Wie zerstört man einen Film mit Potential, der eigentlich ganz gut begonnen hatte? Ein Beispiel dafür liefert der neue Film von Peter Segal, „Der Spion von Nebenan“, mit Ex-Wrestler Dave Bautista in der Hauptrolle. Nach einem furiosen Beginn inklusive cooler Sprüche, Musikeinlagen aus den 90-ern und Action-Nostalgia verwässert man nach spätestens der Hälfte der Laufzeit die eigene Suppe, versucht krampfhaft, den zuvor gefeierten Agenten-Machiso zu massakrieren und versinkt so tief im öden, kantenlosen und allzu braven US-Mainstream.

von Christian Klosz

CIA-Agent JJ (Bautista) versagt, und das spektakulär: Der Army-erprobte Muskelprotz hinterlässt bei seinem ersten Einsatz als US-Spion ein Schlachfeld, konnte den eigentlichen Auftrag aber nicht zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten ausführen. Der überlegt nun, JJ überhaupt los zu werden, gibt ihm aber noch eine letzte Chance: Gemeinsam mit IT-Expertin Bobbi (Kristen Schaal) soll er die Schwägerin eines Verdächtigen an deren Wohnort überwachen, um so an Informationen zu kommen. Doch deren 9-jährige Tochter Sophie enttarnt JJ, verspricht aber, dicht zu halten, wenn der Muskelmann ihr einige Gefallen tut, und ihr das Spionen-Handwerk beibringt. Der „Spion von nebenan“ freundet sich mit der gerissenen Kleinen an, die eigentlich noch ganz anderes im Schilde führt: Sie will JJ mit ihrer verwitweten Mutter verkuppeln. Ein ungewöhnlicher Buddy-Comedy-Plot nimmt seinen Lauf.

Soweit, so konventionell also: Nach erheiternden und temporeichen ersten 10, 15 Minuten etabliert der Film in der nächsten halben Stunde eine dramaturgische Ausgangslage, die zwar so alt wie das Medium Film an sich ist, aber die durchaus ihren Reiz hat: Das ungleiche Duo JJ-Sophie erlebt allerlei Abenteuer, und Mann mit der harten Schale offenbart (Sophie) seinen weichen Kern. Doch dann beginnen seltsame filmische Entscheidungen zu greifen: JJ wird zu Beginn als klassischer Macho-Agenten-Charakter eingeführt, muskelbepackt, wortkarg, emotional verschlossen, – alles jedoch mit Ironie gewürzt. Als charakterlicher Widerpart wird ihm die gerissene und freche Sophie (bzw. deren Mutter) gegenübergestellt, die den rustikalen Eisblock-Mann zum Tauen bringen sollen. Das kann man für konventionell und wenig einfallsreich halten, funktioniert aber zumindest aus Sicht der Figurenentwicklung/-logik.

Kristen Schaal in "Der Spion von nebenan"

Nach der Hälfte des Films aber unternimmt man abrupt eine komplette Kehrtwende: JJ wird einem Make-over beim schwulen Nachbarspärchen unterzogen, nachdem er dann plötzlich lachsrosa Shirts und Schal trägt (wie einfallsreich!), um vermeintlich in der Welt neuer Geschlechterrollen angekommen zu sein. So darf er dann auch auf das Date mit Sophies Mutter gehen. Das große Problem dabei ist, dass die in der ersten Hälfte etablierte Figurenzeichnung ihre Funktion nicht mehr erfüllen kann: Wenn JJ plötzlich vom Alpha- und Beta-Männchen kastriert wird, kann das zuvor entworfene Gimmick „großer, starker Mann – kleines, kluges Mädchen“ nicht mehr greifen.

Ähnlich verwirrend wird mit der Figur Bobbi verfahren: Zu Beginn wird sie als nahezu unterwürfiges Fangirl von JJ vorgestellt, die alles über die berühmte Kampfmaschine weiß, ihn abgöttisch anhimmelt und es kaum fassen kann, nun mit ihm zusammen zu arbeiten. Nach der Hälfte erfährt sie über eine lapidar hingeworfene Aussage Sophies plötzlich eine neue Charakterisierung: „Was ist mit deiner seltsamen, lesbischen Freundin?“, ohne, dass die sexuelle Orientierung der Figur vorher irgendwie Thema gewesen wäre, oder von Relevanz wäre. Ob dieser Unentschlossenheit zerfällt „Der Spion von nebenan“ schließlich in 2 Filme, die zwar den selben Plot haben, aber mit unterschiedlichen Figuren besetzt sind. Dass das folglich kein stimmiges Ganzes ergeben kann, ist irgendwie logisch.

Um auch noch die wenigen, positiven Aspekte des Films hervorzuheben: Die Actionszenen sind allesamt ordentlich bis gefällig inszeniert, der Humor funktioniert zumindest in Hälfte 1 noch ziemlich gut, und Dave Bautista beweist, dass er als Schauspieler durchaus Talent hat – wenn man ihm denn die nötige Freiheit gibt.

"Der Spion von nebenan" - ab 12.3. im Kino
„Der Spion von nebenan“ – ab 12.3. im Kino

Fazit

Schade: „Der Spion von nebenan“ hätte eine lockere, ironische Agenten-Komödie mit Witz werden können. Stattdessen waren sich die Macher nach der Hälfte des Drehs offenbar nicht mehr sicher, ob sie mit der zuvor selbst etablierten Figurenzeichnung durchkommen würden, und schrieben kurzerhand alles um. Heraus kommt schlussendlich eine unentschlossene wie zahnlose Action-Komödie, die sich vor ihren eigenen Vorzügen fürchtet, deren positive Assets kaum zur Geltung kommen, und die so im tiefsten Hollywood-Mainstream versumpft. Ab 12.3. im Kino.

Bewertung

4 von 10 Punkten

Bilder: © TOBIS Film GmbH