Fyodor Dostojewski lässt seinen misanthropen Eremiten in „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ sich selbst als „Mensch, der es nicht einmal verstanden hat, ein Wurm zu werden“ beschreiben, als ein humanoides Nachtschattengewächs, das im Dunkeln dahinvegetiert und sich masochistisch in seinem scheinbar unerfüllbaren Verlangen nach Leben und Liebe suhlt; Naoto, der junge Mann in Mari Asatos Regiearbeit „Under your bed“, fühlt sich selbst als „Wurm“ und als Niemand, den jeder vergisst, der unter Steinen kriecht, um sich dort zu verzehren – oder unter das Bett der unerreichbaren Geliebten Chihiro, die ihm zur Schulzeit als einzige Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

von Christian Klosz

Diese Obsession ist der einzige Lebensinhalt Naotos, doch seine Angebetete ist inzwischen verheiratet, mit einem grausamen Gewalttäter allerdings, der sie schlägt, sexuell vergewaltigt, erniedrigt – was unser junger Mann aus sicherer Distanz mit Fernrohr und Kamera beobachten kann/muss. Die Frage: Verlässt er seine bequeme Existenz im Schatten, um seiner Geliebten zu Hilfe zu kommen – und verliert damit womöglich sein liebgewonnenes Objekt (der Begierde) für immer?

Die japanische Regisseurin Mari Asato schuf einen interessanten, sehenswerten, harten, aber in Momenten überraschend zarten Film, der sich (zum Glück) mit simplen schwarz-weiß-Kategorien nicht ordnen lässt: Naoto ist als Stalker ein in (Post-)metoo-Zeiten an sich auch als anti-moralisch und übergriffig zu brandmarkender Charakter, doch seine schwer neurotischen Anwandlungen speisen sich aus tiefer Unsicherheit, ehrlicher Affektion und tiefem Begehren, die aufgrund seiner psychischen Defizite keinen anderen Ausdruck finden. Chihiros Ehemann wiederum ist ein handfester Psychopath, dem man auch als Zuschauer nur das Schlimmste wünscht und dessen ekelhafte und abscheuliche Gewaltausbrüche von der Regisseurin in einer Direktheit und Explizitheit dargestellt werden, die zart Besaitete laut und mehrfach „Triggerwarnung!“ rufen wird lassen: Ein intensiver, ultra-realistischer Film, der am Ende für Offenheit und eine Vielfalt der Ausdrucksformen von Liebe plädiert und so trotz aller hässlicher Bilder tiefen Humanismus offenbart.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(79/100)

„Under your bed“ wurde beim Slash-Filmfestival in Wien gesichtet und noch ein zweites Mal, am SA 26.9. um 18:00 im Schikander, zu sehen.

Bild: (c) Slash