„True Crime-Serien“ galten bisher meist als inhaltlich seichte und reißerische Formate filmischen / dokumentarischen Erzählens: Der Fokus lag auf direkter Schockwirkung, Massen konnten sie ob der oft billigen Machart schon lange nicht mehr vor die Bildschirme locken, das Publikum war übersättigt und wenig interessiert. Daher wurden viele True Crime-Dokus meist ins Spätprogramm diverser TV-Sender verfrachtet oder liefen in ganzen Blöcken auf Nischensendern.

von Christian Klosz

Das hat sich geändert. Spätestens seit „Making a Murderer“ und „Tiger King“ haben gut gemachte und wertig produzierte True Crime-Dokuserien und -filme Hochkonjunktur auf den Streamingdiensten: Insbesondere auf Netflix folgten vergleichbare Werke, viele davon überraschend gut gemacht, recherchiert und inszeniert. Sie handeln von gerissenen Con-Artists und flawed protagonists, „bösen Menschen“, die andere betrügen, belügen, manipulieren und hinters Licht führen, Gewalttätern und deren Verbrechen, korrupten Institutionen und unglaublichen Kriminalfällen. Das Publikum taucht ein in eine geheimnisvolle, gefährliche, fremde Welt, von der eine morbide Faszination ausgeht.

Folgende Liste stellt die zehn besten, derzeit auf Netflix verfügbaren True Crime-Dokus (Serien und Filme) vor. Die Plätze 10 bis 6 kann man HIER nachlesen.

Platz 5: „Monsters Inside: Die 24 Gesichter des Billy Milligan“

Wer auf Shyamalans „Split“ steht, sollte sich diese faszinierende Doku-Serie anschauen, denn der Film inklusive des an „multipler Persönlichkeitsstörung“ leidenden Protagonisten ist inspiriert von dem Fall Billy Milligan, dessen gerichtliche Verteidigungsstrategie auf dem Vorliegen einer solchen psychischen Störung basierte: Er könne sich nicht an seine Vergehen (u.a. Vergewaltigung) erinnern, da diese von anderen „Persönlichkeiten“ in seiner Psyche begangen wurden. „Monsters Inside“ ist eine fasselnde Doku, die vor Allem für Zuschauer mit psychologischem / psychiatrischem Interesse zu empfehlen ist, da sie viel über die Funktionsweise einer (tramatisierten) Seele erzählt – sofern man an die Theorie glaubt.

Platz 4: „FYRE: The greatest party that never happened“

Temporeich erzählte Geschichte von Aufstieg und Fall eines megalomanischen Con-Artists, Billy McFarland, der das größte aller Party-Festivals ever plante – das in einer völligen Katastrophe endete. McFarland hatte es durch den Vertrieb exklusiver Kreditkarten zu Ansehen und Geld gebracht und wollte sein gerissenes Geschäftsmodell auf eine größere Ebene hieven, tat sich mit Rapper Ja Rule zusammen, um „FYRE“ zu bewerben und seinen Festival-Besuchern „exklusive Künstler, Locations, Kulinarik und Luxus“ zu bieten, wofür diese zigtausende Dollar zahlten. Nur: Sie bekamen nie etwas von all dem zu sehen.

Platz 3: „Making a Murderer“ (Staffel 1 + 2)

Ein unbescholtener US-Bürger in einem abgelegenen Kaff in Wyoming wird 1985 eines Verbrechens (Vergewaltigung, Mord) bezichtigt, das er nicht begangen haben will. Die Polizei arbeitet mit Hochdruck daran, jenen Steven Avery als Täter zu überführen, er wird bei seinem Prozess verurteilt und kommt ins Gefängnis. 18 Jahre später, 2003, beweist ein nun möglicher DNA-Test Averys Unschuld und überführt den wahren Täter, Avery kommt frei und will die Behörden verklagen. Im Herbst 2005 werden im Zuge dieser Klage einige Polizisten befragt, die 1985 in fragwürdige Vorgänge involviert gewesen waren, die (angebliche) Beweise hervorbrachten und Avery später überführen sollten. Es geht um ihre Karriere, eine Millionensumme und das Ansehen der Behörden. Wenige Tage später findet man eine Leiche auf Averys Anwesen, kurz darauf wird er verhaftet. Der Vorwurf: Vergewaltigung und Mord. Wieder. – Dieser kurze Plot-Abriss reicht an sich schon aus, um die Einzigartigkeit und Absurdität dieses Falles zu veranschaulichen, der in 10 60-minütigen Folgen (10 Folgen je Staffel) minutiös rekonstruiert und dokumentiert wird. „Making a Murderer“ schockiert ob des unfassbaren Ausmaßes an sichtbar werdender Korruption in US-Behörden wie Justiz und Polizei, die er zwar nicht endgültig beweisen, aber durch haufenweise Indizien mehr als nur nahelegen kann. Tiefe Recherche, gelungener Schnitt und enormes Detailreichtum machen die Serie zu einem wahren Meisterwerk des Genres.

Platz 2: „Wild Wild Country“

Eine großartige Doku-Miniserie, die völlig zurecht den Emmy in ihrer Kategorie gewann: „Wild Wild Country“ erzählt die packende, teils unglaubliche Geschichte des Philosophie-Gurus Osho (oder Rajneesh, Bhaghwan) und seiner spirituellen Sannyas-Bewegung, ihrem Versuch, in the middle of nowhere in the USA eine Kolonie, eine neue Gesellschaft aufzubauen, und dem grandiosen Scheitern dieser Utopie, die wie immer an der Machtgier einzelner zerbrach. Nebenbei erfährt man so einiges über eine faszinierende Philosophieschule, deren spirituelle Lehren – und den mysteriösen Urheber, der nicht von dieser Welt zu sein scheint.

Platz 1: „Tiger King“ (Staffel 1):

„Tiger King“ porträtiert mehrere Großkatzen-Züchter in den USA und eine verrückte Halbwelt voller Betrug, Lügen, Gier und Mord, bevölkert von schrägen Figuren, outsiders, unfassbaren Exzentrikern, die in irgendeiner Form mit dem selbsternannten Tigerkönig Joe Schreibvogel aka Joe Exotic in Verbindung stehen. Dieser larger than life – Charakter wird im Film als gay, gun-loving, drug addicted hillbilly redneck vorgestellt, wobei auch diese durchaus blumige Beschreibung nicht annähernd ausreicht, um Joe Exotic gerecht zu werden. „Tiger King“ dokumentiert, ohne Partei zu ergreifen oder moralisch zu (be)werten. Insofern ist das Publikum stets gefordert, sich selbst Gedanken zu machen, Position zu beziehen (oder auch nicht) – oder sich einfach köstlich amüsieren zu lassen, denn höllisch unterhaltsam ist „Tiger King“ allemal. -> Ausführliche Kritik