Eine Familie in der Krise: Das Ehepaar Samir und Fidan lebt gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Sohn Mahmud in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung am Stadtrand von Baku. Samir ist erfolgloser Schauspieler, Fidan ist Kinderärztin, die ihre Profession für die Familie aber lange Zeit hinangestellt hat, Mahmud verdient als Webdesigner gutes Geld und ist am Sprung in eine eigene Wohnung. Ihr Alltag ist gekennzeichnet von gegenseitiger Verstörung und wachsendem Unverständnis für die Bedürfnisse des jeweils anderen: Mutter Fidan will ihr altes Leben zurück und liebäugelt mit einer neuen Stelle in Deutschland, Sohn Mahmud macht erste Beziehungserfahrungen und die Versuche, auf eigenen Beinen zu stehen, sieht sich aber zwischen Möglichkeiten und Zwängen hin- und hergerissen – und Vater Samir will einfach in Ruhe gelassen werden, während er in regelmäßigen Zechtouren dem Alltag entflieht. Ein Ausflug an den Strand und ein unvorhergesehenes Ereignis dort erschüttert die Familie in ihren Grundfesten, lässt aber auch lange zurückgehaltene Wünsche, Sorgen, Bedürfnisse offen zutage treten.

von Christian Klosz

Regisseur Elmar Imanov ist mit seinem (großteil selbst finanzierten) Spielfilmdebüt ein kleines Kunststück gelungen. Er verquickt in seinem tragischen Drama das Porträt einer ungewöhnlichen Familie mit einer Bestandsaufnahme des modernen Aserbaidschan/Baku zwischen Tradition und Moderne. Das Lob gebührt auch seinen Darstellern, die ihren Figuren Leben einhauchen und deren (innere) Konflikte glaubwürdig spürbar machen. Der heimliche Star des Mini-Ensembles ist aber Zulfiyye Qurbanova als Mutter Fidan, die mit ihrer reduzierten Spielweise eine unglaublich kraftvolle Performance liefert.

Dass die Konflikte der Figuren derart glaubhaft und „intim“ transportiert werden können, hat auch mit der Kameraarbeit in „End of Season“ zu tun: Imanov nutzt immer wieder lange Einstellungen (oft mehrere Minuten), die nur das Gesicht des jeweiligen Protagonisten zeigen. Darin lassen sich Spannungen, Schmerz, Wut, Wünsche, kurz: alle möglichen Emotionen ablesen und übertragen sich direkt auf den Zuschauer. Oft fängt die Kamera auch gar nicht ein, mit wem die jeweilige Person gerade spricht, etwa um zu signalisieren: Es geht hier um diese Figur und ihre individuelle Perspektive, das Gegenüber ist in diesem Moment zweitrangig. Da Imanov das aber alterierend mit allen 3 Hauptfiguren macht, ergibt sich trotzdem ein heterogenes Gesamtbild, das sich aus mehreren Perspektiven zusammensetzt – die nicht mehr wirklich zusammenpassen wollen, was letztlich zum Wackeln der Familienkonstellation führt.

end of season

„End of Season“ ist auch ein Film über Außenseiter und hinterfragt Normen und Vorstellungen von Familie, Beziehung, Gesellschaft, ohne klare Antworten zu liefern. Er bildet ab, ohne zu erklären, und klärt gerade so auf. Alle 3 Protagonisten sind äußerst eigenwillige Charaktere, die allein aufgrund ihrer Persönlichkeiten immer wieder anecken – umso mehr in einem Familiengebilde, das immer auf den wechselseitigen Austausch und das Abstimmen der Bedürfnisse angewiesen ist.

Schließlich muss auch das Drehbuch gelobt werden, das Regisseur Imanov zusammen mit seinem Bruder Anar geschrieben hat, immerhin lebt der Film über weite Strecken von seinen Dialogen (und dem, was dazwischen passiert). Die profitieren vom kreativen Einfallsreichtum der Autoren und entwickeln eine ganz eigenwillige Sprache, die von Ambivalenzen und äußerst subtilem Humor gekennzeichnet ist.

Fazit:

„End of Season“ ist ein kraftvolles und eigenwilliges Debüt eines talentierten Filmemachers, den man im Auge behalten wird müssen. Die Mischung aus Charakterstudie, Familiendrama und Gesellschaftsporträt überzeugt sowohl inhaltlich, als auch stilistisch und ist so eine wahrhaft kleine Perle des europäischen (asiatischen) Autorenfilms.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(89/100)

Bilder: © Color of May