Eigentlich ist der Name Edgar Allan Poe tief in der Horror-Literatur verwurzelt. Der US-Amerikaner gilt als Meister des Morbiden, prägte die Gruselliteratur wie kein Zweiter und inspirierte zahlreiche Nachzügler dazu seine Geschichten aufzugreifen und weiterzudenken. In „Der denkwürdige Fall des Mr. Poe“ steht der gerade 21jährige Kadett jedoch im Zentrum eines fiktiven Krimi-Szenarios, bei dem er einem verwitweten Polizisten bei der Aufklärung dubioser, wenngleich schrecklicher Todesfälle hilft.

von Cliff Lina

Unter der Regie von Scott Cooper, der zuletzt in „Antlers“ ein Händchen für subtilen Horror bewies, begeben wir uns zurück in das New York im Jahre 1830, in dem Poe als Anwärter einer Militärakademie bereits seinen Hang zur Dichtung durchscheinen lässt, damit aber nur wenig Anklang findet. Als eines Nachts ein junger Kompagnon tot an einem Baum hängt, deutet zuerst alles auf Selbstmord hin, bei genauerer Untersuchung zeigt sich jedoch schnell, dass der Fall weitere Kreise zieht. Der Film greift damit reale Handlungspunkte auf, denn Poe war tatsächlich Kadett in West Point, die gezeigten Ereignisse beruhen dagegen lediglich auf Louis Bayards Roman „The Pale Blue Eye“.

Die Rahmenhandlung verweilt dabei ausschließlich in der Akademie, beziehungsweise ihrer Umgebung. Visuell holen Kamera und Drehbuch aber überraschend viel aus den Gegebenheiten heraus, präsentieren uns sowohl dunkle Barracken als auch verschneite Naturabschnitte, in denen die Uniformen der Offiziere oft die einzigen Farbpunkte sind – abgesehen von den blutverschmierten Leichen, die nach und nach im Schnee versinken. Alles wirkt mystisch, als berge die Szenerie ein dunkles Geheimnis und schon innerhalb der ersten Stunden offenbaren sich zahlreiche Verdächtige, die sich auf die eine oder andere Weise in Widersprüchen verstricken. Im Grunde erinnert „Der denkwürdige Fall des Mr. Poe“ an eine Mischung aus Sherlock Holmes und modernen Whodunits, exklusive nerviger Influencer oder Produktplatzierungen. Grüße gehen raus an Rian Johnson und seine gläserne Zwiebel.

Cooper verlässt sich vollends auf sein Ensemble, bei dem Harry Melling als verträumter Dichter nach anfänglichen Schwierigkeiten eine gute Figur macht – auch wenn man sich unweigerlich dabei ertappt seine Rolle im Harry Potter Franchise gedanklich zu verhandeln. Letztlich profitiert er dann jedoch von dem Mann, der ihm zur Seite gestellt wurde. Hier fiel die Wahl auf niemand geringeren als Christian Bale, bei dem man mittlerweile das Gefühl hat, dass er wirklich alles spielen kann. Verglichen mit anderen Werken ist sein Spiel dieses Mal beinahe dezent, aber immer auf den Punkt. Mit seinen tiefen Furchen im Gesicht, dem Vollbart und dem leicht schwankenden Gang haucht er dem verruchten Ermittler Leben ein und erweist sich abermals als Volltreffer. Generell trifft das Werk viele gute Entscheidungen. Die optische Ausrichtung passt perfekt zum Grundtenor der Erzählung, das Tempo ist niemals so rasant, dass ihm nicht zu folgen wäre aber auch nie so träge, dass es ermüdend wirkt.

Eines sei jedoch betont: wer eine pompöse Detektivgeschichte zum Miträtseln erwartet, wird enttäuscht den Kopf in den Schnee stecken. Dafür sind die Figuren letztlich zu flach geschrieben und die Entwicklungen zeitweise zu erahnbar. Die Faszination des Werkes ergibt sich vielmehr aus der visuellen Erhabenheit, in der die Charaktere umher wandeln und mittels derer die unübersehbaren Schwächen kaschiert werden sollen. Wenn Augustus Landon und Edgar Allen Poe bei gediegenem Kerzenschein in einer hölzernen Spelunke sitzen, sich gedankenversunken anschauen und dann in schwülstigen Dialogen gemeinsam an der Lösung des Falls arbeiten, hat das einen ganz speziellen Charme, auf den man sich einlassen muss. Wer sich dazu in der Lage sieht, darf ohne Bedenken ein Auge riskieren. Wer cineastischer Ästhetik wenig abgewinnen kann, wird sich vermutlich schnell an den Baum sehnen, an dem der Auslöser der Geschichte seinem Leben ein Ende setzte.

Fazit

Die in Nebelschwaden gehüllte Schaurigkeit von „Der denkwürdige Fall des Mr. Poe“ weiß vor allem optisch zu überzeugen, und auch der beherzte Storyeinstieg gefällt – doch leider verliert sich die Geschichte zusehends in Erklärungen abseits der Bilder. Besonders das faule Finale trübt das Erlebnis, dessen Setting und Erzählweise sich ausschließlich für Poeten, und beileibe nicht für Proleten eignet. Insgesamt kommt Coopers Gotik-Krimi mit einem blauen Auge davon.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(65/100)

Bilder: ©Netflix