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„Der Spinnenkopf“ – Kritik zum Netflix-Start

Netflix steckt in der Krise. Was lange Zeit als Gerücht unter der Oberfläche brodelte, lässt sich mittlerweile an konkreten Zahlen belegen: zum ersten Mal beklagt der Streamingriese Verluste bei seinen Abonnenten, was Aktionäre wiederum in blanke Panik versetzte und den Kurs rasant nach unten schießen ließ. Die Konkurrenz läuft dem einstigen Primus den Rang ab, und auch finanziell fährt Netflix den Sparkurs. Account-Sharing soll unterbunden (oder finanziell „bestraft“) werden und die generellen Abopreise steigen kontinuierlich. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

von Cliff Lina

Obwohl sich Netflix immer mehr verschuldet, wird das Geld auf der anderen Seite ohne Umschweife fleißig zum Fenster rausgeworfen. Die Fortsetzungen zu „Knives Out“ lässt man sich knapp 400 Millionen Euro kosten, mit „The Gray Man“ steht die teuerste Eigenproduktion der Geschichte in den Startlöchern und beinahe wöchentlich darf sich ein semi-bekannter Regisseur an der Rettung des Dienstes versuchen. Diesmal in vorderster Reihe: Joseph Kosinski, der mit Filmen wie „No Way Out“ oder zuletzt „Top Gun: Maverick“ zumindest bereits bewiesen hat, dass er etwas vom Filmemachen versteht.

Für Netflix hat er sich nun an die Verfilmung einer Kurzgeschichte gewagt. Aus „Escape from Spiderhead“ wird „Spiderhead“, der sich hierzulande als „Der Spinnenkopf“ präsentiert. Arachnophobiker können die Schnappatmung einstellen, denn der Thriller hat erstaunlicherweise nichts mit den behaarten Tierchen am Kopf. Vielmehr handelt es sich beim Titel um eine gefängnisähnliche Einrichtung, bei der die Insassen via Infusionen als Versuchskaninchen für verschiedenste Substanzen herhalten dürfen. Luststeigernde Mittel sind ebenso in Repertoire wie Flüssigkeiten, die den Redefluss fördern oder schlichtweg wie Lachgas wirken. Was futuristisch und unbedenklich klingt, hat aber auch eine Kehrseite, da alle Stoffe auf Kosten des eigenen Willens funktionieren. Probanden werden zu fremdgesteuerten Marionetten, alles im Sinne der Wissenschaft versteht sich.

Wie so oft startet auch „Der Spinnenkopf“ mit einer spannenden Ausgangslage, die diverse Möglichkeiten offenbart und mit Wohlwollen gar eine Basis für philosophische Gedankenspiele bildet. Dass der Film diese schnell vor die Wand fährt und sich auf seine Geschichte und Protagonisten limitiert, ist gerade deshalb genauso unnötig wie bedauerlich. Erzählt wird lediglich die Story von Jeff, der die Vorzüge und Freiheiten der Einrichtung genießt und dafür täglich einwilligt neue Mittelchen zu testen. Beweggründe für ein solches Verhalten werden im Laufe ergründet, zum Leidwesen aller anderen Charaktere, die sowieso schon blass wirken und danach noch mehr zur Randnotiz degradiert werden. Nur einer stellt sich der schauspielerischen Klasse von Miles Teller: Superheld Thor höchstpersönlich. Hatte sich Chris Hemsworth im letzten Flop „Interceptor“ aus Liebe zu seiner Frau noch mit der Rolle des albernen Cameos zufrieden gegeben, hat es diesmal für die Rolle des Antagonisten gereicht, der im Konstrukt aus Medikamententests und zwischenmenschlicher Dekonstruktion seine ganz eigenen Interessen wahrt. Der begnadetste Akteur war Hemsworth nie, aber was er hier abruft, lässt im Geiste die goldene Himbeere aufblitzen. Selbstgefälliges Overacting trifft auf unkontrollierte Gesichtszüge, zusammengefasst in einer Figur, der jegliche Sympathie abgeht. Selbst für Antipathie reicht es nicht, Steve Abnesti wirkt wie eine Karikatur, die einem schlicht egal ist.

Das gleiche Schicksal erleidet dann auch irgendwann der Film an sich. Spätestens als er versucht eine schwarzhumorige Komponente zu etablieren, geht auch der letzte Funken Ernsthaftigkeit baden. Zur Ehrenrettung sei aber natürlich nicht verschwiegen, dass der Thriller durchaus auch ordentliche Passagen hat. Gerade zu Anfang schafft es Kosinski die Thematik zügig und glaubhaft dazulegen. Auch wenn wir keinerlei Hintergrundinformationen zum Zeitpunkt der Handlung bekommen, geschweige denn dazu warum die Einrichtung überhaupt existiert, ist das Szenario auf seine Art authentisch. Interessanter als die Handlung ist allerdings der Gedanke darüber hinaus, der unweigerlich entsteht wenn sich Filme der (vermeintlichen) Zukunft und dem Spektrum der Künstlichen Intelligenz widmen. Damit umzugehen weiß der Regisseur nicht, was sicherlich auch an der Vorlage liegt. Möglicherweise sollte man es dann aber von vorneherein dabei belassen und nicht krampfhaft versuchen alles zu verfilmen um das sinkende Schiff zu retten – denn eins wird nach der Sichtung deutlich: ohne bewusstseinsverändernde Substanzen ist dieser Versuch abermals nicht mehr als geistloses Amüsement. Selbst Tom Cruise in einem Jet hätte diese Bruchlandung nicht verhindert.

Fazit

Von den acht Spinnenbeinen sind gefühlt sechs spontan erlahmt – „Der Spinnenkopf“ spielt seine grundsätzlich spannende Idee aufreizend lustlos aus und schafft es zu keinem Zeitpunkt seine Zuschauerschaft gefangen zu nehmen. So wirkt das Endergebnis wie eine verunglückte Folge Black Mirror, die es nicht in eine Staffel geschafft hat. Qualitativ bietet Netflix ein weiteres Mal blankes Mittelmaß, aus dem lediglich Miles Teller positiv herausragen kann.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(52/100)

Bilder: ©Netflix

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