Es ist wieder so weit: der Sommer neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu, die Tage werden kälter, die Nächte länger und Halloween steht praktisch schon vor der Tür. Doch vorher dürfen sich Horrorfans über das alljährliche SLASH Filmfestival freuen, das dieses Jahr 13 wird – doch die Zahl scheint dem Programm kein Unglück gebracht zu haben und Besucher können sich sowohl von alten Favoriten, als auch von neuen Kostbarkeiten das Fürchten lehren lassen.

Der erste reguläre Festivaltag am Freitag war recht gut besucht und die Stimmung entspannt; das Virus hat zwar seine Spuren hinterlassen, doch die Menschen lassen sich offenbar die kleinen Freuden des Lebens nicht mehr entgehen. Maskenpflicht gibt es in den Kinos zwar keine, aber trotzdem trugen viele eine bei den Vorstellungen – der Horror soll halt doch lieber nur auf der Leinwand stattfinden.

Film Plus Kritik bietet wieder einen kleinen Einblick in das Filmprogramm in Form eines „Festival-Tagebuchs“, das täglich um einige schauerhafte Beiträge bereichert wird. Wer es nicht zum Slash schafft oder lieber noch große Gruppen meidet, kann sich hier seine Dosis Genre-Kino holen, zumindest in Form von Empfehlungen. Vorerst, denn bekanntlich landen viele der Festival-Favoriten früher oder später regulär im Kino oder auf DVD/BluRay/VOD.

von Natascha Jurácsik

Tag 2: FR 23.09.

· „Barbarians“, 18:00, Filmcasino

Bestückt mit biblischen Allegorien und reichlich Symbolismus bietet Regisseur Charles Dorfman einen Home-Invasion-Thriller der ganz besonderen Art. Mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Iwan Rheon („Game of Thrones“) & Co. wird hier das Motiv eines peinlichen Abendessens zu neuen Höhen gesteigert, bis man die Spannung förmlich schmecken kann. Die Atmosphäre wird durch die stimmungsvolle Musik, das mit viel Liebe zum Detail geschaffene Setting und eine wunderbare Kameraführung aufgebaut, wodurch man voll und ganz in die Handlung eintaucht und mit jedem neuen Bild einen tieferen Einblick in die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander gewinnt. Interessant ist auch, wie viel Humor der Film tatsächlich hat: Clevere Witze schaffen es, den angespannten Ton aufzulockern, ohne die Dramatik zu unterbrechen. Das Finale hätte zwar etwas „barbarischer“ ausfallen können, doch auch so ist der Film eine Empfehlung mehr als wert.

Rating: 72/100

· „H4Z4RD“, 20:30, Filmcasino

EDM-Musikfans kennen Dimitri „Vegas“ Thivaios als einen der bekanntesten DJs der Szene, doch in diesem Geheimtipp aus Belgien versucht er sein Glück in der Rolle eines Mannes mit einer ganz besonderen Beziehung zu seinem Auto. Als Kammerspiel der etwas anderen Sorte verlässt die Kamera besagtes Fahrzeug erst ganz zum Schluss, aber Regisseur Jonas Govaerts meistert diese schwierige Aufgabe mit Bravour und verzückt die Zuschauer mit kreativen Aufnahmen aus dem Inneren der Maschine. Begleitet wird die Action-reiche Handlung von einem Techno-Soundtrack, der die Ohren sausen lässt, einem farbenfrohen Neon-Look und ganz viel schweinischem Humor. Govaerts war als Gast dabei und erklärte „H4Z4RD“ zu seiner Art Anti-Lockdown-Film, da das schnelle Tempo von seinem Wunsch, die Welt wieder in Bewegung zu sehen, inspiriert wurde. Er dürfte sich über das laute Gelächter des Publikums gefreut haben, denn auch wenn die Story zur Mitte hin etwas an Spannung verliert, saßen die Witze dennoch jedes Mal.

Rating: 70/100

· „Piggy“, 23:00, Filmcasino

Carlota Peredas Spielfilmdebut aus Spanien setzt sich mit dem Thema Rache auseinander und mit der Frage, wie weit man einen Menschen treiben kann, bevor es ihm endlich reicht. Visuell ist der Film sehr gelungen, doch leider schwankt er im Ton ein wenig zwischen psychologischem Drama und B-Movie – Thriller hin und her, bis man sich nicht mehr ganz sicher ist, wie ernst man ihn jetzt ernst nehmen soll. Eigentlich schade, denn die Handlung ist trotz einiger etwas unbeholfener Wendungen vielversprechend – aber eindeutig zu lang. Peredas Erfahrung mit Kurzfilmen zeigt sich hier deutlich, denn auch „Piggy“ hätte lieber bei knackigen 20 Minuten bleiben sollen. So ist er zwar für einen ersten Versuch durchaus interessant, hält aber leider nicht, was die Prämisse verspricht.

Rating: 51/100

„The Profane Exhibit“, 01:00, Filmcasino

Dieser Beitrag kam mit einer Trigger-Warnung seitens der Veranstalter – „The Profane Exhibit“ ist unter Genre-Fans schon zu einer Art Legende geworden, dank einer Produktionszeit, die fast ein ganzes Jahrzehnt umfasste und dem Mitwirken von berüchtigten Regisseuren wie Ruggero Deodato und Uwe Boll. Als Anthologie umfasst der Film zehn kurze Einblicke in die Welt des Extreme Cinema und bietet von Sex über Gewalt bis hin zu sehr viel Blut wirklich alles. Auch wenn einige Titel etwas weniger gelungen sind, als andere, und wohl eher verwirrtes Kopfschütteln als Schock und Ekel hervorrufen, ist diese Sammlung sehenswert. Und bestimmt nichts für schwache Nerven.

Rating: 59/10

Tag 3: SA 24.09.

· „Safe Word”, 20:30, Metro

Ein überraschend herzerwärmender Film aus Japan über die SM-Szene, gedreht im Mockumentary-Stil. Zwar ist er doch recht explizit, was die Darstellung der Sexualität betrifft, doch dank einer geschickten Kombination aus Humor und Drama nimmt die Handlung kaum voyeuristische Züge an und schafft es, der Erotik Motive wie Selbstakzeptanz, Zusammenhalt und sogar Romantik beizusteuern, auch wenn der Ton hier und da auf etwas wackligen Beinen steht. „Safe Word“ schafft das, wobei „Fifty Shades of Grey“ kläglich versagt hat: Eine BDSM-Beziehung glaubwürdig und mit viel Herz darzustellen.

Rating: 69/100

· „Deadstream“, 23:59, Filmcasino

Seitdem Streaming und Videocalls im Internet zur Norm geworden sind, hat auch das Found-Footage-Subgenre einen neuen Anstrich bekommen. „Deadstream“ spielt mit den Konventionen der Online-Kultur und bietet einen satirischen Blick auf die Welt der Influencer; eine Welt, mit der sich die Regisseure Joseph und Vanessa Winter offenbar auskennen, denn trotz des lockeren, komödiantischen Tons ist der Film authentisch und mit viel Liebe zum Detail gemacht. Kein Witz, bei dem das Publikum nicht zumindest leise gekichert hätte – aber auch die Gruselmomente verfehlten ihre Wirkung nicht. Für Fans des Zusammenspiels aus Horror und Comedy ist „Deadstream“ jedenfalls ein echter Geheimtipp.

Rating: 70/100

Tag 4: SO 25.09.

· „All About Evil“, 18:00, Metro

Zehn Jahre nachdem Joshua Grannell – alias Peaches Christ – seinen Film beim SLASH Filmfestival 2012 vorstellte, kehrt er nun zurück, um eine neue Generation von Horrorfans zu erreichen. Mit Legenden des Genre-Kinos wie Mink Stole, Cassandra Peterson, Jack Donner und Natasha Lyonne, bevor sie weltberühmt wurde, ist „All About Evil“ ein Camp-Klassiker, der eingefleischten B-Movie-Liebhabern besonders viel Spaß machen sollte. Auch ein Jahrzehnt später noch verfehlt er seine Wirkung nicht und erzählt die Geschichte einer mörderischen Regisseurin, die versucht, das kleine Kino ihres Vaters zu retten, mit viel Witz, Ironie und einer ordentlichen Portion Melodramatik. Der Subplot des missverstandenen jungen Steven sprach das Publikum ganz persönlich an und bot viel Diskussionsstoff bei der Fragerunde mit Grannell im Anschluss an das Screening. Wer sich an der schmutzigen, chaotischen Seite der Filmwelt zu Hause fühlt, wird dieses kleine Genre-Juwel trotz sämtlicher Low-Budget-Macken schnell lieben lernen.

Rating: 60/100

· „Mandrake“, 23:00, Filmcasino

Eine weitere Kurzfilm-Regisseurin, die beim SLASH ihr Spielfilmdebut präsentiert: Lynne Davison holt sich Inspiration aus der irischen Folklore und schafft mit „Mandrake“ einen atmosphärischen Slow-Burn-Horror mit ominösem Ton. Visuell und stimmungstechnisch ist der Film sehr gelungen und entführt die Zuschauer in die dunklen Wälder Nordirlands. Leider hapert es am Drehbuch, denn die einzelnen Handlungsstränge werden nicht wirklich effektiv zusammengefügt, die Beziehungen zwischen den Figuren bleiben unausgearbeitet und zwischendurch mangelt es dann doch an Spannung, wodurch dramatische Offenbarungen eher wie Randnotizen wirken. Trotz überschaubarer 86 Minuten wirkt „Mandrake“ zu lang und hätte als Kurzfilm vermutlich besser funktioniert, nichtsdestotrotz ist er Fans des Folk-Horror-Genres durchaus zu empfehlen.

Rating: 53/100

Mandrake

Tag 5: MO 26.09.

· „Sissy“, 20:30, Filmcasino

Ein erfrischend bunter Slasher aus Australien, der Teenie-Horror aus den 90ern mit moderner Internet-Kultur und ganz viel Glitzer vermischt – das Resultat ist ein satirischer Blick auf Freundschaft und „Mental Health Awareness“, der mit viel Biss und Humor beinah als Camp durchgeht. Farbenfroh und visuell sehr gekonnt in Szene gesetzt reiht sich „Sissy“ zu anderen Werken des aktuellen Slasher-Revivals und ist für Fans dieses Subgenres ein Muss, auch wenn die Handlung zur Mitte hin etwas schleppend vorangeht und die Moral der Geschichte – falls es denn eine gibt – einen etwas merkwürdigen Nachgeschmack hinterlässt. Trotzdem einer der besten Teen-Horror Beiträge dieses Jahres.

Rating: 63/100

· „Moloch“, 23:00, Filmcasino

Ein weiterer Folk-Horror-Film, diesmal aus den Niederlanden: „Moloch“ erzählt die Geschichte einer Familie, deren Frauen von einem Fluch heimgesucht werden, der auf einer alten Sage über ein junges Mädchen und ihrem Pakt mit einer heidnischen Gottheit basiert. Die Atmosphäre ist bedrückend und wird mit jeder Aufnahme des nebeligen Moors nur ominöser, bis man sich vor Nervosität kaum mehr halten kann. Die Handlung ist gut aufgebaut, die Figuren wirken wie echte Menschen und das Gefühl der Beklemmung überträgt sich schon nach kurzer Zeit auf den Zuschauer. Als Slow-Burner entwickelt sich „Moloch“ zwar langsam, verliert aber nicht die Spannung und bleibt bis zum Schluss interessant. Das Finale ist wahrhaft angsteinflößend und verfehlt die Wirkung nicht, auch wenn der Epilog danach ein wenig zu lang geraten ist: Insgesamt ein sehr guter Folk-Horror-Beitrag, den man eventuell um zehn Minuten kürzen hätte können.

Rating: 67/100

Bilder: (c) Slash