Eine andere Zeit ist möglich! Zumindest war dies zu Beginn der industriellen Uhrenherstellung um 1877 der Fall, als Behörden, Fabrikanten und Uhrenmodelle noch mit je eigenen Zeiteinteilungen operierten, samt damit verbundener Zeitpläne, Werte und Weltbilder. In dieser proto-tayloristischen Gesellschaft, in der Beamte und Gendarmen über die richtige Uhrzeit wachen und dem Produktionsbetrieb und der Gemeinschaft den Takt vorgeben, gründen Arbeiter eine anarchische Gewerkschaft mit Verbindung zur internationalen Arbeiterbewegung. Dort begegnen sich Josephine, die über die Montage der Unruh, des Herzstücks der mechanischen Uhr, wacht, und der russische Kartograf Pyotr Kropotkin, der gerade im Jura weilt. Inspiriert von anarchistischen Ideen fordern sie die Befreiung der Zeit, setzen Solidarität und Pazifismus gegen Marktgesetze und Nationalismus. (Verleih)

von Christian Klosz

„Unruh“ ist nicht nur ein fiktiver Dokumentarfilm über das Uhrenmachen und die Entstehung anarchistischer Bewegungen (von seiner Machart, denn eine eigentliche Handlung gibt es nicht), sondern auch Parabel über die „Unruh“, die solche Bewegungen in (politische) Systeme bringen. Die „Unruh“ als zentrales Element einer mechanischen Uhr ist laut Wikipedia folgendes: „Im Zusammenspiel mit der Hemmung der Uhr sorgt sie für das abwechselnde schrittweise Anhalten und Freigeben des Räderwerks (Laufwerks), das von einer Energiequelle angetrieben wird“ – Natürlich lässt sich auch das als Metapher für das Funktionieren einer Gesellschaft lesen, die Elemente braucht, um Bewegung und Fortschritt (im Gegenspiel mit den „Hemmungen“) sicherzustellen. Die „Unruh“ in „Unruh“ ist die anarchistische Gruppierung, die sich in dem kleinen Schweizer Ort bildet und für stetige Unruhe bei den gewohnten Abläufen sorgt.

Genug aber von metaphorischen Interpretationen und symbolischen Auflösungen: Neben interessanten semantischen Allegorien ist „Unruh“ natürlich auch Spielfilm. Und als solcher hat er leider wenig zu bieten. Die meist aus gewisser Distanz (sowohl räumlich, als auch emotional) aufgenommenen Bilder (abgesehen von den Aufnahmen der Uhrenherstellung) sind zwar meist schön anzusehen, regen aber kaum zur „Interaktion“ mit dem Gesehenen oder den Figuren an. Das mag auch nicht die Absicht gewesen sein, mühsam und anstrengend macht es den Film trotzdem.

unruh

Der zentrale Aspekt des Film von Cyril Schäublin sollte wohl die Darstellung und Glorifizierung einer (historischen) Anti-Establishement-Bewegung sein. Doch auch hier erhält man als Zuschauer/in kaum die Möglichkeit zur direkten Involvierung in das Geschehen oder dazu, emotional nachvollziehen zu können, warum die Figuren sich verhalten, wie sie sich verhalten, warum es damals Notwendigkeit war, anarchistische Kommunen zu bilden und zu fördern, welchen direkten Vorteil die Mitglieder daraus hatten. Es fehlt ebenso eine kritische Einordnung und Reflexion über den Charakter von „Gegenbewegungen“, deren Notwendigkeit. Und deren Schattenseiten. Gerade im Zuge der Corona-Pandemie wurde mehr als offensichtlich, dass „anarchistische“ „staatskritische“ „Freiheits“-Bewegungen schnell zur Pose verkommen können, die keinen Wert haben und das Gegenteil von dem wollen, was sie vorgeben. Auch Trump und Co. operierten mit Anti-Establishement-Posen, die Kapitol-Stürmer wähnten sich als anarchistische Freiheitskämpfer, die „das Volk“ von der „(staatlichen) Bevormundung der Eliten“ befreien wollten. Als zwar historischer Film, der aber auch aktuell sein möchte, ist „Unruh“ hier viel zu kurzsichtig und eindimensional.

Positiv hervorheben möchte man allerdings das Ende, das zum ersten Mal so etwas wie zarte Affekte zulässt und mit seiner Metapher von der „Befreiung von der Zeit“ einen zumindest halbwegs versöhnlichen Abschluss ermöglicht.

Fazit:

„Unruh“ ist ein dokumentarisch anmutendes Spielfilm-Experiment, das eine „Utopie“ nach- und vorzeichnen möchte, aber daran scheitert, sein Publikum in irgendeiner Weise zu involvieren. Während Mise-en-scène und Stilistik durchaus gelungen sind, bleibt die „Message“ dahinter zu oberflächlich und unreflektiert. Seit 6.1. im Kino.

Bewertung:

Bewertung: 5 von 10.

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Bilder: (c) Filmgarten Filmverleih