Wo sich andere Regisseure in einem Genre heimisch fühlen und versuchen sich einen Namen zu machen, ist Luca Guadagnino vergleichsweise umtriebig. Seit vielen Jahren in der Branche unterwegs, erlangte der Italiener 2017 größere Bekanntheit, als er in „Call me by your name“ vor traumhafter Kulisse eine Sommerromanze inszenierte, die von Kritikern und Fans gleichermaßen gefeiert wurde. Sein nächstes Werk hätte dann nicht gegensätzlicher sein können, widmete er sich doch einer Neuauflage von Argentos Meisterstück „Suspiria“ – mit Erfolg. In „Bones and all“ finden beide Genres nun zueinander.

von Cliff Lina

Zur Story: Nachdem Maren von einem auf den anderen Tag plötzlich auf eigenen Beinen stehen muss, begibt sie sich auf eine Reise quer durch die USA, zurück in ihre Vergangenheit und zufällig auch in ihre Zukunft. Diese beginnt als das verunsicherte Mädchen auf Lee trifft, der sich ebenso auf einem Trip befindet und seiner neu gewonnenen Freundin anbietet, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Trailer und Marketing kündigten es jedoch schon an: „Bones and all“ ist kein entspannter Ausflug in romantische Gefilde, sondern eher eine moderne Version von „Bonnie und Clyde“, denn auf dem Weg in ein gemeinsames Leben pflastern Leichen die Straße, was beide letztendlich vor eine folgenschwere Entscheidung stellt.

Schauspielerisch setzt Guadagnino dabei auf Altbewährtes. Wie schon 2017 begegnet uns abermals Timothée Chalamet in einer der Hauptrollen. Zuletzt als aufstrebender Wüstenprinz auffällig geworden, überrascht der Amerikaner mit hagerer Optik, gefärbten Haaren und blutverschmierter Kleidung. Vom stolzen Paul Atreides ist nichts mehr zu sehen, Lee ist ein vergleichsweise fragiler Charakter, der sich und seiner Umgebung absolute Überzeugung vorgaukelt, allerdings ebenso von Zweifeln und Ängsten geplagt wird wie Maren, der er zunächst als emotionale Stütze dient. Verkörpert von Taylor Russell, die bereits in „Waves“ ihre Fragilität unter Beweis stellen konnte, ist Maren unser emotionaler Ankerpunkt, dessen Geschichte wir mittels Rückblenden und Tonbandaufnahmen kennenlernen während wir gleichzeitig die Gegenwart mit ihr erleben. Gute Voraussetzungen also für eine packende Geschichte, doch der Film hat ein Problem.

So sehr sich die Protagonisten auch schauspielerisch mühen, so erzwungen wirkt die Liebe, die wir als Zuschauerschaft fühlen sollen. Die anfängliche Zweckbeziehung geht zu schnell in eine Romanze über, ohne dass sich die Charaktere großartig kennenlernen. Die Gespräche sind eher oberflächlich, Handlungen zweckgebunden und die Chemie zwischen beiden lässt Authentizität und Entwicklung vermissen. Es fällt schwer mitzufühlen, wenngleich diese Art der gegenseitigen Vertrautheit von Beginn an existieren mag. Glücklicherweise beschränkt sich „Bones and all“ aber auch nicht auf die amouröse Verbindung, sondern wirft uns immer wieder unvermittelt in unangenehme, blutige Situationen, denen zumeist intensive Dialoge vorausgehen. Die etablierten Nebenfiguren funktionieren, insbesondere Mark Rylance in der Rolle des „Sully“ überrascht mit seiner Leistung und jagt einem mittels Stimmlage und Mimik permanent Schauer über den Rücken.

Die größte Stärke des Films ist zweifelsohne seine Atmosphäre, die oftmals schlagartig umschlägt und keine Zeit zur Vorbereitung bietet. Das Gespür für die Situation ist unverkennbar, und auch wenn die Horror-Romanze ein gänzlich anderes Setting besitzt als eingangs erwähnte Werke, lässt sich Guadagninos Handschrift mühelos erkennen. Szenen bleiben lange stehen, die Kamera ist nah an den Figuren und lässt uns teilhaben an den gefühlten Emotionen, die abgesehen von der träumerischen Liebelei, allesamt glaubwürdig sind. Untermalt von diffusen Klängen versucht sich der Film nicht an einem Urteil, zeigt positive und negative Aspekte im Gleichgewicht auf und stellt seine Stärken nicht unter den Scheffel. Letztlich bleibt es jedem einzelnen selbst überlassen ob er Gedanken, Handlungen und Entschlüsse vermeintlich verächtlicher Charaktere nun situativ nachvollziehen kann oder ob er diese streng verurteilt. Beide Mahlzeiten stellt Guadagnino bereit und richtet sie mit schmackhaften Speisen an. Es ist an uns zu entscheiden von welchem Teller wir am Ende essen wollen.

Fazit

„Bones and all“ ist ein Roadmovie der alten Schule, wandelt jedoch abseits bekannter Pfade und ergötzt sich stattdessen am Wegesrand an kuriosen Figuren und deren Lebensumstände. Eine Romanze ohne Kitsch, Horror ohne Klischees aber leider insgesamt auch nichts, was einen mit Haut und Haaren verschlingen kann. Trotz aller Schwächen verbleibt ein grafisch überraschend expliziter Film, der an seiner Zuschauerschaft nagt und die Sinnsuche in der Andersartigkeit blutrot einfärbt.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(72/100)

Bilder: ©Warner Bros. Pictures