Wie beginnt man etwas „Neues“, wie stellt man Lesern ein neues Projekt vor, wie formuliert man Worte und Gedanken richtig, die durchaus persönlich und emotional sind, wenn man sonst stets Wert auf objektive, neutrale, journalistisch korrekte Sprache legt? Seit vielen Wochen beschäftigen mich diese Fragen und es ist für mich bereits ungewohnt, das „ich“ in einem Text stehen zu lassen, da mir diese Art von Exposition ansonsten eher unangenehm ist. Ich bin aber der Überzeugung, dass die folgenden Worte und Überlegungen nur in dieser Form kommuniziert werden können.

von Christian Klosz

Ausgangspunkt des Ganzen war das Gefühl zu Beginn des Sommers, dass nach mehr als einem Jahr „Corona“ trotz wieder öffnender Kinos nicht „alles wie zuvor“ ist, sondern vielmehr alles anders: Die Lust, das Lichtspielhaus dem gemütlichen Home Cinema, das ein Jahr lang neue Normalität war, wieder vorzuziehen, sollte sich nicht so recht einstellen. Manchen mag es dabei anders gegangen sein und gehen, mir ging es so. Auch war spürbar, dass die Kino-, Film- und im Grunde die gesamte Kunst- und Kulturbranche enormen Schaden genommen hatten. Ein dunkler Schatten lag über der Welt der und des Kreativen, den allein die Nachricht von Öffnungen und neuen (alten) Möglichkeiten nicht vertreiben konnte. Eine Die Presse – Redakteurin formulierte diesen Eindruck unter dem Titel „Erschöpfung statt Solidarität herrscht im zweiten Pandemie-Kultursommer“ mit den drastischen Worten: Tot ist sie nicht. Nur äußerst erschöpft. Man sieht sie am Rücken liegen, nackt und schamlos vor uns ausgebreitet. Sie meinte damit die Kunst- und Kulturwelt.

Noch mehr als diese kollektive Kunstdepression beschäftigten und besorgten mich Vorgänge und Entwicklungen in den USA, immer noch das Mekka der Unterhaltungsindustrie. Eine durch gesellschaftliche Spaltungen und Corona-Stress beschleunigte Ideologisierung der Filmwelt greift dort um sich, die vor nichts und niemandem Halt zu machen scheint und der Kunst, die frei sein muss, um atmen zu können, jene Luft raubt, die sie dafür braucht. Der Höhepunkt und vorläufige Tiefpunkt dieser Entwicklung war die Verkündigung der neuen „Amazon-Regeln“, die den Charakter der Filmkunst und des Schauspiels grundlegend verändern werden. Bei uns in Europa werden diese Vorgänge immer kritischer betrachtet, innerhalb der Film-Bubble, aber auch von Menschen, die sich grundsätzlich progressiven Anliegen verbunden sehen – während in den Staaten die Fähigkeit zur kritischen (Selbst-)Reflexion vollkommen verloren gegangen zu sein scheint. Eine aus der Trump-Ära kollektiv übernommene Pathologie?

Viele Gespräche, online und in der realen Welt, bestätigten mein ausgeprägtes Unbehagen und die tiefe Sorge um die Filmwelt. In geradezu resignierten Worten drückte das kürzlich eine Leserin in einem Kommentar aus: Wenn das so weiter geht, muss man sich demnächst vom Hobby Film wohl verabschieden (sinngemäß). Als Cinephiler tut einem das im Herzen weh.

Als Publizist und Gründer einer Filmplattform mit nicht unbedeutender Reichweite stellt man sich schließlich auch die Frage: Was kann ich tun? Kann ich etwas tun? Aufgeben und Abwenden ist keine Option. Aber die Suche nach dem, was fehlt. Was fehlt mir, und scheinbar auch sehr, sehr vielen anderen? Echte Filme, pures Kino, befreiter und befreiender Eskapismus, ernsthafte und kluge Filme, abseits vom eitlen und höchst oberflächlichen Ausstellen politisch korrekter Codes, Werke, die fordern, die etwas über die Welt und das Menschsein erzählen, mit all seinen Licht- und Schattenseiten, Filme, die provozieren, die mutig sind, die sich nicht darum scheren, was irgendwer darüber denken könnte, die visionär sind, anders, kreativ, eigenständig, unabhängig. Und ein Rahmen, eine Form, wie solche Filme angemessen präsentiert und vermittelt werden.

Bleibt also nur die Flucht zurück in eine Zeit, wo Filme nach oben genannten Kriterien strebten und auch danach beurteilt wurden? Gute Filme eben?

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Die neue Reihe The Real Movies macht es sich zur Aufgabe, solche Filme zu finden, wiederzuentdecken, vorzustellen und meinen Lesern Freude beim Lesen und Schauen zu bescheren. Sonst nichts. Die Hoffnung ist auch, dass sich daraus interessante Diskussionen (gerne in den Kommentaren!) ergeben, zu den obigen Gedanken, aber auch zu den vorgestellten Filmen. Feedback ist herzlich willkommen, besonders schön wäre es, wenn dieser Beginn auch dazu führen könnte, dass andere ihre Lieblingsfilme, alten Favourites, Perlen, Evergreens und Geheimtipps vor den Vorhang holen.

Diese neue Reihe startet ohne fixen Zeitplan und ist auch in der Form flexibel, die Filmvorstellungen erfolgen ohne feste Vorgaben, es kann sich um klassische Filmkritiken handeln, Essays, kurze Texte oder jede andere Form – je nachdem, wonach ich Lust habe. Denn das ist neben den oben ausgeführten Gedanken das Hauptziel des Projekts: Selbst wieder Freude und Lust am Film(schauen) zu finden, denn wie sonst könnte ich die vermitteln?

Film #1: „Die Sensationsreporterin“ / „Absence of Malice“, 1981, Regie: Sydney Pollack

Für jeden unbescholtenen Bürger gilt in einem liberalen Rechtssystem die Unschuldsvermutung: Unschuldig bis zur Verurteilung heißt das Credo, das auch (vermeintlichen) Tätern Rechte zugesteht und mögliche und unverhinderliche Schwächen des Justizapparates miteinkalkuliert. Diese Ausgewogenheit macht viele westliche, demokratische Rechtssysteme anderen überlegen und sie stell(t)e einen unermesslichen zivilisatorischen Fortschritt in Sachen Gerechtigkeit dar. Was aber, wenn ein unbescholtener Bürger vorab ins Visier der Justiz gerät, weil er die falsche Herkunft hat? Davon handelt der Film „Die Sensationsreporterin“ aus dem Jahr 1981.

Paul Newman brilliert hier als Spirituosengroßhändler Mike Gallagher, dessen einziges Verbrechen es ist, Sohn eines ehemaligen örtlichen Mafiamitglieds zu sein. Er selbst ist unbescholten. Doch Ermittler Elliot Rosen hat ein Problem: Er soll das Verschwinden des Gewerkschaftsführers Joey Diaz aufklären, hat aber keine Spur, und bildet sich ein, über Gallagher an Diaz heranzukommen. Er steckt also der Reporterin Megan Carter (Sally Field), dass gegen Gallagher ermittelt wird und er etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Die schreibt ihren Artikel – und plötzlich steht Mike am öffentlichen Pranger und sieht sich in der Position, sich gegen etwas verteidigen zu müssen, das er nie getan hat.

„Die Sensationsreporterin“ handelt von Vorurteilen und Fehlern, von Fehleinschätzungen und blinder Hybris, die ob Karrierechancen moralische Bedenken wegwischt. Es ist ein äußert kluger, komplizierter Film, der Ambivalenzen ausleuchtet und dessen Detailverliebtheit ebenso wichtig ist wie sein globaler Blick auf das große Ganze und seine systemkritischen Implikationen. Der ehrgeizige Ermittler stellt subjektive Animositäten über objektive Gebote, die Reporterin macht – trotz absence of malice – das Falsche, mit schwerwiegenden Konsequenzen, da sie sich zum Rädchen in einem größeren Getriebe machen lässt. Dabei will sie nur die Wahrheit berichten. Doch was ist die Wahrheit, was sind die Grenzen dessen, was gesagt werden soll, darf, muss? Das Schöne an diesem Film von Sidney Pollack ist, dass er all seinen Figuren Stärken und Schwächen zugesteht, dass er ein äußerst komplexes Bild der Realität zeichnet, in der sich die Frage, was nun „richtig“ oder „falsch“ ist, schwer beantworten lässt.

Als Held, als charismatischer Antiheld, ist es Paul Newman, der mit seinem smarten Spiel, das Coolness und Gerissenheit ausdrückt, dem Film am stärksten seinen Stempfel aufdrückt. Ohne Schuld in eine missliche Lage geraten nutzt er seinen scharfen Verstand, um sich am System zu rächen. Der finale Showdown mit der Konfrontation aller Protagonisten ist an Spannung und inszenatorischem Fingerspitzengefühl kaum zu überbieten. Und der ungewöhnliche Soundtrack von Dave Grusin setzt „Die Sensationsreporterin“ die Kirsche auf: Ein mehr als nur guter Film.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(94/100)

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„Die Sensationsreporterin“ ist bei diversen Anbietern als Stream zu leihen oder zu kaufen (ab 2.99€), u.a. bei Amazon. Natürlich kann man den Film auch auf DVD oder BluRay erwerben.