Als Ende des vergangenen Jahres bekannt wurde, dass „Annihilation“, der neue Film von Alex Garland, in Europa keinen regulären Kinostart erfährt, sondern stattdessen exklusiv auf dem Streamingportal Netflix zu sehen ist, hielt sich die Begeisterung bei Cineasten und passionierten Kinogängern in Grenzen. Zu gut war Garlands vorheriges Werk „Ex Machina“ ( hier bestellen ), zu episch mutete der Trailer seines neuen Films an. Der Grund für diese Entscheidung war eine Differenz zwischen den beteiligten Produktionsfirmen. Der Film sei „zu komplex“ für die breite Masse, und man fürchtete einen Flop an den Kinokassen. Anstelle von Änderungen am Inhalt entschloss man sich für eine Änderung bei der Veröffentlichung, und seit dem 12. März ist „Annihilation“, der hierzulande den Titel „Auslöschung“ trägt, nun auf Netflix zu begutachten.

Und in der Tat: Bei „Auslöschung“ handelt es sich nicht um die Art von Film, die der Zuschauer abends auf der Couch nebenbei zur Unterhaltung konsumiert. Ähnlich wie bei Aronofskys „mother!“, bekommt der Zuschauer zwar eine offensichtliche Handlung serviert, die eigentliche Botschaft liegt aber tiefer und erfordert sowohl Konzentration als auch Fantasie. Die im Trailer angedeutete Handlung ist nur der Einstieg in ein weitaus vielschichtigeres Thema, das eine Diskussion am Ende des Films angeregt.

Primär folgt der Zuschauer den Erlebnissen und Erzählungen von Lena, einer Biologin und Ex-Soldatin. Diese begibt sich mit vier weiteren Wissenschaftlerinnen in die sogenannte „Area X“, einem Areal, das einst durch ein unbekanntes Naturereignis erschüttert wurde und fortan von einem Schimmer umgeben ist. Lenas Forschungsteam ist das Zwölfte, das zur Aufklärung in den Schimmer geschickt wird; von der vorherigen elf Teams kehrte niemand lebend zurück. Ein Mitglied des letzten Teams ist Kane, Lenas Ehemann.

tupqy1lkesqdnpqhuw5y.jpg

Eine der großen Stärken des Films, der Trailer lies es bereits vermuten, ist natürlich die Optik. Angesiedelt zwischen „Avatar“, „Jurassic Park“ und dem Horrorgame „The Last of us“ bietet der Film eine farbenfroh kolorierte und doch erschütternd einsame Welt, in der mutierte Lebensformen vorherrschen. Untermalt mit einem mystischen und teilweise fast schon beklemmenden Soundtrack vermag es „Auslöschung“ den Zuschauer von der ersten Sekunde an zu fesseln. Auch wenn das Erzähltempo eher gemäßigt ist und nicht jede Konversation auf Anhieb bedeutsam erscheint, schafft es der Film, die Spannung auf konstant hohem Niveau zu halten. Eins sei aber betont: Wer auf einen Science-Fiction-Kracher mit opulenten Kämpfen zwischen mutierten Tieren spekuliert, wird definitiv enttäuscht werden. Garland setzt vielmehr auf geschicktes Storytelling als auf Action.

In den ersten zwei Dritteln verbleibt der Film in seinem Tempo, erst gegen Ende löst Garland die Bremse und serviert einen fulminanten Mix aus Sci-Fi, Horror und Drama. Die Ausrichtung ändert sich zwar nicht um 180 Grad, es geht jedoch plötzlich spürbar in eine andere Richtung. Einige werden auch damit ihre Probleme haben, vor allem da diese Änderung letztlich ein Mittel zum Zweck bleibt und nicht zwingend für die Fortführung, beziehungsweise Auflösung der Story benötigt worden wäre. Der Film entscheidet sich aber diesen Schritt zu tun, und der Qualität tut es wahrlich keinen Abbruch.

Fazit: „Auslöschung“ ist einer dieser Filme, bei denen ein endgültiges Urteil schwer fällt. Nach Beendigung der ersten Sichtung bleiben Fragen offen, die nur mittels Interpretation oder durch weitere Sichtungen beantwortet werden können. Viele Details bleiben anfangs verborgen, sodass man den Film durchaus „komplex“ nennen kann; auf Anhieb entschlüsseln lässt er sich nicht.

Eines kann aber auch klar konstatiert werden: „Auslöschung“ wäre durch Projektion auf eine überdimensionale Kinoleinwand und einen erdrückenden Soundteppich sicherlich nicht schlechter geworden. Am Ende des Tages ist es also umso ärgerlicher, dass man dem „dummen“ Kinogänger keine Wahlmöglichkeit überlässt, und seitens vieler (großer) Studios stattdessen lieber weiter vorrangig auf Filme setzt, die man ebenso schnell entschlüsselt, wie auch vergessen hat. Zuletzt (regulär im Kino) gelaufene Filme wie „Three Billboards outside Ebbing, Missouri„, „The Killing of a Sacred Deer“, „mother!“ oder „Phantom Thread“ lassen aber zumindest die Hoffnung aufkeimen, dass ein Umdenken in Hollywood eingesetzt hat, und der verantwortliche Produzent von „Auslöschung“ sich ordentlich ins eigene Knie geschossen hat, und am Ende zumindest nicht nur der Zuschauer als Verlierer dasteht.

von Cliff Brockerhoffhttps://www.instagram.com/man_of_steelbook/

zum weiterlesen: Warum „Annihilation“ ein modernes Meisterwerk ist

  • weitere aktuelle Film-Empfehlungen:

„Molly´s Game“ (2017) – Kritik

„I, Tonya“ (2017) – Kritik

aktuell! „Ready Player One“: Kritik zum neuen Film von Steven Spielberg

Advertisements