„Die Folgen der Industriellen Revolution haben sich für die Menschheit als eine Katastrophe erwiesen“ lautet der tonangebende erste Satz des Unabomber-Manifests. Theodore J. Kaczynski steckt hinter dem Akronym und Text; der Terrorist verübte 16 Bombenanschläge mit drei Toten. Janus Metz („Borg vs. McEnroe“) verfilmt in „Unabomber“, unter anderem mit Russell Crowe („Nürnberg“) besetzt, die Jugend und Festnahme des selbsterklärten Anarchisten. Seit dem 25. September 2026 ist das Krimidrama auf Netflix abrufbar. Kaczynski sah sich selbst als revolutionär – dieser Film ist sogar in seinem Anspruch das exakte Gegenteil davon.

Kritik von Jonas Schilberg

Wie Ted Kaczynski zum „Unabomber“ wurde

New Jersey, 1994: Ein amerikanischer Familienvater wird durch eine Briefbombe getötet. Seit 16 Jahren wütet der sogenannte Unabomber, der mutmaßlich dahintersteckt, erklärt uns ein Nachrichtensprecher. Es ist die einzige Bombenexplosion, die wir sehen – vielleicht der erste Fehler. Nach Veröffentlichung des Unabomber-Manifests im September 1995 scheint das FBI jedenfalls durch Textanalyse und Abgleiche endlich eine Fährte aufzunehmen.

Während es Ted Kaczynski immer näher kommt, wird in ähnlich anteiligen Rückblenden – und glatten Bildern – die Jugend jenes Mathematik-Studenten (gespielt von Jacob Tremblay) ausgebreitet. Dieser lernte in Harvard sowohl Mathematik als auch den Dozenten Henry Murray (Russell Crowe) näher kennen. Als Untersuchungsobjekt seines Experiments nimmt Ted an einem angeblichen Debattierclub teil, der eigentlich ein Stress-Verhör ist. Seine psychischen Auffälligkeiten treten zunehmend zu Tage.

Kaczynskis Ansichten bleiben auf der Strecke

Heutzutage werden Kaczynski und sein Manifest nicht selten von rechtsextremer und ökoanarchistischer Seite vereinnahmt. Auch wenn viel dröger Kulturkampf im Text steckt, hat die vollkommene Ablehnung jeglicher Technik aber auch etwas Faszinierendes. Nun kann auch Unfug faszinierend sein, aber sie lädt zumindest ein, diese simple Frage – Ist Fortschritt „gut“? – einmal auszudiskutieren.

Metz’ „Unabomber“ versäumt dies.Zwar wird am laufenden Band auf das Manifest referiert, aber Deskriptives ersetzt Substanzielles. Dabei liegt es geradezu auf der Hand, die rigorose Haltung Kaczynskis in Zeiten von KI zu thematisieren. Eines muss schließlich bei Sichtung der deutschen Tonspur auffallen: Russell Crowe spielt zwar formidabel wie immer, doch nicht wie immer klingt seine Synchronstimme. Hintergrund ist ein Streit zwischen dem Verband Deutscher Sprecher:innen und Netflix; der Streaming-Gigant will mit den Synchronsprecherstimmen wohl zukünftig eine KI trainieren. Martin Umbach, Stammsynchronsprecher Crowes, beteiligt sich daher am Boykott.

Metz und seine Drehbuchautoren Sam Chalsen und Nelson Greaves verschreiben sich stattdessen ausdrücklich der psychologisierenden Variante, einer beliebten True-Crime-Methode. Dass solche Lesarten im Überhöhen der Täter, Übergehen der Opfer und Simplifizieren der Hintergründe münden, beweist „Unabomber“ versehentlich überdeutlich – welche Gräuel Kaczynski tatsächlich getan hat, sehen wir kaum.

Denn wer der individualistischen Perspektive folgt, Kaczynski habe halt nur keine Bestätigung bekommen (die ihm Prof. Murray nun gibt) und an Einsamkeit gelitten (exemplarische Einsamer-College-Student-Szenen), verwirft den doch beträchtlichen Umstand, dass wir alle in einer Welt aufwachsen, die wir selbst nicht geschaffen haben. Vielleicht wurde Ted eben nicht nur von Murray mit seinen Experimenten missbraucht, sondern von einer einzelgängerischen Gesellschaft insgesamt. Entlasten würde das nicht, aber mehr erklären als die halbgare College-Diagnose.

jacob tremblay in Unabomber
Jacob Tremblay als junger Ted K.

„Unabomber“ fehlt es an Tiefe

Ironischerweise gibt „Unabomber“ selbst zu, dass ein psychologisierender Ansatz nicht universell gelten kann, wenn Murray von seinem Auftrag berichtet, ausgerechnet Adolf Hitler psychologisch evaluieren zu lassen. Murrays Publikum lacht, zu Recht. Denn wohin sollte so eine Evaluierung schon führen? Ja: Wohin soll die College-Episode führen? Ebenjener Abschnitt ist dabei trotz seiner Probleme das Interessanteste an „Unabomber“: Was er an Spannung aufbaut, büßt der FBI-Strang wieder ein, der obendrein völlig generisch gestaltet ist und das als unfehlbar gezeichnete FBI kaum hinterfragt – das immerhin fast zwei Jahrzehnte zur Aufklärung des Falls brauchte. Eine Szene, in der Ermittlerin Miller (Shailene Woodley) beinahe vom Unabomber entdeckt wird, kann für einen Moment Spannung erzeugen, verpufft jedoch recht bald wieder.

Im letzten Drittel bemüht sich „Unabomber“ plötzlich, einen Beitrag zur „Verantwortung der Wissenschaft“ zu konstruieren. Ted diene nur als austauschbarer, entmenschlichter Datensatz, mit dem bestimmte Resultate produziert werden sollen, ungeachtet der Folgen für diesen späteren Terroristen, bebt es anklagend. Aber diese Debatte ist nicht nur mindestens so alt wie die empirische Wissenschaft selbst, sie wird grob geführt und schließlich im FBI-Strang unbeholfen mit einer „Verantwortung der Medien“ gespiegelt. Dort will CBS den Namen des Unabombers frühzeitig enthüllen. Abgehandelt wird dies jedoch gewohnt simpel in wenigen Sätzen, Ende.

Fazit

Für einen Film, der so explizit auf das Unabomber-Manifest eingeht, bietet „Unabomber“ ernüchternd wenig inhaltliche Auseinandersetzung. Das FBI ermittelt erfolgreich, Ted Kaczynski hatte eine schwere Jugend – so, wie der Film den Fall präsentiert, ist unvorstellbar, dass er als teuerste und längste Fahndung der FBI-Geschichte gilt. Der Hinweis „fiktionalisiert“ meint demnach schlicht „simplifiziert“. Auch Russell Crowe kann nicht über die Durchschnittlichkeit hinwegtäuschen.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(59/100)

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„Unabomber“ auf Netflix – Filmdaten

FilmdatenUnabomber
OriginaltitelUnabomber
Produktionsjahr2026
ProduktionslandUSA
GenreThriller, Drama, True Crime, Historienfilm
RegieJanus Metz
DrehbuchSam Chalsen, Nelson Greaves
ProduktionSophie Cassidy
MusikMarco Beltrami
SchnittZach Staenberg
DarstellerJacob Tremblay, Russell Crowe, Shailene Woodley, Annabelle Wallis, Alexander Ludwig, Steven Ogg, Marc Menchaca
Laufzeitca. 100 Minuten
Altersfreigabe Deutschlandab 12 Jahren
Streamingstart25. September 2026
StreamingdienstNetflix
OriginalspracheEnglisch

Bilder: (c) Netflix