„Mad God“ ist ein experimenteller Animationsfilm des renommierten Effektkünstlers und Regisseurs Phil Tippett und wurde 2021 nach einer fast drei Jahrzehnte langen Produktionszeit veröffentlicht und wird hierzulande über Palaion Pictures vertrieben. Der Film erzählt keine konventionelle Geschichte im herkömmlichen Sinne, sondern entführt das Publikum in eine dystopische, albtraumhafte Welt, die von bizarren Kreaturen und grotesken Szenen bevölkert ist. Der Protagonist, bekannt als der „Assassin“, begibt sich auf eine gefährliche Reise durch eine verfallene, von Krieg und Chaos geprägte Landschaft, um eine Bombe zu platzieren. Doch diese Reise ist weniger eine lineare Mission als vielmehr eine metaphysische Odyssee, die die Zuschauer*innen durch verschiedene Ebenen einer höllischen Unterwelt führt.
von Richard Potrykus
Phil Tippetts „Mad God“ ist ein Paradebeispiel für postdramatisches Erzählen, eine Erzählweise, bei der traditionelle narrative Strukturen und dramaturgische Konventionen zugunsten visuell und emotional eindrucksvoller Bilder aufgegeben werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Filmen, die sich durch klare Handlungsstränge und Charakterentwicklungen auszeichnen, bietet „Mad God“ eine lose verbundene Abfolge von Szenen, die weniger durch Dialoge oder erzählerische Erklärungen als durch ihre visuelle und atmosphärische Wirkung zusammengehalten werden. Die postdramatische Struktur des Films zeigt sich in seiner Fragmentierung und damit der Abwesenheit einer kohärenten Geschichte. Einzelne Episoden und der ständige Wechsel von Schauplätzen, die immer neue und groteskere Kreaturen hervorbringen, prägen jedes einzelne Bild.
Diese episodische Struktur erlaubt es Tippett, eine Vielzahl von Themen und Symbolen zu erforschen. Schon zu Beginn wird der Turm von Babel gezeigt und damit der Versuch des Menschen, zu Gott zu gelangen. Wie die Bibel lehrt, scheitert dieser Versuch. In der Folge bleibt der Titel des Films “Mad God” ständig präsent und das Publikum kann sich fragen, was Gott so erzürnt hat, dass er die Welt in solch ein Chaos hat stürzen lassen, und worin das Göttliche liegt in dieser Vielzahl abscheulicher Wesen und einer Welt, die nur Tod und Zerstörung kennt. Der Film erfordert daher vom Publikum eine aktive Interpretation und die Bereitschaft, sich auf die symbolische und emotionale Ebene der Bilder einzulassen.
Die düsteren, surrealen Landschaften und die unheimlichen Kreaturen in „Mad God“ erinnern stark an die Werke des niederländischen Malers Hieronymus Bosch, insbesondere an sein berühmtes Triptychon „Der Garten der Lüste“, dessen rechter Flügel „Die Hölle“ darstellt. Boschs Gemälde zeigt eine chaotische, alptraumhafte Vision der Hölle, bevölkert von grotesken Figuren und Szenen von Qual und Verderben. Diese visuelle Parallelität ist in Tippetts Film deutlich zu erkennen.
Wie Boschs „Hölle“ ist auch „Mad God“ von religiösen Symbolen durchdrungen. Diese Symbole fungieren weniger als Elemente einer klaren religiösen Botschaft, sondern vielmehr als Teil eines komplexen und mehrdeutigen symbolischen Systems. In einer der eindringlichsten Szenen des Films wird der Protagonist, der Assassin, durch eine schreckliche Fabrik geführt, in der gigantische, monströse Maschinen scheinbar endlose Reihen von Kreaturen zermalmen. Diese Szene kann als eine düstere Allegorie für die Industrialisierung und die Dehumanisierung der modernen Welt interpretiert werden, die in Boschs Höllendarstellung ihre Parallelen findet, wo menschliche und teuflische Maschinenwesen die Seelen der Verdammten quälen.
Ein weiteres Beispiel für die religiösen Symbole in „Mad God“ ist die wiederkehrende Darstellung von Kreuzen und anderen christlichen Ikonografien, die jedoch in einer grotesken und verzerrten Form erscheinen. Auch hier orientiert sich Tippett stark an Bosch und den Darstellungen religiöser Themen, die oft mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schrecken einhergehen.
„Mad God“ erinnert nicht von ungefähr auch an Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“. Beide Filme verwenden postdramatische Erzähltechniken, um komplexe und vielschichtige Themen zu erforschen. Während „2001“ die Evolution und die Reise des Menschseins durch den Kosmos thematisiert, verwendet „Mad God“ eine ähnliche Struktur, um eine Reise durch eine dystopische, höllische Unterwelt zu erzählen. In „2001“ wird der Kreislauf von Leben und Tod durch die berühmte Sternenkind-Szene am Ende des Films symbolisiert, die eine neue Stufe der menschlichen Evolution andeutet. In „Mad God“ wird dieser Kreislauf durch die ständige Wiederkehr von Tod und Zerstörung dargestellt, die den Protagonisten auf seiner Reise begleitet. Die ständige Präsenz von Tod und Verderben, gepaart mit den fragmentierten und surrealen Bildern, birgt zudem eine gewisse Hoffnungslosigkeit, nicht zuletzt, weil hier etwas bekämpft werden muss, was allumfassend ist. Ob die Figuren wirklich verstehen, was das Ziel ihrer jeweiligen Reise ist, spart der Film aus. Sicher ist, dass das Publikum nicht weiß, wo der Schrecken anfängt und wo er aufhört. So fordern beide Filme die Zuschauer*innen auf, über die gezeigten Bilder hinauszugehen und tiefere, philosophische Fragen zu stellen.
Fazit
Wie bei vielen experimentellen Filmformaten ist es auch bei “Mad God” schwer, eine Punktzahl zu vergeben. Der Film ist sperrig, schont das Publikum zu keiner Zeit und nimmt niemanden bei der Hand. Bei wem der Film nicht gleich zu Beginn zündet, verschließt er sich über die gesamte Länge von 84 Minuten. “Mad God” ist daher weniger als Film im engeren Sinne zu betrachten, sondern vielmehr als Kunstwerk, welches mit jeder neuen Szene immer tiefere Einblicke in eine Welt bietet, die so ganz anders ist als die Realität und doch Fragen darüber aufwirft.
Bild: (c) Phil Tippett / Plaion Pictures
