Das „Black Nights Film Festival“ in Tallinn, kurz PÖFF, gehört zu dem guten Dutzend A-Festivals weltweit – also Festivals, die eigene Wettbewerbe abhalten (dürfen) – und ist das einzige solche Nordeuropas. Nach 2020 berichtet Film plus Kritik auch heuer von dem Festival, das neben Kino- auch Online-Screenings anbietet, und stellt einige Filme aus dem offiziellen Programm in kurzen und mittellangen Kritiken vor.

von Christian Klosz

„Roxy“ von Dito Tsintsadze

Thomas ist Taxifahrer, und ein recht seltsamer Geselle: In seiner Wohnung hat alles seinen Platz, er lebt zurückgezogen und in seiner Freizeit pflegt er kaum private Kontakte. Das ändert sich, als osteuropäische Fahrgäste mit organisiert kriminellem Duft, laut Eigenangabe „auf der Flucht“ vor irgendjemandem, ihn als Fahrer anheuern, woraus schnell ein Vollzeitjob als „Mädchen für alles“ wird. Thomas stellt keine Fragen, macht, was man ihm aufträgt, der perfekte Mitarbeiter, er erwirbt das Vertrauen des „Chefs“ der Bande und die Geldbündel werden immer dicker. Bis er schließlich vom Geheimdienstlern kontaktiert wird, die offenbar auf der Suche nach Thomas Auftraggeber sind. Doch auch ihnen ist er einen Schritt voraus.

Als „europäische Antwort auf Taxi Driver“ angekündigt, hat „Roxy“ doch recht wenig mit Scorseses Opus Magnum gemein, außer die Profession des Titel-Anti/Helden. Immerhin ist aber auch Thomas ein schwer durchschaubarer Typ, dessen Motive nicht fassbar bzw. höchst ambivalent sind. Im Großen und Ganzen ist der Film ein ordentlicher slow burning Thriller und eine nicht uninteressante Charakterstudie mit überzeugendem Hauptdarsteller, der eine äußerst seltsame Figur glaubhaft zum Leben erweckt, dem es aber insgesamt an Tempo und Energie fehlt, um einen wirklich über die gesamte Laufzeit fesseln zu können.

Rating: 56/100

Bild: (c) East End Film GmbH