Kaum haben sich Fans von “Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ erholt, kommt auch schon der nächste Teil der Marvel-Saga ins Kino: Regisseur Taika Waititi erntete mit „Thor: Ragnarok“ sowohl finanziellen, als auch kritischen Erfolg und durfte somit auch den vierten Film des nordischen Gottes übernehmen. Doch kann der Neuseeländer mit seinem speziellen Humor in der Welt der Superhelden wirklich zweimal punkten? Das Ergebnis gibt es als „Thor: Love and Thunder“ seit 6.7. im Kino zu sehen.

von Natascha Jurácsik

Dem Gott des Donners (Chris Hemsworth) ist es seit seinem letzten Solo-Abenteuer nicht gerade gut ergangen: Seine Heimat ist zerstört, sein Bruder ist tot – schon wieder – und nach all den Verlusten weiß er nicht so genau, wo er tatsächlich hingehört. Nach einigen chaotischen Missionen mit den Guardians of the Galaxy macht sich Thor auf, den mysteriösen Gorr zu stoppen, bevor er aus Rache mit seinem mythischen Schwert sämtliche Götter des Universums auslöscht. Dabei läuft ihm seine alte Flamme Dr. Jane Foster (Natalie Portman) über den Weg – allerdings hat sie sich mächtig verändert und nimmt nun mit Mjölnir die Rolle des Mighty Thor ein. Zusammen mit Valkyrie und Korg versuchen die beiden Blitz-Bändiger den „God Butcher“ aufzuhalten, bevor es zu spät ist – wobei es ordentlich zwischen ihnen funkt.

Immer wieder hört man Beschwerden darüber, dass neuere MCU-Beiträge mit ironischen Witzen die Spannung ihrer Handlung untergraben. Auch „Thor: Love and Thunder“ wird diese Kritik über sich ergehen lassen müssen, denn tatsächlich kommt er eher einer Action-Komödie gleich als einem typischen Superhelden-Film. Doch ein Blick hinter die scheinbar Witz-beladene Fassade lässt etwas mehr vermuten: Waititi arbeitet auf einer interessanten Meta-Ebene, was seinen von Christian Bale wirkungsvoll verkörperten Bösewicht angeht, denn die Götter in seiner Geschichte sind keine imposanten Idole, sondern egozentrische Rockstars, die sich auf ihrem bisherigen Ruhm ausruhen – ein wenig wie die einst heroischen Figuren von Stan Lee & Co., die aus den Seiten ihrer Comicbücher auf die große Leinwand sprangen, um eine ganze Generation von Kinobesuchern zu inspirieren, nur um langsam aber sicher zum Goldesel der schwarzen Maus mit den runden Ohren zu werden.

Auch eingefleischte Fans der Reihe müssen zugeben, dass die Magie der Filme – mit einigen wenigen Ausnahmen – nach „Avengers: Endgame“ nicht zwingend verschwand, aber definitiv abnahm. Daran sind Kevin Feige und Co. teils selbst schuld, denn mit fast jedem neuen Zuwachs stellten sie eine noch höhere Macht, eine noch größere Bedrohung vor, wodurch die Errungenschaften und Opfer der originalen Avengers nach und nach zur Pointe eines schlechten Scherzes wurden.

Waititi baut die Realität der Marvel-Filme in „Thor: Love and Thunder“ mit ein, indem er sagt: „Ihr habt aus euren Helden Witzfiguren gemacht, also behandle ich sie auch als solche.“ In diesem Sinne übernimmt er die Rolle des „God Butchers“, aber nicht ohne dem Publikum einen kleinen Hoffnungsschimmer zu überlassen, denn an Herz fehlt es seinem Werk – und insbesondere seinem Thor – nicht. Auch wenn er dabei vermutlich eine erhebliche Anzahl an Fans verlieren wird, ist er im Grunde der Anti-Snyder der Superhelden-Streifen: Denn wo sein bei der DCEU tätige Kollege mit Slow-Motion und viel Drama seine Protagonisten als über den Köpfen der Massen schwebende Schutzpatronen darstellt, verlässt sich Waititi auf seinen Sinn für Humor, um die Menschlichkeit dieser nicht-ganz-so-menschlichen Charaktere zu betonen. Ob ihm dies gelingt, ist letztendlich Geschmackssache – aber wenn man bereit ist, die bisherigen Konventionen des Genres beiseitezulegen und sich einfach unterhalten zu lassen, kann „Thor: Love and Thunder“ durchaus als Spektakel punkten.

Jedenfalls sind die Dialoge gelungen, die Figuren sympathisch und auch wenn nicht jeder einzelne Witz sitzt, funktioniert die Kombination aus Action, Ironie und einem Rock-Soundtrack, der knallt, recht gut, sodass keine Langeweile aufkommt. Überzeugte MCU-Gegner wird der Film wohl nicht umstimmen, aber zur Not überlässt man die Sitzplätze denjenigen Kinobesuchern, die einfach ein wenig abschalten möchten.

Fazit

Der vierte Solo-Film des Donnergottes ist auf den zweiten Blick kein typischer Marvel-Streifen: Taika Waititis Versuch, einen Superhelden-Film für ein Publikum zu schaffen, das nicht mehr an diese Helden glauben kann, ist ein eklektischer Mischmasch aus Witz, Emotion und Meta-Kommentar, der garantiert nicht jedem gefallen wird. Aber wer gerne lacht, einen gelungenen Antagonisten schätzt und sich auch an einem Überfluss an CGI nicht stört, sollte sich im Kino einfach zurücklehnen und von „Thor: Love and Thunder“ vom stressigen Alltag ablenken lassen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bilder: ©Marvel Studios 2022