Auge um Auge, Zahn um Zahn – eine Redewendung, die schon lange vor der Erfindung des Bewegtbildes in aller Munde war. Der auf die Bibel zurückgehende Ausspruch war damals noch nicht so eindeutig wie heute mit dem Motiv der „Rache“ behaftet, wird allerdings heute oft als Leitspruch herangezogen. Die Vergeltung per se hat mittlerweile Einzug in sämtliche Filmgenres erhalten: zuletzt sorgte beispielsweise ein Anzugträger mit dunklem Haar für blutgetränkte Furore auf der großen Kinoleinwand.

von Cliff Brockerhoff

Und auch „Yardie“, seines Zeichens das Regiedebüt von Schauspieler und Produzent Idris Elba, widmet sich im Kern dieser Thematik, ohne diese jedoch zu fokussieren. Der britische Kriminalfilm, der 2018 im Rahmen des Sundance Film Festivals seine Premiere feierte, ist zugleich die Adaption des gleichnamigen Romans aus der Feder von Victor Headley und erzählt die Geschichte von  „D“, der Zeuge der Ermordung seines Bruders wird und fortan nach Vergeltung sinnt. Seinen ärmlichen Verhältnissen kann der Jamaikaner zwar entkommen, die Gefühle seiner Vergangenheit holen ihn aber immer wieder ein.

In der Narration erfährt der Zuschauer chronologisch aus dem Leben von „D“, der die Geschehnisse im Nachhinein reflektiert und dem Publikum davon berichtet, welchen Lebensweg er eingeschlagen hat. In seinen 102 Minuten erstreckt sich die Geschichte von der Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter. Der Tod seines geliebten Bruders ist dabei ebenso Thema wie die erste Liebe, das Heranwachsen und leider auch das allmähliche Abgleiten auf die schiefe Bahn. Als Schauplätze dienen vorrangig Jamaika und die britische Hauptstadt London, die einen schönen Kontrast vermitteln, gleichzeitig aber auch immer wieder Parallelen erkennen lassen. Elba selbst ist in einer Nebenrolle besetzt, wobei der Großteil des Casts aus Jungschauspielern oder gar Newcomern besteht, die sich trotz mangelnder Erfahrung achtbar aus der Affäre ziehen und glaubwürdige bis gute Leistungen auf die Leinwand bringen.

Und auch der Regiearbeit von Elba kann kein großer Vorwurf gemacht werden. Handwerklich sind die Szenen wertig umgesetzt, Look und Kameraeinstellungen ordnen sich dem Gesamtkontext unter und wirken so nie aufgesetzt. Einzig die Handlung offenbart bei genauerem Hinsehen einige Schwächen: Durch den Mix einzelner Genres wechseln sich die Stimmungen zu rasant ab, sodass es schwerfällt sich mit den Gefühlswelten zu akklimatisieren. Die Anfangsminuten sind beispielsweise geprägt von Hoffnung, Wut und Trauer – in den nächsten Sequenzen macht der Film eine absolute Kehrtwende und wirkt wie eine Neuauflage von „8 Mile“, nur um dann Erinnerungen an den wunderschönen „Beale Street“ aufkommen zu lassen. Das alles ist hübsch und soll die schwunghaften Empfindungen des Protagonisten verdeutlichen, sorgt aber auf der Kehrseite für eine gewisse Distanz und steht gleichzeitig im Konflikt zum Sehvergnügen, da viele Momente und Details in der Rasanz untergehen. Hier fehlt Elba noch das nötige Fingerspitzengefühl.

Fazit:

Für einen Thriller zu weichgespült, für ein Drama emotional unterfordernd – „Yardie“ wirkt wie eine unausgereifte Mischung, die versucht die Stärken der einzelnen Genres miteinander zu vermengen, in seinem Potpourri aus Ingredienzien aber die Hauptzutat vermissen lässt. Angesichts der Tatsache, dass es sich um ein Regiedebüt handelt, können einige Störfaktoren aber verziehen werden, sodass der Film aufgrund seiner stabilen Basis noch den rechten Weg in den überdurchschnittlichen Wertungsbereich findet.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

Wer sich von der Kritik angesprochen fühlt und sich selbst ein Bild machen möchte, kann „Yardie“ ab dem 20 Juni auf BluRay und DVD oder schon ab dem 13. Juni als Video on demand erwerben!

Bilder: © STUDIOCANAL

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