige Konkurrenten und Herausforderer des Kinos als ehemals exklusive Orte des visuellen Erzählens und der klassischen Produktionsstudios geworden; aber das Kino als „Sinnestheater“ hat weiterhin seinen Platz und seine Berechtigung, und Werke wie „Top Gun: Maverick“ belegen das nicht nur, sondern fordern es durch ihre schiere Existenz geradezu ein.

Fazit:

„Top Gun: Maverick“ ist eine mehr als gelungene Fortsetzung, die genügend Nostalgie zulässt, um Kontinuität sicherzustellen, aber sich an entscheidenden Stellen traut, sich vom Originalfilm weit genug zu entfernen, um eine eigene Bildsprache zu entwickeln, die nicht minder beeindruckend ist. Zuallererst aber ist das ein richtig großartiger Actionfilm, der einen Funken Hoffnung in das US-Mainstreamkino aufkommen lässt und einfach genial unterhält.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)

weiterlesen: 5 Filme, die beweisen, dass Tom Cruise ein guter Schauspieler ist

Bilder: © 2022 Paramount Pictures

Die mobile Version verlassen