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„Der schlimmste Mensch der Welt“: Kritik zum Kinostart

Es gibt nicht viele Filme, die einen nach dem Abspann für eine Weile aus dem Fenster blicken und über sich selbst und die Welt an sich sinnieren lassen. Der norwegische Regisseur Joachim Trier lädt in seinem neuesten Werk auf eine solche innere Sinnessuche ein, geprägt von jugendlichem Übermut, Lust, Angst, Verlust, völliger Orientierungslosigkeit – und Liebe zum Leben. Ab 2.6. im Kino.

von Christoph Brodnjak

Julie (Renate Reinsve) ist Ende zwanzig und steht eher zwischen den Stühlen als mitten im Leben. Zuerst ist es die Medizin, die sie interessiert, dann doch lieber Psychologie, wobei die Kunst sie dann eigentlich am meisten reizt. Das mit den Beziehungen klappt auch nicht immer. Wie ein Fähnlein im Wind steuert sie zielstrebig auf die dreißig zu. Die zentrale Frage, die sich ihr stets in den Weg stellt: Wer bin ich jetzt, und wer will ich einmal sein?

Wir verfolgen ihre Abenteuer über mehrere Jahre hinweg. „Der schlimmste Mensch der Welt“ teilt sich dabei in mehrere Kapitel, ein jedes offenbart Einblick in die wohl prägendsten Momente in Julies Leben. Jedes Kapitel ist dabei zwar auch ein Abschnitt für sich, aber vor allem ein Puzzlestein, ein weiterer Schritt nach vorne. Der rote Faden, der sich durch die einzelnen Episoden zieht, ist wohl ihre Beziehung zu dem um einiges älteren Comic-Zeichner Aksel (Anders Danielsen Lie).

Julie durchlebt in ihren jungen Jahren die Tumulte des Erwachsen- und Älterwerdens, sich einen eigenen Sinn im Leben zu finden. Immer wieder nimmt der Film tragische und traurige Wendungen, im Gesamten ist er aber vor allem eines: schön. Er zeigt, wie das Leben mit harten sowie herrlichen Momenten gespickt ist, nie Monotonie herrscht, Komik auch an Tiefpunkten zu finden ist und umgekehrt, und dass nichts umsonst ist.

Die Form des Films unterstützt den Inhalt auf jeder Ebene. Die Kamera weiß stets den Zustand der Protagonistin widerzuspiegeln, durch einen sanften Schwenk oder subtile Änderungen des Fokus. Einzelne Sequenzen stechen besonders hervor, die den festen Boden des Buchstäblichen verlassen, und tiefer in das Metaphysische des “schlimmsten Menschen der Welt” und die Romantik des Lebens eintauchen lassen. Pointierte Schnitte verleihen gewissen Momenten erst die richtige Wucht oder tragen zur versteckten Komik der Situation bei. Selbst die Stimme aus dem Off wirkt niemals redundant, sondern trägt einen wichtigen Teil zum Ton des Films bei. Die perfekt aufeinander abgestimmte Wechselwirkung von Bild, Ton, Musik und Schnitt trägt zu einer geradezu ergreifend immersiven Erfahrung bei.

Fazit

Was „Der schlimmste Mensch der Welt“ so wirksam macht, ist, dass er viele Momente der Wiedererkennung und Identifikation zulässt, ganz gleich, wo man selbst gerade im Leben steht: Die einen erkennen sich vielleicht in Julie wieder, oder in einem der anderen, gleichsam sich auf der Suche befindenden Charaktere. Oder man erkennt gar sein altes Selbst, denkt zurück an die eigenen Probleme und Gedanken, die man zu dieser Zeit im Leben hatte. Das ist es doch, was Filme oftmals so magisch macht; sich von den Schönheiten des Lebens mit all seinen Schattenseiten berauschen zu lassen, und vielleicht sogar etwas mehr über sich selbst zu erfahren.

Bewertung

Bewertung: 10 von 10.

(95/100)

Bild: © Filmladen Filmverleih