10 Tage, über 100 Filme, 400 Gäste und fast 25.000 Besucher. Bereits zum 29. Mal lud die Hansestadt Hamburg zum Filmfestival ein. Unter dem diesjährigen Motto „Schau! Wow!“ zeigte das Filmfest Hamburg frische Ware aus Cannes, feierte etliche Deutschlandpremieren und lockte mit sehnlichst erwarteten Werken wie beispielsweise Wes Andersons „The French Dispatch“ die Menschen zum gemeinsamen Kinoerlebnis in die Lichtspielhäuser der Stadt.

von Madeleine Eger

Nach langen Monaten Festival-Zwangspause war das Filmfest ein gelungener Schritt zurück zum Kollektiverlebnis Kino. Wenngleich die Kinos seit dem Sommer langsam zu ihrem Regelbetrieb zurückkehrten, so ist doch ein Filmfestival ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Innerhalb weniger Tage oder sogar Stunden reist man durch die ganze Welt, durch verschiedene Epochen der Zeitgeschichte und wird eingeladen, mit den unterschiedlichsten Charakteren zu lachen, zu weinen, gemeinsam Hürden des Alltags zu nehmen und die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten.

So führte die Filmauswahl unter anderem nach Indonesien („Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar“), Schweden („As in Heaven“), Italien („Piccolo Corpo“), Österreich („Große Freiheit“) und Irland („Belfast“). Mal als 80er-Jahre Genremix, der auf ganz unkonventionelle Art „toxische Männlichkeit“ ausdiskutiert, mal als Coming of Age mit Horroranleihen, um plötzliche familiäre Verantwortung zu schildern, mal als kindlicher Rückblick auf den Nordirlandkonflikt Ende der 60er-Jahre. Beim Filmfest Hamburg gab es neben einigen bekannten Namen wie Gaspar Noé, Leos Carax oder Mathieu Almaric eine herausragende Zusammenstellung von Filmen, die immer wieder überrascht, mitgenommen und begeistert hat. Nicht zuletzt auch, weil das Festival und die gemeinsame Seherfahrung im Kino eine nahezu magische Atmosphäre heraufbeschwört und Filme so zu einem intensiveren Erlebnis werden.

Mit „Vortex“, der am letzten Abend mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet worden ist, endete das Filmfest Hamburg zwar mit einem persönlichen Favoriten, daneben zählten aber auch die hier bereits vorgestellten „Wo in Paris die Sonne aufgeht“, „Red Rocket“ und „Für immer und ewig“ zu Highlights, die man sich unbedingt vormerken sollte.

Darüber hinaus seien Filmfans noch „Playground“, „Murina“, „Intregalde“ und „Memoria“ ans Herz gelegt. Wobei Letzterer eine außergewöhnliche Erfahrung bietet, die fast schon experimentell anmutet und sich mit seinem sphärischen Fokus auf Akustik seiner irdischen Greifbarkeit oft entzieht. Der neue Film von Regisseur Apichatpong Weerasethakul ist herausfordernd, aber trotzdem einer der interessantesten Beiträge auf dem Filmfest Hamburg. Das belgische Drama „Playground“ bietet hierzu einen harten Kontrast und entwickelt mit der Schilderung des herausfordernden Schulalltags aus der Sicht einer Siebenjährigen eine unglaublich starke und dichte Atmosphäre, die einen vielfach schmerzlich trifft, erschüttert und berührt. Der rumänische Film „Intregalde“ hingegen entblättert unter seinem cleveren und bitter kalten Gesellschaftskommentar fast noch einen waschechten Horrorfilm, bei dem die Maskierung der Privilegierten zusehends fällt, den Spiegel vorhält und die Entblößung der menschliche Natur und der etablierten Sozialstrukturen einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Und vor dem Hintergrund der malerischen kroatischen Küste entwirft „Murina“ eine starke Geschichte, die aufbegehrt, um patriarchalische Strukturen zu brechen und seiner weiblichen Hauptfigur versucht die Chance zu eröffnen, ihre Träume nicht im Paradies sterben zu lassen.

Vielen neue Eindrücken, ein Wechselbad der Emotionen und 10 Tagen frische Festivalluft: Man kann sich zurecht jetzt schon auf die nächste Ausgabe des Filmfests in Hamburg freuen.

Bild: (c) Filmfest Hamburg