Seit jeher treibt die Menschheit die Frage um, wie die Zukunft wohl aussehen wird. Wie wird sich der menschliche Körper entwickeln, werden wir irgendwann von Aliens angegriffen und wie lange hält unser Planet den Raubbau, der an ihm betrieben wird, überhaupt noch durch? Medizin und Technologie versuchen das Leben zu verlängern, respektive zu erleichtern, und die Politik versucht Natur und Klima zu schonen – zumindest gibt sie dies vor. Doch die Prognosen sehen düster aus. Eine perfekte Grundlage also für einen schönen Film, der einem die triste Endzeit vor Augen hält.

von Cliff Lina

Ganz so drastisch ist das in „Crimes of the Future“ entworfene Bild aber gar nicht. Menschen gibt es sehr wohl noch, Aliens wurden auch noch nicht gesichtet und die Gesellschaft, so wie wir sie kennen, besteht zumindest in Teilen fort. Der Körper hingegen hat sich entwickelt, gar selbstoptimiert. Genauer gesagt hat sich die Evolution beschleunigt und das Schmerzempfinden wurde weitestgehend ausgemerzt. Anders ließe sich das, was im Inneren von Protagonist Saul Tenser passiert, sicher auch nicht aushalten. In ihm wachsen permanent neue Organe, und mithilfe seiner Kollegin Caprice wird dieses Phänomen zu Show-Zwecken ausgeschlachtet und als Vorstufe des Transhumanismus der neugierigen Masse präsentiert. Ein skurriles Schauspiel, und beängstigend dazu.

Altmeister David Cronenberg kehrt nach Dekaden voller für ihn körperferner Filme wieder zurück zu seinen Wurzeln, widmet sich abermals dem „body“ und präsentiert uns erneut den „horror“, zu dem der menschliche Organismus im Stande ist. Optisch suhlt sich der Film in der erdigen Farbpalette, kehrt den inneren Schmutz nach Außen und erschafft eine immersive Atmosphäre voller, leider augenscheinlich nicht immer ganz handgemachter, Effekte. Mittendrin begegnen uns zahlreiche Figuren, allesamt mit eigener Intention und moralischer Grundausrichtung. Die Einen verstehen sich als Schausteller, sinnieren über den künstlerischen Mehrwert ihrer Arbeit und verunstalten ihre fleischlichen Hüllen – andere wiederum sind besorgt um die Entwicklung und bereiten sich im Hintergrund auf alle Eventualitäten vor um sich selber dazu zu befähigen, den eigenen Fortbestand zu sichern. Das Setting bietet Material für stundenlange Erkundungen und Gespräche, doch „Crimes of the Future“ begnügt sich mit Oberflächlichkeiten, die die Zuschauerschaft anstandslos zu schlucken hat.

Wie die einzelnen Charaktere ihr Dasein empfinden und sie über die Umstände denken, lässt sich oftmals lediglich an Dialogfetzen konstruieren. Gleiches gilt für ihre Vergangenheit. Warum die von Kristen Stewart figurierte Timlin beispielsweise sexuelles Verlangen verspürt wenn Saul seinen geschundenen Körper von Skalpellen öffnen lässt? Man mag es nur erahnen. Das birgt natürlich auch einen gewissen Reiz, eine Unnahbarkeit, die durchaus mit der dystopischen Ausrichtung harmoniert. Doch gerade weil die bespielten Themen so interessant sind, kann es frustrierend sein wenn Handlungsstränge versanden und die Spannungskurve so schlaff bleibt wie ein nicht erigiertes Glied. Ja, ihr habt richtig gelesen. Das ist hier immer noch die Kritik zu einem Cronenberg-Film! Die ganz eigene Stimmung, die der Kanadier heraufbeschwören kann, lässt sich auch in seinem neuen Werk nachfühlen, die für ihn so typische Angst vor Transformation und Mutation wird jedoch nicht mehr greifbar genug. Und das obwohl das Drehbuch laut eigener Aussage bereits 30 Jahre auf dem Buckel hat und nun ohne große Überarbeitung verwurstet wurde.

Daran ändert auch ein groß aufspielender Viggo Mortensen nichts, der sich durch sämtliche Szenen räuspert, ächzt und schleppt. Alle anderen Darsteller neben ihm bleiben dagegen weitestgehend blass. Besonders die angesprochen Stewart oder auch Léa Seydoux zeigen ein sehr minimalistisches Schauspiel ohne große Ausbrüche – was bei einem derart figurenbetonten Werk immer hinderlich ist. Große Gefühlsregungen kann das Werk nicht auslösen, auch der Ekel geht dem Film beinahe komplett ab. Bezeichnenderweise sind gerade die Szenen am stärksten, die den Fokus auf die reine Äußerlichkeit und den so süffisant beäugten Körperkult legen. Wenn Cronenberg die versifften und spärlich beleuchteten Straßen einfängt, seltsame Gestalten darin umherwandeln und Howard Shore seine Stücke erklingen lässt, wünscht man sich glatt einen Ausflug in die nicht näher definierte Zukunft zu unternehmen. Obwohl: eigentlich bin ich mit der Anzahl meiner Organe ganz zufrieden, ganz im Gegensatz zum Film, der massiv Potenzial auf dem OP-Tisch liegen lässt.

Fazit

In gewohnt düsterer Bildästhetik entspinnt sich in „Crimes of the Future“ quasi der sexuell geladene Fiebertraum eines nihilstischen Chirurgen. Cronenberg schneidet, biegt und verunstaltet Körper vor schmutziger Szenerie um sein ganz eigenes Bild vom Verhältnis zwischen Geist und Hülle zu zeichnen. Eine ungemein interessante, futuristische Welt voller Schauwerte, die jedoch von allem leider letztlich etwas zu wenig bietet um einen wirklich tief  in den Organen zu erschüttern. Der Film ist aktuell als Import erhältlich und startet voraussichtlich ab dem 10. November in unseren Kinos!

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(58/100)

Bilder: ©Serendipity Point Films 2021/Festival de Cannes 2022

Bock auf noch mehr Horror? Kein Problem!