Der technische Fortschritt und seine Schattenseiten: Nicht erst seit Auftreten von Klimawandel und Social Media-Abgründen ist dem Menschen bewusst (oder auch nicht…), dass sein teleologischer Fortschrittsglauben auch in die Irre führen kann. Damit „beschäftigt“ hat sich auch Ted Kaczynski, genannt „Unabomber“, auf seine ganz eigene Art und Weise: Bevor er 1996 festgenommen wurde, hatte er durch seine Briefbomben in den USA 3 Menschen getötet und 23 verletzt, doch nicht zum Spaß – Kaczynski wollte, so seine Rechtfertigung, durch seine Anschläge auf die zunehmende Ausbeutung der Natur und die Irrwege der Industrialisierung aufmerksam machen. Dieser radikale Weg wäre nötig, weil ihm sonst keiner zugehört hätte. Der US-Regisseur Tony Stone bastelte aus dem Stoff ein künstlerisch anspruchsvolles B-Movies, das in der Panorama-Sektion der Berlinale 2021 zu sehen ist.

von Christian Klosz

Stone beginnt seine Geschichte mit Einblicken in Kaczynskis Leben als Einsiedler: Der Harvard-Absolvent hatte nach nur kurzer Zeit seine erfolgreiche akademische Karriere abgebrochen, um alleine und zurückgezogen in einer Hütte in der Wildnis Montanas als Selbstversorger zu leben. Wir bekommen keine Erklärung für die Abkehr Kaczynskis von der Zivilisation und seine Radikalisierung, sondern werden als (teilnehmende) Beobachter Zeugen derselben. In Auszügen aus seinen Manifesten bekommen wir Einblicke in die Gedankenwelt des Unabombers, dessen anfängliche Enerviertheit über maschinelle Geräusche, die er als Vorzeichen einen kommenden technischen Diktatur sieht, schnell in Gewalt umschlägt. Die ersten, selbstgebauten Bomben gehen in die Hose, aber mit zunehmender, angelesener Kenntnis der Materie werden die Bomben größer und die Anschläge „erfolgreicher“.

„Ted K“, so der simple Titel des Films, hat mehrere, herausragende Qualitäten. Zum einen ist das das inszenatorische Handwerk des Regisseurs, der einen visuell und stilistisch äußerst anspruchsvollen Thriller geschaffen hat: durch das langsame Erzähltempo wirkt alles zeitweise sperrig, spröde, zäh, gleichzeitig gibt Stone seinen Bildern, die wahlweise Natur und deren Zerstörung einfangen, genug Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. In den besten Momenten erinnern die Aufnahmen an die Cinematografie eines Michael Cimino, seines Zeichens einer der größten Landschaftsmaler des US-Kinos. In Kombination mit dem genialen Soundtrack von Blanck Mass ergeben sich immer wieder bemerkenswerte Szenen, die die Zuschauer an den Bildschirm fesseln.

Irgendwie ist „Ted K“ auch die klassische Antihelden-Story a la „Taxi Driver“, der das eine oder andere Mal indirekt zitiert wird: Die Taten von Ted Kaczynski werden nicht glorifiziert, der erhobene Zeigefinger bleibt aber ebenso (zum Glück) stecken und Regisseur Stone will uns – subtil – fragen, ob seine Hauptfigur nicht doch mit dem einen oder anderen Anliegen Recht gehabt haben könnte. Die Aktualität ist nicht zuletzt durch die (vor Corona) breit diskutierte Klimakrise gegeben, eine direkte Auswirkung der menschlichen Ausbeutung auf die Natur, und die damit verbundenen Protestbewegungen, deren Analysen und Forderungen sich teilweise mit denen Ted Ks decken (wenngleich die Mittel natürlich voneinander abweichen). Nebenbei liefert der Film ein solides Psychogramm eines Täters, der rational und kalkuliert vorgeht und dessen Handlungen für ihn Sinn machen, obwohl er sich der Tragweite seiner Taten bewusst ist. Das einzige, was man „Ted K“ ankreiden kann, ist, dass er psychologisch stets eher an der Oberfläche bleibt und gar nicht erst versucht, die Taten des Unabombers zu erklären (wie konnte es soweit kommen?)

Schließlich muss Hauptdarsteller Sharlto Copley lobend erwähnt werden, der mit seiner trockenen, geradezu lakonischen Darstellung auf voller Linie überzeugen kann. Sein Ted Kaczynski wirkt gehemmt, stets angespannt, als würde er etwas zurückhalten, das keinen Weg nach draußen findet, nie gefunden hat und in ihm nagend zu Frustration, Wut und schließlich Gewalt führt: Eine bemerkenswerte Darbietung, die etwas die fehlende psychologische Tiefe des Drehbuchs kompensiert.

Fazit:

Hochwertiges, stilistisch anspruchsvolles B-Movie mit genialem Soundtrack, das trotz langsamen Erzähltempos über weite Strecken überzeugt und dazu ein interessantes Porträt einer Episode der US-Kriminalgeschichte liefert: ein zäher Brocken, der Unbehagen auslöst und nach der Sichtung eine Weile im Magen liegen bleibt und dort für ordentliches Grummeln sorgt.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

Bild: © TED K