Website-Icon Film plus Kritik – Online-Magazin für Film, Kino & TV

„Spiral“ – Kritik zum Kinostart

Schenkt man bösen Zungen unreflektierten Glauben, befindet sich Hollywood auf dem absteigenden Ast. Filmemacher interessieren sich nicht mehr für die Qualität ihre Erzeugnisse, sondern achten nur noch auf korrekte Umgangsformen, genderneutrale Ausrichtung und political correctness. Zum Teil mag an dieser überspitzen Formulierung durchaus etwas dran sein, die sogenannte „woke culture“ gerät immer mehr in den Fokus, oft werden Besetzungen mehr diskutiert als die Filme per se. Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass es die natürliche Einbindung von Menschen aller kulturellen oder sexuellen Ausprägungen schon immer gab, sie steht heute nur deutlich mehr im Rampenlicht von Fans und Presse, obwohl sie längst normal sein sollte.

von Cliff Lina

Dass diese Normalität nicht von allen empfunden wird, müssen Malik und Aaron in „Spiral“ schnell feststellen, um den es nun im Einzelnen gehen soll. Das homosexuelle Paar zieht mitsamt Tochter Kayla mitte der Neunziger in ein abgelegenes Haus am Rande einer malerischen Kleinstadt. Doch der beschauliche Schein trügt. Anfangs wirken die Nachbarn der näheren Umgebung nett und herzlich, doch schnell häufen sich die seltsamen Ereignisse. Während Aaron versucht die Ruhe zu bewahren, geht sein Partner den kryptischen Hinweisen nach und gerät in eine Spirale aus Hass, Gewalt und Missgunst. Oder spielt sich doch alles nur in seinem Kopf ab?

Beworben wird der kanadische Spielfilm aus dem Jahre 2019 mit einer „Mischung aus Get Out und Hereditary“ – die Gründe dafür liegen auf der Hand. Malik beispielsweise ist nicht nur schwul, sondern gleichzeitig auch noch farbig. Rückblenden in seine Pubertät berichten uns von Anfeindungen und tätlichen Übergriffen, die offenbar ein Trauma manifestiert haben. All das umschleicht der Film jedoch eher als dass er es wirklich explizit bebildert – womit die Parallele zu Ari Asters Erstlingswerk deutlich wird. Die Atmosphäre steht klar im Vordergrund, Handlung und Charaktere werden erst einmal unter Klangteppichen und unheilvollen Bildern verdeckt gehalten. Wo genannte Referenzwerke sich nach und nach virtuos entblättern, gelingt „Spiral“ dies nur bedingt. Bereits zu Anfang wird relativ klar in welche Richtung der Regisseur steuern möchte, was Spannung nimmt. Darüber hinaus verfängt sich das Drehbuch in einer Hülle von Ideen und Thematiken, die allesamt behandelt werden sollen. Die pubertären Probleme der Tochter lassen sich in der Gesamtbetrachtung aber nur schwer mit der nebulösen Horrortonalität vereinbaren, und wirken schnell wie unnötiger Ballast.

Auch die Bindung zu den Charakteren an sich gestaltet sich mehr als schwierig, was einerseits am lediglich soliden, aber keinesfalls überragenden Schauspiel und vor allem daran liegt, dass sich niemand als Sympathieträger in den Vordergrund spielen kann. Die zwischenmenschlichen Spannungen lassen sich zwar nachvollziehen, aber nur selten mitfühlen. Zu allem Überfluss zerfasert die Geschichte gegen Ende immer mehr, verliert nahezu vollends seinen Fokus und löst sich beinahe exakt so auf, wie es von Beginn an zu erahnen war. Anstelle einer packenden Erzählung über die täglichen Probleme eines homosexuellen Paares in den 90’s, ergeht sich Regisseur Kurtis David Harder in Klischees, den typischen Genremechanismen und uninteressanten Nebenschauplätzen. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Thematik heute aktueller denn je ist und man „Spiral“ in zahlreichen Szenen das Engagement und die eigentliche Vision ansieht, ist es umso bedauerlicher, dass der Film es am Ende nicht schafft die Ängste seiner Figuren greifbar zu machen und die Ernsthaftigkeit der Geschichte authentisch zu transportieren. Die einzelnen Komponenten greifen nie vollends ineinander, was letztlich dazu führt, dass alles irgendwie austauschbar wirkt und die Erzählung nach und nach in einer qualitativen Abwärtsspirale versandet.

Fazit

Manchmal ist weniger eben mehr: In „Spiral“ versucht man sich an einer wilden Mischung aus gleichgeschlechtlichem Beziehungsdrama, aktueller Sozialkritik, übernatürlichem Gruselfilm und seichter coming-of-age Story, wobei problematischerweise nichts davon in Gänze zünden will. Zurück bleibt ein Werk mit ordentlichem Potential, welches aufgrund seines holprigen Drehbuchs lediglich kurze Zeit in den kreisenden Gehirnwindungen verweilt. Ab dem 14. Juli in ausgewählten Kinos zu sehen!

Bewertung

Bewertung: 4 von 10.

(40/100)

Bilder:  ©Indeed Film / Drop-Out Cinema

Die mobile Version verlassen