Die Premiere von Helena Bonham Carters neuem Film „Eleanor & Colette“ in der Lichtburg Essen konnten wir leider doch nicht besuchen (Krankheitsfall im Team), die Kritik zum Film gibt´s aber dennoch: Regisseur Bille August präsentiert einen wunderbar klassischen, im besten Sinne „altmodischen“ Film, der eine schöne und berührende (wahre) Geschichte über Mut, Courage, Freundschaft und Menschlichkeit erzählt.

Eleanor Riese (Bonham Carter) leidet an paranoider Schizophrenie: Trotz ihrer Krankheit ist sie ziemlich „wach“ im Kopf, und lässt sich wegen Panikzuständen selbst in die Psychiatrie einweisen. Dort wird ihr jedoch nicht wie erhofft geholfen – sie wird stattdessen mit Psychopharmaka zugeschüttet, bis es ihr noch schlechter geht. Sie meldet sich bei der Patientenanwaltschaft, Colette Hughes (Hilary Swank) übernimmt ihren Fall: Die idealistische Juristin, früher selbst Krankenschwester, und so mit den teils miesen Methoden der Psychiatrie vertraut, verklagt Eleanors Krankenhaus, und will mehr Selbstbestimmungsrechte für psychisch erkrankte Patienten vor Gericht erkämpfen. Schritt für Schritt entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine wirkliche Freundschaft, und am Ende ist nicht mehr klar, wer von den beiden nun wirklich die „größeren Probleme“ hat…

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„Eleanor und Colette“ ist ein sehr guter Film. Die interessante und berührende Geschichte wurde von Regisseur August ideal in Szene gesetzt, er kann sich auf ein grundsolides Drehbuch von Mark Bruce Rosin verlassen. Unterstützt wird er von seinen beiden Hauptdarstellerinnen: Einer sehr gut agierenden Hilary Swank („Million Dollar Baby“) und einer groß aufspielenden Helena Bonham Carter („Fight Club“), die ihrer Figur Würde und große Authentizität verleiht.

Der Film spricht mehrere ernste Themen an: Die Wirkungen und (gefährlichen) Nebenwirkungen von Psychopharmaka, der Umgang mit psychisch Kranken in der Medizin und in unserer Gesellschaft, die Allmachtsfantasien von Ärzten, die meinen, über ihre (verrückten) Patienten bestimmen zu können und Selbstbestimmungsrechte von psychisch Erkrankten.

Die Kritikpunkte am Film beschränken sich auf die letzten 20 Minuten: Hier plätschert „Eleanor & Colette“ etwas dahin, sucht nach einem Ende, und findet eines, das dem restlichen Film nicht wirklich angemessen ist. Hier hätte man durchaus um 10, 15 Minuten kürzen können, und das Ende besser in Szene setzen.

Dennoch bietet der Film gute Unterhaltung, tolles Schauspiel, und eine schöne und berührende Geschichte. Unbedingt ins Kino gehen!

von Christian Klosz / Bewertung: 8 von 10 Punkten


Interview mit der realen Colette Hughes / Auszug:

Colette, wie ist damals der Fall von Eleanor Riese auf Ihrem Tisch gelandet? War das reiner Zufall?
Gemeinsam mit Mort Cohen habe ich damals eine Klage vorbereitet, in der es um Patientenrechte ging, und zu diesem Zweck hatten wir eine Art Profil erstellt, dem potentielle Kläger idealerweise entsprechen sollten. Wir hatten viele Hilfsorganisationen und Beratungsstellen für Psychiatriepatienten abgeklappert, damit sie im Zweifelsfall
Patienten an uns verweisen. Eines Tages bekam ich den Anruf, dass sich eine Eleanor Riese an das Büro für Patientenrechte gewandt habe, weil sie zur Einnahme von Medikamenten gezwungen werde, die sie nicht nehmen wolle. Sie wollte einen Anwalt, aber keinen Pflichtverteidiger. Deswegen machte ich mich auf ins St. Mary’s Hospital,
um sie zu treffen.

Wussten Sie von Anfang an, was auf Sie zukommt? Wie viel Kraft dieser Fall kosten würde?
Mir war von Beginn an klar, dass es hart werden würde. Ich hatte noch nicht allzu viele Erfahrungen mit Fällen dieser Art, aber Mort warnte mich vor. Außerdem war mir klar, dass das Thema kontrovers war. Aber selbstverständlich gab es auch ein paar Momente, in denen ich mich überfordert fühlte. Zum Beispiel bekam ich einige sehr unerfreuliche, übergriffige Anrufe von Psychiatern, nicht zuletzt als ausgerechnet in San Francisco die
American Psychiatric Association für eine Tagung zusammenkam. Da wurde ich mich Worten beschimpft, die ich hier niemals wiederholen könnte. Das war hart, und ich war zu jung und naiv, um so etwas zu erwarten. Heute weiß ich, dass das leider dazugehört, wenn man für Menschenrechte kämpft.

Auch zeitlich forderte der Fall Ihnen viel ab, nicht wahr?
In der Tat. Anfang der Achtziger Jahre nahmen Mort und ich uns des Falles an. 1985 sah es dann so aus, als kämen wir nicht weiter, weil man uns einige Steine in den Weg legte, als den bestehenden Gesetzen neue Statuten hinzugefügt wurden. Als wir schließlich doch gewannen, waren wir von Januar 1990 bis in den November 1991 damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass das Urteil auch im kalifornischen Recht umgesetzt wird. Das war für uns natürlich der Knackpunkt. Das war nicht unanstrengend, zumal ich gerade ein neues Büro in Oakland eröffnet hatte und mehrfach nach Sacramento pendeln musste.

Eleanor Riese war sehr religiös. Hatte das in irgendeiner Weise Einfluss auf den Fall?
Das würde ich definitiv so sagen. Zunächst einmal war es ihrem Glauben zu verdanken, dass sie nie daran zweifelte, dass der Fall gewonnen werden kann und würde. Sie war fest davon überzeugt, dass Gott ihr helfen würde, weil es hier um eine gerechte Sache ging. Aber auch ganz praktisch hatte ihre Religion Auswirkungen, auf unser Verhalten ihr gegenüber und die Schwierigkeiten, mit denen sie und wir es zu tun bekamen. Das Krankenhaus etwa betrachtete ihre Religiosität als Teil ihrer Krankheit, als Wahnvorstellung. Was natürlich nicht stimmte. Immer wieder wurde ihr verwehrt, ihren Priester anzurufen oder Rosenkränze zu machen.

Hatten Sie persönlich einen Bezug zu diesem Glauben?
Ja, ich habe sie in dieser Hinsicht verstanden, denn ich bin selbst katholisch erzogen worden. Und viele der Glaubensinhalte teile ich auch heute noch. Nur als Eleanor mich bat, die Katholische Kirche zu verklagen, habe ich mich geweigert. Sie wollte verhindern, dass ihre gute Freundin, eine ältere Nonne, in ein Heim der Kirche ziehen muss, außerhalb der Stadt. Doch diese Nonne schien gar nicht an einer Klage interessiert, genauso wenig wie ich. Außerdem wäre das gar nicht in meinen Zuständigkeitsbereich gefallen.

War Eleanor Riese am Ende für Sie eigentlich mehr als eine Klientin?
Das, was sich über die Jahre zwischen uns aufbaute, war auf jeden Fall eine sehr tiefe, sehr persönliche Bindung. Ich habe von ihr gelernt, über das Leben, über Würde und Mut. Doch sie war nicht nur weise, sondern auch unglaublich lustig. Und das war so wichtig für mich, denn ich brauchte es, zwischendurch auch immer mal wieder herzhaft zu lachen. Wie nah sie mir wirklich war, habe ich mir erst bewusst gemacht, als sie immer kranker wurde und regelmäßig ins Krankenhaus musste. Ich wollte damals lange nicht wahrhaben, dass sie sterben würde. Ich glaube nicht, dass ich nach ihr nochmals eine solche Verbindung zu einem anderen Menschen hatte. Das war schon etwas sehr Besonderes.

Welche Spuren hat diese Beziehung bei Ihnen hinterlassen?
Ich glaube, dass ich durch die Begegnung mit Eleanor sanfter und offener geworden bin. Und definitiv mutiger. Sie hat meinen Glauben darin bestärkt, dass ein einzelner Mensch Großes bewirken kann. Denn genau das hat sie getan. Diese eine Person veränderte das Leben von 150.000 anderen Patienten.

(Quelle: Constantin-Presse)

 

(Fotos: Constantin-film Austria Presse)

 

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