Was es bedeutet unter Anosmie, dem kompletten oder teilweise fehlendem Geruchssinn zu leiden, wissen glücklicherweise nur die wenigsten – auch wenn die Corona-Pandemie uns diesbezüglich zuhauf das Fürchten lehrte. Viele wurden aber in ihrer Schulzeit mit dem Thema konfrontiert, genauer gesagt in Form eines Romans, der es zu weltweitem Ruhm gebracht hat. „Das Parfum“ vom Patrick Süskind wird noch heute als Lehrstoff herangezogen und wurde 2006 sogar verfilmt, nachdem Süskind bis dato sämtliche Angebote (unter anderem von Stanley Kubrick oder Steven Spielberg) abgelehnt hatte.

von Cliff Lina

Nun, einige Jahre später, versucht sich der deutsche Regisseur Nils Willbrandt an einer erneuten Verfilmung des Stoffes, hievt die Geschichte aus der französischen Gosse in die deutsche Idylle und interpretiert die Vorlage nach freien Motiven. Soll heißen: die Grundidee wird nicht eins zu eins umgesetzt, sondern im Sinne einer neuen Verlagerung abgeändert und verfremdet. Im Zentrum der Handlung steht nicht mehr der Mörder, sondern die Polizistin Sunny, die sich zum Einstand direkt einem skrupellosen Täter gegenübersieht, der für seine Idee über Leichen geht. Doch auch Sunny findet Interesse an der Thematik und versucht die betörende Wirkung der Duftstoffe für eigene Zwecke zu missbrauchen.

So weit, so gut. Eine neue Note sorgt vorrangig erst einmal dafür, dass die bereits bekannte Erzählung Überraschungen bereithalten kann. Einzelne Szenen erinnern zwar immer wieder stark an das Werk von Tom Tykwer, stehen jedoch zumeist in anderem Kontext und kreieren so etwas Neues, das die Story belebt. Was der Regisseur bei all der künstlerischen Freiheit aber offenbar vergessen hat, ist die Substanz. Mal ganz zu schweigen davon, dass Sunny bei der Verleihung der schlechtesten Polizistin des Jahres eine Favoritenrolle sicher hätte, sind es die typischen Klischees, die der deutschen Filmbranche nachhängen und hier mit voller Breitseite zum Tragen kommen. Sie, eigentlich als moralisches Organ mit Werten und Normen installiert, lässt bei der ersten Gelegenheit jedwede Verhältnismäßigkeit fallen um einer manipulativen Beziehung nachzueifern. Die anfängliche Erschütterung weicht dem Egoismus, und aus dem Krimi wird fortan schnell ein schwülstiger Liebesklamauk, den höchstens Minderjährige in irgendeiner Form glaubhaft finden könnten.

Charaktere werfen sich Phrasen an den Kopf, leere Worthülsen fliegen ziellos durch den Raum und über allem thront das permanente Voiceover der Protagonistin, die die simpelsten Handlungen nochmal bis ins Detail erklärt. Wichtig für alle, die mittendrin mal eine halbe Stunde weggenickt sind – komplett unnötig für die, die in ihrem Leben schon mehr als drei Filme gesehen haben. Aufmachung und Tonalität suggerieren immer wieder eine Spannung, die faktisch nicht vorhanden ist. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts passt die bedeutungsschwangere Schwadronie in das Gesamtbild, im tristen Deutschland der Moderne wirkt die Herangehensweise einfach nur plump und deplatziert. Die äußerst biedere Handlung passt inhaltlich auf eine Parfümprobe, wirklich interessante Szenen ergeben sich bezeichnenderweise immer nur dann, wenn der Film sich selbst in seiner Ernsthaftigkeit zurücknimmt. Wenn Charaktere im nebulösen Licht ins Nichts starren, unerklärbare Grimassen schneiden und der Sound die dümmlichen Dialoge übertüncht.

Und dann wären da eben noch die Schauspieler, die allesamt wirken als stünden sie zum ersten Mal vor der Kamera. Zugegeben, bei einem solchen Drehbuch ist es wahrscheinlich auch schwierig ernst zu bleiben und nicht in affektives Overacting abzugleiten, aber was sich da teilweise an Schauspielkunst offenbart, ist deutlich gruseliger als die Handlung selber. Diese weiß bis zum Schluss der zähen anderthalb Stunden nicht wohin mit sich, kann zu keinem Zeitpunkt einen Standpunkt vertreten und plätschert kraftlos vor sich hin. Nebenhandlungen werden einfach vergessen, Erfolge bei der Ermittlung werden nicht anhand von Fakten, sondern von Gefühlen erklärt und wenn spätestens wenn Sunny zum drölften Mal von Karlotta König, aka Rex, sülzt, möchte man sich die toxischen Substanzen des Killers freiwillig in Augen und Ohren träufeln.

Fazit

Die Kopfnote von „Der Parfumeur“ duftet nach spannender Neuinterpretation eines literarischen Glanzstücks, die Herznote offenbart dann allerdings schnell den typisch deutschen Genrestandard, der zu allem Überfluss in seiner Basisnote nach Einfallslosigkeit und Fremdscham stinkt. Einzig die visuelle Komponente kann stellenweise für frischen Wind sorgen, der Rest ist überstilisierter Nonsense mit der Tiefe einer zerbrochenen Parfümphiole.

Bewertung

Bewertung: 3 von 10.

(27/100)

Bilder: @Netflix