Generation Z hat die 2000er Jahre für sich entdeckt, sowohl Mode, als auch Musik, Filme und Fernsehen. Die frühe Internetkultur ist bislang allerdings von der Nostalgiewelle großteils verschont geblieben – und das vielleicht zurecht, wenn man sich die neue Dokureihe „Der Meistgehasste Mann im Internet“ auf Netflix anschaut. Sie zeigt, wie Social Media lange vor Cancel Culture und politischer Korrektheit aussah, nämlich wie ein Forum, in dem man absolut alles sagen und teilen durfte. Der „Höhepunkt“ dieser Entwicklung: Die Website IsAnyoneUp.com, die mit ihrem Schöpfer im Mittelpunkt der neuen Netflix-Miniserie steht.

von Natascha Jurácsik

2010 schuf Hunter Moore diese Website, auf der jeder kompromittierende, erotische Bilder von anderen Leuten ohne ihre Zustimmung hochladen konnte. Die Nacktbilder wurden zusätzlich mit Links zu den jeweiligen Social Media Profilen der Abgebildeten versehen, teilweise wurden sogar ihre privaten Telefonnummern hinzugefügt. Als „Erfinder“ des sogenannten Revenge Porn erhielt Hunter Moore den Titel des „Meistgehassten Mannes im Internet“ vom Rolling Stone Magazine und rühmte sich eines extensiven Fanclubs, der sich selbst „The Family“ nannte. 2012 fand der Spaß allerdings ein abruptes Ende.

Der erste von drei Teilen von „Der Meistgehasste Mann im Internet“ versetzt das Publikum zurück in die Jahre, in denen das Internet erst so richtig an Fahrt aufnahm, damals jedoch ohne Restriktionen wie Community Guidelines oder Nutzerregeln. Zunächst wird durch Interviews und visuell das Bild eines digitalen Wilden Westens vermittelt, in welchem so etwas wie Revenge Porn überhaupt erst zustande kommen konnte. Wer sich noch an diese Zeit im World Wide Web erinnern kann weiß, dass Konzepte wie „Cyber Mobbing“ wohl kaum gängige Begriffe waren – folglich konnte man so ziemlich alles sagen, was man wollte.

In der Serie werden nach und nach einige von Moores Opfern vorgestellt, bis die Geschichte in Teil zwei und drei eskaliert und schließlich ihr dramatisches Ende nimmt. Regisseur Rob Miller baut seine Doku gekonnt auf, wodurch die sich teilweise parallel entwickelnden Geschehnisse nachvollziehbar sind und man trotz einer Vielzahl an Informationen und Details den Überblick nicht verliert. Die Einzelgespräche bzw. Interviews mit Betroffenen und in den Fall Involvierten sind von der Länge her stets treffend und bieten mehrere Blickwinkel zum Thema, auch wenn der Fokus klar auf den Opfern liegt. Hunter Moore wurde übrigens gefragt, ob er sich an den Dreharbeiten beteiligen möchte, wie uns eine Einblendung am Ende des Films wissen lässt, lehnte allerdings ab. Wirklich viel hätte er vermutlich so oder so nicht beitragen können, da die Doku zwar sachlich bleibt, aber gleichzeitig klare Stellung zu dem Gezeigten bezieht. Auf manche wirkt dies eventuell zu voreingenommen, allerdings könnte man sich auch fragen, ob das Veröffentlichen von Nacktbildern ohne Einverständnis der abgebildeten Person in den Bereich einer moralischen Grauzone fällt. Tatsache ist, dass die Debatte hierzu nicht bei dem beliebten Argument, man solle solche Fotos halt einfach nicht machen, endet.

Ob die Menschen, deren Leben durch IsAnyoneUp.com ruiniert wurden, selbst eine Mitschuld trifft, muss jeder Zuschauer wohl selbst entscheiden, auch wenn Regisseur Rob Miller hier eine sehr klare Meinung vertritt. Zumindest lässt sich nach Sichtung von „Der Meistgehasste Mann im Internet“ die strenge Einhaltung gewisser Regeln auf Social Media – welche von einigen als beinahe Zensur-ähnlich bezeichnet werden – nun etwas mehr nachvollziehen, auch wenn man sie nicht zwingend gutheißen möchte.

Fazit

Obwohl „Der Meistgehasste Mann im Internet“ nicht ganz so neutral bleibt, wie man es von einer Dokumentation erwarten dürfte, ist er dennoch gut strukturiert und trotz einiger überflüssiger Minuten keineswegs träge. Als Netflix-Beitrag zählt sie somit durchaus zu den besseren Exemplaren! Jetzt auf Netflix zu sehen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(69/100)

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Bild: (c) 2022 Netflix