Ihr Name mag heutzutage in unseren Breitengraden wohl nur mehr wenigen etwas sagen, aber wer sich einmal eine „Best of Blues“-CD zulegt, der kommt ganz sicher nicht um sie herum: Ma Rainey. Gerade in den 1920er und 30er Jahren war sie eine der großen Stimmen ihrer Zeit und wurde ganz zu Recht als „Mother of Blues“ betitelt. Es gäbe wohl mehr als genügend wirklich spannenden Stoff, den man zu einem sehenswerten Biopic über die Dame verarbeiten könnte. Die Verantwortlichen hinter dem neuen Netflix-Original „Ma Rainey’s Black Bottom“ beschritten aber lieber einen anderen Weg und adaptierten das 80er-Jahre-Theaterstück desselben Namens, welches sich um einen aufsässigen Trompeter und eine knifflige Aufnahme-Session dreht. Eine schwierige Aufgabe, die leider nicht wirklich gemeistert wurde.

von Mara Hollenstein-Tirk

Schwierig deswegen, weil Theater und Film zwei völlig verschiedene Medien sind, die durchaus stark divergierenden Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Das mag vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich sein, wird aber schnell deutlich, wenn man die beiden Arten der Darbietung miteinander vergleicht. Das Theater ist ein Ort des direkten Kontakts – das geht so weit, dass ab und an die Zuschauer sogar ins Stück mit einbezogen werden. Diese Unmittelbarkeit führt aber auch dazu, dass sich das Publikum stets im Klaren darüber ist, dass es sich bei dem Treiben um eine Show handelt. Mal muss der Vorhang für Umbauten fallen, mal kann man einen Blick hinter die Bühne erhaschen oder erlebt wie jemand sich verhaspelt. Die Architektur der meisten Theaterhäuser bedingt schließlich jenes Stilmittel, welches sich wohl am deutlichsten vom Film abhebt: overacting ist hier nämlich nicht nur geduldet, sondern sogar erwünscht. Damit das ganze Spektakel auch noch von der letzten Reihe aus gut nachzuverfolgen ist, sind große Gesten, übertriebene Emotionen und deutliche Worte von Nöten.

Wer sich also an die Adaption eines Theaterstückes wagt, hat einiges zu beachten, soll am Ende daraus ein guter Film werden. Leider scheinen die Macher von „Ma Rainey“ in diesem Punkt nicht das richtige Gespür an den Tag gelegt zu haben. Das äußert sich einerseits daran, dass das eben erwähnte overacting hier genau so praktiziert wird, als ständen die Beteiligten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, anstatt in einem Studio vor einer Kamera. So wirken viele Szenen des Films aufgesetzt, affektiert und unecht. Dadurch wollen sich beim Zuschauer keine echten Emotionen einstellen, egal wie dramatisch die Geschichte ist, die sich gerade aus den Rippen geleiert wird. Ganz allgemein will sich nur schwer so etwas wie Empathie in einem regen, wirkt das ganze Geschehen doch auch reichlich zerstückelt und die Dialoge auch noch unnatürlich. Von kleineren Späßchen und Sticheleien geht es innerhalb von nur einer Sekunde über in dramatische Enthüllungen und angespannte Rededuelle.

Doch nicht nur die Art, wie es zu dem Gesagten kommt, auch das Gesagte selbst wirkt einfach zu gekünstelt. Es ist Gesellschaftskritik in ihrer plumpsten Form: mit ärgerlicher Mine vorgetragene Monologe, die ein Problem nach dem anderen anprangern, ohne sich dabei organisch in die Geschichte einzuweben. Da hilft es dann auch nicht viel, dass man mit Viola Davis und Chadwick Boseman in den Hauptrollen durchaus zwei sehr fähige Schauspieler gecastet hat. Wobei der Film gerade in seinen ruhigeren Momenten, wenn er den Darstellern einmal erlaubt, wirklich zu schauspielern und nicht einfach nur eine große Show abzuziehen, auch ein paar wenige starke Momente zu bieten hat. Neben diesen Momenten gibt es eigentlich nur einen Punkt, der von Anfang bis Ende gelungen und ohne wenn und aber auf der Habenseite zu verbuchen ist: der Soundtrack. Dieser reißt einen mit, geht direkt ins Blut und lässt einen das übermäßig theatralische Gebärden für einen Augenblick beinahe vergessen.

Fazit:

So findet sich am Ende leider abseits der Schauspieler und des Soundtracks nicht viel, was für eine Sichtung von „Ma Rainey’s Black Bottom“ sprechen würde, und man fängt beim Abspann bereits an darüber zu sinnieren, was wohl aus dem Projekt hätte werden können, hätte man doch ein ordentliches Biopic daraus gemacht.

Bewertung:

Bewertung: 4 von 10.

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Bilder: (c) Netflix