Ein Mann betritt eine Bank. Sein Auftreten: Vermeintlich unverkennbar – große Statur, markantes Gesicht, Hut, Sonnenbrille, fülliger Körper. Der Mann überfällt die Bank und entkommt, wird aber von Kameras aufgezeichnet. Eine Fahndung führt die Polizei zum vermeintlichen Täter: Dem gut 30-jährigen Donald Stellwag. Doch der beteuert hoch und heilig seine Unschuld. Ein Gerichtsgutachten aber stellt fest, dass Stellwag anhand der Aufnahmen vom Überfall eindeutig der Gesuchte ist – er muss für 9 Jahre hinter Gitter. Bis der wahre Täter durch Zufall geschnappt wird: Optisch ein Doppelgänger von Stellwag, der so 9 Jahre unschuldig im Gefängnis gesessen hatte.

von Christian Klosz

Dieser Fall trug sich 1991 in Deutschland zu – und machte Stellwag, auch „Big Mäck“ genannt, „berühmt“. Nach seiner Entlassung und dem nach Festnahme des wahren Täters erfolgten Freispruch tingelte er durch diverse Talkshows, um von seinem Fall zu berichten und die Justiz anzuklagen. Und verdiente nicht schlecht daran. Netflix veröffentlichte am 20.1. eine 90-minütige True Crime-Doku darüber, in der auch Stellwag selbst, aufgrund einer schweren Krankheit inzwischen bettlägerig, ausführlich zu Wort kommt.

„Big Mäck: Gangster und Gold“, so der komplette Titel des Films, reiht sich dabei qualitativ im soliden Mittelfeld der Netflix-True Crime-Dokus ein, die es inzwischen ja wie Sand am Meer gibt. Speziell macht ihn, dass er eben in Deutschland spielt, ein deutsches Justizirrtum behandelt und einen deutschen Protagonisten hat, der aber aus einem Hollywood-Film ensprungen sein könnte. Denn Stellwag ist nicht nur Justizopfer, sondern auch gerissenes Schlitzohr, perfekter Selbstvermarkter und Charismatiker, der es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt.

So nimmt der Film im letzten Drittel eine unerwartete Wendung für all jene, die mit dem Fall nicht vertraut sind: Stellwag soll nach seiner Rehabilitierung in einen Goldraub verwickelt gewesen sein (in welcher Form soll hier nicht verraten werden). Vorher unbekannte Seiten dieses eigenwilligen Charakters kommen zum Vorschein, die ihn teils in anderem Licht erscheinen lassen.

„Big Mäck“ lebt in erster Linie von seinem Protagonisten, der der unmögliche Held eines unwahrscheinlichen – und von ihm selbst erzählten – Lebens ist, bei dem die Übergänge zu Antiheld und Bösewicht fließend sind. Dramagurgisch haben die Macher einen nicht unklugen Trick gewählt, um (zumindest den unwissenden) Zuschauern eine komplexe Figur mit ihren Brüchen und Abgründen näherzubringen. Einzig die am Ende zu kurze Laufzeit muss bemängelt werden: So bleibt zu wenig Raum, den Fall des Goldraubs (übrigens von Fatih Akin kürzlich erst als „Rheingold“ verfilmt) angemessen zu beleuchten und die Hintergründe und die mögliche Verbindung zu Donald Stellwag genauer zu erforschen. Hier hätte sich die für Netflix auch typische Form einer Mini-Serie mit 3 40-50-minütigen Folgen besser angeboten.

Fazit:

Wer auf True Crime-Dokus, unglaubliche Kriminalfälle und undurchsichtige und halbseidene Charaktere steht, wird auch an „Big Mäck: Gangster und Gold“ Gefallen finden. Kurzweilig und technisch und inszenatorisch solide präsentiert Netflix einen der größten deutschen Justizirrtümer der letzten Jahrzehnte. Einzig das letzte Drittel des Films schmälert den Gesamteindruck, da der Inhalt zu hastig und nicht ausführlich genug recherchiert präsentiert wird.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

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Bild: (c) Netflix