Elmar Imanov gelang mit seinem Debütfilm „End of Season“ eine kleine Perle des europäischen Autorenfilms. Film plus Kritik brachte das Werk exklusiv als Österreich-Premiere ins Kino, am 20.6. um 20:00 ist der Film ein 2. Mal in den Breitenseer Lichtspielen zu sehen (-> Tickets). Wir baten den Regisseur zum Interview.

von Christian Klosz

Elmar Imanov

Film plus Kritik: Wann und wie kam dir/euch die Idee zum Film?

Elmar Imanov: Bei unserem Kurzfilm „TORN“, den wir mit denselben drei Schauspielern gedreht hatten, ging es teilweise um einen Mann, der die Geschichte erzählt, wie er ständig Angst hatte, dass er seine Frau, die er liebte, verlieren würde. Er wusste nicht, woher diese Angst kam, aber sie war immer da. Dann eines Tages war er mit ihr am Strand und sie ist dort im Meer ertrunken.

Uns ging es hier mehr um den kreativen Prozess an sich. Die Geschichte war, wie oben beschrieben, die Ausgangssituation. Mit meinem Bruder Anar habe ich dann 10 Tage lang in seiner Berliner Küche an der Geschichte gearbeitet. Viele Charaktereigenschaften oder Szenen, auch ganze Charaktere sind aus unserer Umgebung geliehen und etwas verändert. Nach diesen 10 Tagen standen ein paar Seiten Drehbuch. Wie es weiter gehen sollte war völlig unklar. Ich habe bewusst die Zeit und das Format genutzt, um einige Experimente zu machen, in der Dramaturgie sowie im Stil und auch dem eigentlichen Prozess des Filmemachens. So wusste niemand aus dem Team, wohin die Geschichte sich entwickelt. Auch die Schauspieler nicht. Also spielten sie von Szene zu Szene, was für sie ungewohnt war. Machmud (der Sohn des Protagonisten-Ehepaares, Anm.) wusste erst am jeweiligen Tag des Drehs was er spielen wird.

Auch die Kamerafrau Berta Valin und Driss Azhari hatten eine Kamera und waren gleichwertig für die Bildgestaltung verantwortlich, was ebenfalls ungewöhnlich ist. Leider wurde aus dem kreativen Experiment hier am Ende „nur“ ein soziales. Trotzdem war das sehr interessant.

Wie habt ihr es geschafft, diesen Film (selbst) zu finanzieren?

Damals im Sommer 2017 hatten wir so eine Art Tief in unserer Firma. Wenn wir das spüren, dann rufen wir unsere Freunde weltweit an und drehen einen Film. Dasselbe haben wir in Italien 2020 gemacht. Auch mit „End of Season“ war das so. Deswegen spielen hier dieselben Schauspieler wie auch in „TORN“. Das Trio hat zugesagt und die Rollen wurden für sie geschrieben. Sie haben mir zugesagt, ohne Honorar zu arbeiten, bevor sie das Drehbuch kannten. Auch die Kameraleute waren sofort dabei, wofür wir sehr dankbar sind. Trotzdem brauchten wir Geld. Also haben wir einen Kredit aufgenommen und sind damit und mit unserem Techniksponsor Finder TV nach Aserbaidschan geflogen. Dort hatten wir Unterstützung des Studios, das uns Fahrer und einen 1. AD zur Verfügung gestellt hat. Ohne ihn wäre alles viel komplizierter geworden. Wir haben alles selbst gemacht. Nach dem Dreh und einem Rohschnitt haben wir dann die Postproduktionsförderung bekommen und konnten den Film fertigstellen.

Wie kam es zum Namen „End of Season“ und was waren/sind eure eigenen Assoziationen dazu?

Als wir nach Aserbaidschan kamen, hat uns am Anreisetag die Motivgeberin abgesagt. Also mussten wir nach einer neuen Wohnung suchen. In dieser Zeit wurde es immer kälter und irgendwann war es Ende der Saison, als wir anfangen konnten zu drehen. Daher ist im Film auch die Bar am Strand geschlossen. Da hatten wir diese Idee, den Film so zu nennen. Der Gedanke dahinter ist offensichtlich aber zweideutig und deswegen fanden wir es passend.

Ich denke, der Titel muss mit dem Film zusammen einen dritten Gedanken ergeben. Jeder von uns lebt in verschiedenen seasons, die sehr individuell proportioniert und portioniert sind. Hier endet die Saison für alle drei. Familie wird anders sein, Emigration, Erwachsenwerden, selbständig sein. Alle drei Charaktere erleben diese Transformation vom Alten ich zum Neuen in den 24 Stunden, die der Film erzählt.

Ich fand die Charaktere sehr interessant, da sie echt wirken und Ecken und Kanten haben, vielleicht auch weil sie irgendwie „sympathische Außenseiter“ sind. Gab es da (persönliche) Vorbilder für die Filmfiguren?

Genau, wie oben beschrieben 🙂

Was war die Idee hinter den oft langen und frontalen Kameraeinstellungen, die die Gesichter der Protagonisten einfangen?

In den Gesichtern kann man vieles ohne Worte kommunizieren. Augen sprechen eine sehr klare Sprache. Wenn man dem Zuschauer genug Zeit und Raum gibt, es zu lesen, kommt es zur echter Kommunikation zwischen Film und Rezipient.

Allgemein fand ich den Film und die Probleme, die er darstellt, sehr zugänglich und auch „als Mitteleuropäer“ verständlich, da er doch sehr universelle Fragen und Konflikte behandelt. Gibt es etwas spezifisch Aserbaidschanisches an den Figuren oder der Handlung, das einem als „Outsider“ vielleicht entgeht?

Meine Eltern sind Architekten, meine Mutter auch Künstlerin. Ich bin glücklicherweise mit dem Gefühl für Raum aufgewachsen. Baku hat eine Besonderheit. Es ist wie ein Amphitheater und die Bühne ist das Meer. Durch Kapital aus der Ölförderung wurde viel in Bau investiert. Aber wegen der hohen Korruption wurde die Stadtplanung mit Füßen getreten. Die Stadtarchitektur pervertiert zu einem hässlichen Bild. Durch das Amphitheater konnte man von überall das Meer sehen, jetzt sieht man die Nachbarn und hört Baulärm. Deswegen sieht man nie etwas durch das Fenster. Es war mir wichtig, aus eine Wohnung zu erzählen, vor deren Fenster noch ein Haus steht. Das ist eines der kleinen Dinge, die man als Ausländer möglicherweise übersieht.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Gab es auch Überlegungen, den Film anders enden zu lassen?

Nicht wirklich. Aber interessant wäre, den Film neu herauszubringen und nur einen Schnitt anders setzen. Das wäre ein ganz anderer Film. Vielleicht ist es ja in paar Jahren möglich, solche Experimente zu machen. Ob Festivals das trotzdem zeigen würde? Ich probiers‘.

Um zum Schluss einen Sprung in die Gegenwart zu wagen: Auch die Protogonisten in „End of Season“ finden sich „zwischen den Welten“, zwischen Ost und West, alter Geschichte und Postmoderne, etwas, das bestimmt auf viele ehemalige Sowjetrepubliken zutrifft. Kannst oder willst du – im Lichte der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine – eine Aussage oder Prognose über die Zukunft und die Herausforderungen dieser Region treffen?

Es ist schwierig, irgendeine Prognose zu wagen. Im Grunde bin ich ein Optimist, was die Gesellschaftsentwicklung angeht und bin überzeigt davon, dass die Digitalisierung als Gesellschaftswandel alles beschleunigen wird und mehr Bildung nach sich zieht und das wiederum erhöht die Chancen für ein friedliches Zusammenleben. Wir haben 2014 in der Ukraine im Donbass während des Krieges einen Dokumentarfilm gedreht, der in Deutschland im Kino war, „Langes Echo“ (Premiere in Vison du Reel, Nyon) von Veronika Glasunowa und Lukasz Lakomy. Dann den Film „Kabil, City in the Wind“ (IDFA Eröffnungsfilm) in Afghanistan von Aboozar Amini. Zuerst kamen die Taliban und (die Produzentin, Anm.) Eva Blondiau musste über Wochen die Leute da raus holen. Dann dieser abscheuliche Akt sinnloser Gewalt oder sinnloser Akt abscheulicher Gewalt. Dieses Jahr kam unsere Produktion „5 Dreamers and a Horse“ (Vision du Reel, HOT DOCS) aus Armenien heraus und während des Drehs entzündete sich der zweite Karabach-Krieg. Soweit ich weiß ist es das erste Mal, dass ein ethnischer Aserbaidschaner und ein Armenier zusammen einen Film machen. Das ist gut so und wir machen weiter.

Vielen Dank für das spannende Interview!

Bilder: © Color of May / Elmar Imanov