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„Interceptor“ – Kritik zum Netflix-Start

Es gibt sicherlich bessere Zeitpunkte um einen Film wie „Interceptor“ zu veröffentlichen. Angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine hat ein Werk, dessen Handlung sich zentral um einen atomaren Angriff Russlands auf die USA dreht, automatisch einen bitteren Beigeschmack. Aber die Realität ist die Realität, und Fiktion bleibt Fiktion. Eine Tatsache, die der Film ungewollt deutlich macht.

von Cliff Lina

Der Reihe nach: nach der Aufarbeitung eines persönlichen Zwischenfalls wird Captain JJ Collins kurzerhand zur Unterstützung auf die SBX-1 beordert, einer von zwei Raketenabfangstationen der USA, mitten auf dem offenen Ozean gelegen. Als die zweite Station in Alaska infiltriert und zerstört wird, sind Collins und ihr Team plötzlich die letzte Verteidigungslinie. Doch damit nicht genug, denn zeitgleich werden in Russland 16 Atomraketen entwendet, die nur ein Ziel haben: die Zerstörung von 16 Bundesstaaten der USA. Collins muss auf all ihre Erfahrung zurückgreifen um sich der Übermacht zu stellen, und gerät dabei sowohl in persönliche Konflikte, als auch unter schweren Beschuss.

Das Regiedebüt von Matthew Reilly bietet demnach einige Möglichkeiten seine prekäre Ausgangslage in actiongeladene Hochspannung umzumünzen, was anfangs tatsächlich auch gelingt. Ohne großes Geplänkel steigt „Interceptor“ sofort in die Kernthematik ein und nimmt uns mit auf die im Wasser stationierte Abfangstation. Die Meldungen überschlagen sich und schnell wird klar, dass nicht viel Zeit bleibt um das Überleben von Millionen von Menschen zu sichern. Antagonist und Heldin prallen aufeinander, die Fronten verhärten sich, das Adrenalin auf und vor dem Bildschirm schießt nach oben. Und dann? Dann nimmt sich das Werk eine erste Atempause und der Zuschauerschaft entfaltet sich ein Drehbuch, das mehr Lücken hat als ein Ozean Wasser trägt. Zur Einordnung sei gesagt, dass sich „Interceptor“ durchaus ernst nimmt, was so manche Dialoge umso alberner erscheinen lässt. Die Menschheit blickt diversen Atomangriffen ins Auge, Captain Collins lässt es sich aber trotzdem nicht nehmen ihrem Kontrahenten genüsslich den Mittelfinger zu zeigen. So viel Zeit muss sein.

Die von ihr getroffenen Entscheidungen folgen einem moralischen Leitfaden und sind, in Anbetracht der Umstände, nachvollziehbar. Leider lässt sich dies nicht über die Motivation der Gegenseite behaupten, welche sich in Patriotismus, Geldgier und gekränkter Eitelkeit ergeht. Wahllos wechselnd, je nach Zeitpunkt innerhalb der Story. Und auch der Film selber weiß im weiteren Verlauf nicht so recht, was er denn nun sein möchte. Beginnend als spannender Militär-Thriller, versucht sich Reilly plötzlich eher daran seiner weiblichen Hauptfigur eine tragische Hintergrundgeschichte zu verpassen, sodass sich ihr Verhalten irgendwo zwischen Tomb Raider und #metoo-Debatte einreiht. Solche Themen cineastisch zu verarbeiten ist durchaus löblich, allerdings sollte dies mit Bedacht getan werden. In „Interceptor“ wirkt die Charakterentwicklung wie reines Füllmaterial, welches künstlich eingewoben wird um Tiefe zu suggerieren, die es gar nicht gibt. Als Ergebnis offenbart sich eine heterogene Mischung, die permanent nachjustiert wird und die Handlung – eine nahende Katastrophe unfassbaren Ausmaßes – unnötigerweise in den Hintergrund rückt. Stattdessen werden Cameos eingestreut, die kein Mensch braucht und den Film in keinster Weise vorranbringen. Schade, denn die Action, das Setting und die technischen Gegebenheiten passen und erwecken anfänglich den Eindruck eines gehobenen Trashfilms. Am Ende verbleibt aber nur noch der Trash, und der ist so undurchdacht, dass man nicht einmal mehr Freude daran empfinden kann.

Fazit

Boll und Emmerich wären stolz: was als spannende Militär-Action beginnt, endet bei „Interceptor“ hinten raus im affektierten Desaster. Die interessante Ausgangslage wird schnell über Bord geworfen, jedwede Logik versinkt im Ozean und eine natürliche Charakterbindung zerschellt an der erzwungenen Zurschaustellung nicht relevanter Handlungsstränge – alles unter dem Deckmantel des female empowerment. Einzig die zufriedenstellende Action und die kurze Laufzeit retten das Werk letztlich vor dem kompletten Untergang.

Bewertung

Bewertung: 4 von 10.

(39/100)

Bilder: ©Netflix

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