„Sibyl“ ist ein ungewöhnliches Portrait einer Psychotherapeutin, die auf teils komödiantische, teils dramatische Weise im Zuge der Behandlungen ihrer PatientInnen ihre eigenen verdrängten Schicksalsschläge erneut durchlebt und daran zugrunde zu gehen droht. Der Film der französischen Regisseurin Justine Triet feierte seine Premiere bereits im Jahre 2019 im Rahmen des Wettbewerbsprogramms der Internationalen Filmfestspiele von Cannes und läuft in Österreich ab dem 24. Juli in den Kino, in Deutschland bereits ab dem 16. Juli.

von Elli Leeb

Die titelgebende Figur Sibyl (Virginie Efira) ist hauptberuflich Psychotherapeutin, hat eine eigene erfolgreiche Praxis mit jeder Menge PatientInnen, möchte aber viel lieber ihrer eigentlichen Leidenschaft nachgehen: Dem Schreiben. Obwohl sie die meisten ihrer KlientInnen an KollegInnen verweist, nimmt sie trotz ihres intensiven Schreibvorhabens eine neue Patientin an, die Sibyl mitten in der Nacht panisch um Hilfe bittet. Margot (Adèle Exarchopoulos) ist eine junge Schauspielerin und im dritten Monat schwanger – allerdings von einem erfolgreichen Schauspieler (Gaspard Ulliel), der nun mit der Regisseurin (Sandra Hüller) des Films liiert ist, für den die beiden gerade drehen. Die Entscheidung, ob abtreiben oder nicht, bringt sie dem Nervenzusammenbruch nahe. So kommt eine turbulente Geschichte ins Rollen, die sich Sibyl nicht entgehen lassen will, und ihr schlussendlich als Inspirationsquelle für ihren neuen Roman dienen soll. Dabei bricht sie fortschreitend etliche professionelle Regeln und dringt immer tiefer in Margots Leben ein. Sibyl durchlebt zusätzlich Vergangenes aus ihrem eigenen Leben erneut und wird mit Erlebtem neu konfrontiert. Ihr mühsam geordnetes Leben droht so mehr und mehr auseinander zu fallen.

Der Film wird vordergründig von vielschichtigen Frauenfiguren getragen, die allesamt auch oftmals widersprüchlich agieren. So haben wir einerseits die Hauptdarstellerin Virginie Efira, die äußerst glaubwürdig die Rolle der Psychotherapeutin mimt, die mit schwungvoller Energie ihrer Karriere nachstrebt und dabei bereit ist, unzählige Grenzen zu überschreiten. So gefestigt und stark sie auch erscheinen mag, im Laufe der Zeit kommt immer mehr ihre Komplexität zum Vorschein und somit auch ihre menschlichen Schwächen. Auch Sandra Hüller als Filmregisseurin und Adèle Exarchopoulos als Filmschauspielerin überzeugen mit ihrer Schauspielleistung. Dabei sticht vor allem Sandra Hüller hervor, die fulminant eine Regisseurin mimt, die über den abstrusen Geschehnissen zu stehen versucht und auf Biegen und Brechen ihre Fassade aufrechterhalten will, um ihren Film fertig zu drehen.

Auf durchaus unterhaltsame Weise wird so eine menschliche Komplexität starker Frauenfiguren aufgezeigt, die gelernt haben, Herzschmerz aus ihrem beruflichen Umfeld fernzuhalten, um erfolgreich zu sein. Doch „Sibyl – Therapie zwecklos“ hat trotz seiner offensichtlichen Vorzüge auch Schwächen: Die dargestellten Handlungen und teils auch Sibyls Aktionen wirken beizeiten so wirr und „verrückt“, dass sie kaum nachvollziehbar sind. Und ab der Hälfte des Films wirken die Emotionen zu gekünstelt und überhöht, sodass nicht einmal die amüsante, schwarzhumorige Erzählweise jenen Mangel vollends wett machen kann.

Fazit

100 Filmminuten lang bewegt sich die französische Regisseurin Justine Triet mit „Sibyl“ zwischen unterhaltsamer Komödie und nervenaufreibenden Drama. Obwohl ab der Hälfte des Spielfilms die Handlung oftmals zu weit hergeholt erscheint, ist die Selbstfindungsfarce einer Therapeutin durchaus von trockenen Humor durchströmt, der sich sehen lassen kann. Am Ende bleibt ein subtiles Drama, dass unterhaltsam über die Grausamkeiten berichtet, die Menschen bewusst oder unbewusst sowohl sich selbst als auch anderen antun.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

Bilder: © Filmladen Filmverleih