P.T. Anderson genießt ein Ausnahme-Standing in der Welt der Cineasten: Seit „Boogie Nights“, noch mehr seit „Magnolia“ galt er als „Regie-Wunderkind“, als moderner Film-Auteur, der masterpiece auf masterpiece ablieferte; vielen gilt „There will be blood“ als bester amerikanischer Film des neuen Jahrtausends.

Anderson entwickelte sich ständig weiter – sein Stil ist und bleibt aber unverkennbar. Seit Anfang Februar ist sein neuester Film „Phantom Thread“ in den Kinos zu bewundern.

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„Phantom Thread“ beginnt wie „There will be blood“: Mit Nahaufnahmen eines Mannes bei der Arbeit, wie in „There will be blood“ ist der Mann Daniel Day-Lewis, seine Arbeit die Darstellung von Reynolds Woodcock, Dandy-Bachelor-Womanizer und Schneider im London der 50-er. Er bekleidet die Upper Class ganz Britanniens (und darüber hinaus), seine Liebe zur Arbeit ist ebenso unendlich wie seine Pedanterie.

Frauen gehen in Woodcocks Haus ein uns aus: Sie dienen stets (und lediglich) als Musen des Meisters, ist er ihnen überdrüssig, kommt die Nächste. Die Nächste heißt Alma, doch sie will sich nicht mit der für sie vorgesehenen Rolle im Haus Woodcock abfinden – und greift zu drastischen Mitteln, sich die Aufmerksamkeit des Meisters zu sichern.

Anderson portraitiert in „Phantom Thread“ eine Epoche, eine Profession, und einen Mann, einen Künstler, der sein Leben dem Streben nach Perfektion unterordnet. Die Distanziertheit der Kamera, die teilweise Sterilität der mise en scene hat etwas kubrick-esques, der Plot und die Bewegungen der Kamera gemahnen an Hitchcock (Anderson verwies in Interviews mehrfach auf ihn). Im Kern ist „Phantom Thread“ eine Liebesgeschichte, die erst spät von der (ungewöhnlichen) Liebe zweier Menschen handelt – und sich lange Zeit der Liebe des Künstlers zu seiner Arbeit widmet. Stets hängt Woodcocks Affektion zu Alma an einem seidenen Faden, den diese mit Fortdauer des Plots spannt und beinahe zum Reißen bringt, um ihren Geliebten schlussendlich in einem Netz aus perfide gesponnenen Spinnweben einzufangen: Sie vergiftet ihn. Aber nur „ein bisschen“, nur etwas, nur so sehr, dass sie ihn danach hingebungsvoll pflegen kann (darf) – und ihn so für sich hat – endlich.

P.T. Anderson zeichnet ein Liebesdrama Shakespeare`scher Ausmaße, ein „Romeo und Julia“ mit Happy End, in dem die Liebende den Angebeteten vergiften, um sich seiner Liebe zu versichern. Ein großer Film, ein ganz außergewöhnlicher Film, runder und in sich geschlossener als „Inherent Vice“; einer DER Filme des Jahres – schon jetzt.

Kritik von Christian Klosz

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