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„Shadow in the Cloud“: Kritik zum Filmstart auf Amazon Prime

Ein langer Schatten liegt auf dem Film, der für Regisseurin Roseanne Liang zum Langfilmdebüt werden sollte. 2019 noch unter der Feder von Max Landis angekündigt, wurde „Shadow in the Cloud“ zu einem skeptisch betrachteten Projekt, das seine Aufmerksamkeit aus den Schlagzeilen rund um sexuelle Missbrauchsvorwürfe gegen den „Chronicle“ Schöpfer zog. Kurz vor Produktionsstart wurde der Drehbuchautor von dem Projekt entlassen und der nach Aussage Liangs sehr spärliche Entwurf des Films umfassend durch die Neuseeländerin abgeändert und erweitert. Herausgekommen ist ein Genre Mash-up aus Zweite Weltkriegs – Action, Creature Feature und Horror Sci-Fi, das genauso unvorhersehbar wie unterhaltsam ist.

von Madeleine Eger

1943 erhält die Offizierin Maude Garrett (Chloë Grace Moretz) eine Mission, streng vertrauliche Dokumente zu transportieren. Dafür wird sie dem B17 Bomber zugeteilt, der mitten in der Nacht von Auckland nach Samoa fliegt. Die Crew ist von der weiblichen Begleitung allerdings wenig angetan und verfrachtet Maude in den Kugelturm am Rumpf der Maschine. Ihren Koffer mit den Dokumenten überlässt sie Crewmitglied Quaid (Taylor John Smith), der ihr als einziger mit Respekt begegnet. Derweil in dem beengten Geschützturm des Fliegers eingeschlossen, muss Maude erst einmal mitanhören, wie sich die Besatzung gegenseitig mit sexistischen Äußerungen anstachelt und ihr jegliche Kompetenzen abspricht. Dann jedoch entdeckt sie inmitten der Wolken verdächtige Schatten und die Crew muss mit Maude zusammenarbeiten. Ganz plötzlich wird ihre Mission nämlich nicht nur von japanischen Kampffliegern, sondern auch Gremlins bedroht.

Dass Regisseurin Liang das Genre-Spektakel mit einem kleinen Cartoon eröffnet, mag befremdlich wirken, allerdings haben die Gremlins (die vielleicht viele eher mit dem 1984er Joe Dante Film assoziieren) in der Luftfahrt schon eine längere Geschichte hinter sich. Bereits 1917 berichteten Piloten von den Kobolden, die für alle unerklärlichen Fehler an ihren Flugzeugen verantwortlich seien. Diese frühen Legenden sind aber heute weitestgehend unbekannt, sodass die kleine Exposition zum einen also dazu dient, das kuriose Monster zu erklären, mit dem es die Crew zu tun bekommt, aber auch um einen Bezug zu animierten Kurzfilmen herzustellen, die 1943-45 als „Private Snafu“ in der amerikanischen Army gezeigt wurden. Wie die „Private Snafu“ Cartoons prangert aber auch dieser kleine Vorfilm das unachtsame und ignorante Verhalten der Soldaten an und entblößt damit etwas später auch die männlichen Charakteren des Films, die Maude eben nicht als vollwertige Soldatin akzeptieren und ihr natürlich auch nicht glauben wollen, als sie ihre Entdeckung über Funk weitergibt.

Nach der etwas ungewöhnlichen Einleitung schlägt die Regisseurin eine ganz unerwartete Tonalität an und lässt unter derbem Synthiepop ihre Protagonistin in die nebelverhangene Nacht aufbrechen. Begleitet von roten und grünen Lichtern, die gerade genug von der Szenerie preisgeben und atmosphärisch viel eher einen Horrorfilm einleiten, betritt Maude dann das Flugzeug. Obwohl Maske und Setting eindeutig in den 40er-Jahren verankert sind, sollte schon hier klar werden: „Shadow in the Cloud“ wird alles andere als ein Historienfilm. Dazu trägt vor allem der Score von Mahuia Bridgman-Cooper bei, der mit seiner elektronischen Musik das Kriegsgeschehen von 1943 mit den Klängen der 80er-Jahre verknüpft und sich damit musikalisch beispielsweise auch ein wenig an „Stranger Things“ anlehnt.

Aber nicht nur der markante Score überrascht. Auch dass „Shadow in the Cloud“ fast durchweg zu einem Kammerspiel für eine sehr stark aufspielende Chloë Grace Moretz wird. Gefangen in dem Kugelturm, bleibt die Regisseurin nämlich bei ihrer Protagonistin und lässt zunächst nur hin und wieder kleine Szenen einfließen, die das Geschehen über ihr im Rumpf der Maschine anreißen. Und obwohl die restliche Crew des B17 Bombers dabei dennoch kaum zu sehen ist, ist ihre Präsenz über den Funkkontakt umso stärker und schmerzhafter. Ein rauer Ton und verletzende Kommentare gipfeln in einem zuweilen widerlichen Sexismus, mit dem sich Maude unweigerlich auseinandersetzten muss. Atmosphärisch macht „Shadow in the Cloud“ über weite Strecken dabei also viel richtig. Bedacht eingesetzte Schnitte und ruhige Kamera transportieren gekonnt das Ausgeliefertsein von Maude und kreieren ein bedrohliches Bild eines sehr beengten Bewegungsspielraums, aus dem sie im Verlauf des Films mit ihrer mentalen und körperlichen Stärke ausbrechen muss.

Ab dem Zeitpunkt, als Maude sich dann für ihre Mission beweisen muss, ändert der Genrefilm erneut seine Ausrichtung und verliert dabei leider zusehends an Konsequenz und Wirkung. Die Kamera öffnet den Raum für Actionsequenzen, die der Physik trotzen und die Protagonistin zur Heldin mit ungeahnten Fähigkeiten erhebt. „Shadow in the Cloud“ wird tatsächlich ganz unerwartet ein Film über starke Frauen und Mutterschaft sowie Anerkennung und Respekt, was die inszenatorischen Entscheidungen zwar damit rechtfertigt, dann aber doch gerade mit Blick auf das letzte Drittel ein unbefriedigendes Gefühl der Leere hinterlässt.

Fazit:

Ein überraschender Genre-Mix, der zu einem mit Synthiepop unterlegten Kammerspiel wird, das von einer starken Chloë Grace Moretz dominiert wird. Lediglich die Inkonsequenz im letzten Drittel und die zuweilen zu eindimensionalen Figuren trüben den Spaß am sonst sehr solide inszenierten „Shadow in the Cloud“. Neu zu sehen auf Amazon Prime.

Bewertung:

Bewertung: 5 von 10.

Bilder: Amazon Prime / Capelight

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