Fahrije, Mutter zweier Kinder, lebt in dem kosovarischen Dorf Krusha e Madhe. Nach dem Massaker im März 1999 hat sie ihren Ehemann Agim als vermisst gemeldet, wie viele andere Frauen im Dorf auch, die seither um den Verbleib ihrer Geliebten bangen. Ob diese entführt oder getötet wurden, noch am Leben sind oder nicht, kann niemand mit Sicherheit sagen, auch die Behörden nicht, die frustrierend langsam arbeiten bei der Suche und Aufklärung.

von Christian Klosz

Die männerlosen Frauen des Dorfes sollen derweil von der Sozialhilfe leben, die nicht gerade üppig ausfällt, und für Familien mit Kindern ist es nahezu unmöglich, über die Runden zu kommen. Fahrije entschließt sich dazu, den Führerschein zu machen und nach Verhandlung mit einem Supermarktmanager in der Stadt ihr eigenes, kleines Unternehmen zu gründen, mit dem sie Ajvar herstellen will, das dann im Supermarkt verkauft werden soll. Am Anfang wird ihr Vorhaben milde belächelt, abgetan oder gar verteufelt – besonders die alten Männer im Dorf sehen es nicht gerne, dass eine Frau die Sache „selbst in die Hand nimmt“, man will darin eine Respektlosigkeit gegenüber dem verschollenen Ehemann sehen. Nachdem Fahrije erst nur mit der Unterstützung ihrer Freundin Naze beginnt, schließen sich mit der Zeit immer mehr Frauen ihrem Projekt an.

„Hive“ ist ein stilles und ruhig erzähltes Drama, das ganz und gar unprätentiös daherkommt. Der Ort des Geschehens ist ein abgelegenes Dorf im kosovarischen Nirgendwo, wo die Zeit stehen geblieben scheint, nicht nur aufgrund des Krieges: Die Sozialstruktur wird durch geradezu archaische Regeln zusammengehalten, die für den Betrachter oftmals schwer vorstellbar wirken – immerhin findet die Handlung hier nicht im Mittelalter oder in den 50-er-Jahren, statt, sondern zu Beginn der 2000-er-Jahre. In Europa.

Nachdem die Rückkehr der Ehemänner des Dorfes – klassischerweise Ernährer und Versorger der Familien – als äußerst unwahrscheinlich gilt, sollte man meinen, es wäre eine Selbstverständlichkeit, dass die Frauen selbst einen Job annehmen (dürfen), um sich und ihre Liebsten zu ernähren. Immerhin haben wir Beginn der 2000er, wie gesagt. Doch Fahrije wird als „Nutte“ beschimpft, weil sie es wagt, selbst mit dem Auto in die Stadt zu fahren, und ihr kleines Unternehmen wird mit Gewalt sabotiert. Eine „Respektlosigkeit“ gegenüber den verschollenen Ehemännern soll es sein, die den Zorn der älteren Dorfbewohner, vornehmlich Männer, hervorruft. Aber wer sollte die Frauen und Kinder sonst ernähren?

„Hive“ basiert auf der wahren Geschichte einer Frau aus ebenjenem Dorf, wurde aber fiktionalisiert und um dramaturgische Einfälle ergänzt, stellt also kein „Biopic“ dar. Insofern hat es Regisseurin und Autorin Blerta Basholli mit der Dramatisierung vielleicht etwas übertrieben, denn es ist nur schwer vorstellbar, dass eine autofahrende oder arbeitende Frau vor 15, 20 Jahren solchen Hass und Unverständnis auf sich zieht. Möglich auch, dass die kulturspezifischen Hintergründe zu wenig detailliert beleuchtet werden, um nachvollziehbar zu bleiben. Oder Teile des Kosovo waren bis vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich eine zivilisatorische Wüste abseits jeden Fortschritts.

Wie auch immer, schließlich geht es in „Hive“ in erster Linie um die Geschichte einer mutigen Frau, die allen Widerständen trotzt und einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage findet: Darstellerin Yllka Gashi verkörpert Fahrije glaubhaft, aber durch äußerst reduziertes Schauspiel, wie große Gesten überhaupt nicht die Sache dieses Films sind. Das ist einerseits aufgrund des Settings stimmig, wirkt aber beizeiten doch etwas bieder und brav. Niemand erwartet bei solch einem Sujet Hollywoodeske inszenatorische Einfälle und Effekte – ein bisschen mehr Mut und Kreativität bei der Umsetzung hätte aber trotzdem nicht geschadet, gerade um das mutige Handeln der Hauptfigur hervorzuheben. Und ein bisschen mehr Stringenz in der Dramaturgie, denn in manchen Momenten mangelt es „Hive“ an Struktur. Man ist sich nicht immer darüber im Klaren, wann genau gewisse Szenen spielen, wie viel Zeit zwischen den Schnitten und Handlungselementen vergangen sind, was die Einordnung der Geschehnisse und ihrer Konsequenzen manchmal etwas schwierig macht.

Fazit:

„Hive“ gibt sich als Nachkriegs-Drama ebenso unprätentiös wie seine Heldin: Ein nicht uninteressanter filmischer Blick auf ein vergessenes Kapital europäischer Geschichte, einen vergessenen Ort und vergessene Menschen, der in seiner Machart aber beinahe zu zurückhaltend agiert, um einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Überzeugend gespielt, solide erzählt, aber am Ende etwas zu mutlos inszeniert. Ab 8.9. in den deutschen, ab 21.10. in den österreichischen Kinos.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Bild: (c) JIP Film