Das war sie also, die „digitale Berlinale“, Teil eins eines Filmfestivals in zwei Stufen, das seine Fortsetzung im Juni vor Ort in Berlin finden soll, wo das Programm dem Publikum präsentiert wird. Wir hoffen, dass unsere ausführliche Berichterstattung der letzten Tage ein erster Leitfaden für Interessierte sein kann, was denn dort unbedingt zu sehen ist und was besser gemieden werden sollte. Das FilmPlusKritik-Team (Christian Klosz, Marius Ochs, Paul Kunz – Interviews) hatte jedenfalls große Freude an der „Sofa-Berlinale“ 2021, deren Programm in großen Teilen überzeugen konnte, und die es sogar fertig brachte, ein paar genuine Kino-Momente ins heimische Wohnzimmer zu transportieren – ganz ohne große Leinwand.

von Christian Klosz

Insofern ist der Versuch, das Festival vorerst rein digital stattfinden zu lassen, als durchaus gelungen zu bezeichnen. Im Kontakt mit Kollegen von anderen Medien stellte sich trotz der räumlichen Distanz so etwas wie das gewohnte „Berlinale-Feeling“ ein, das Gefühl, zu einer bestimmten Zeit etwas mit anderen zu teilen, Teil eines „größeren Ganzen“ zu sein. Für alle jene, die keinen Presse- oder Branchenzugang zum Programm hatten (also die meisten), eine kurze Beschreibung des Ablaufs: Von 1. bis 5. März war das gesamte Berlinale-Programm aller Schienen (mit wenigen Ausnahmen und abzüglich der Retrospektive) online auf einer eigens eingerichteten Media-Plattform zugänglich. Die Filme waren über die fünf Tage verteilt, jedes Werk war 24 Stunden verfügbar. Am anschließenden Wochenende konnte man die Gewinner-Filme noch einmal (oder zum ersten Mal) sehen.

Nach der „äußeren Form“ nun zum „Inhalt“: Wie bereits die erste Ausgabe unter der neuen Leitung Chatrian-Rissenbeek letztes Jahr präsentierte sich die Filmauswahl als äußerst vielfältig, aber auch hochqualitativ, wirkliche Enttäuschungen gab es wenige. Wie bereits 2020 bewährte sich die neu geschaffene Encounters-Sektion als Fundgrube für neue, innovative Zugänge zum Film/Kino, wie traditionell fanden sich einige der stärksten Filme in der Panorama-Sektion. Und wie gewünscht fanden sich die gehaltvollsten und nachhaltigsten Werke im Wettbewerb. Das qualitative Stiefkind bleibt die Special-Schiene (früher: Filme „außer Konkurrenz“), die hauptsächlich dazu da ist, bekannte Gesichter und Stars zum Festival zu locken, wovon man bei einem rein digitalen Festival natürlich wenig hat – hoffentlich werden zumindest im Juni einige von ihnen in Berlin vor Ort sein.

Nun zu den Filmen im Detail – es folgt ein persönlicher Überblick, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Ein herbe Enttäuschung war „Je suis Karl“ (Special), der gescheiterte Versuch, hinter das neue Phänomen hipper, rechter Jugendlicher zu blicken. Furchtbar banal, voller Klischees und geradezu dämlich ist dieser Film, der sich am besten als boulevardesker Polit-Porno für simple Gemüter beschreiben lässt. Wenig überzeugend waren auch die bemüht-experimentelle Bilder- und Geschichtenmontage „Esqui“ (Forum) über einen südamerikanischen Skiort und Alice Diops „Nous“ (Encounters), der leider nur halb so klug ist, wie er gerne sein möchte.

Im unteren qualitativen Durchschnitt siedeln sich das deutsche Thriller-Drama „Der menschliche Faktor“ (Panorama), die ungarische Weltkriegs-Abhandlung „Natural Light“ (Wettbewerb) und der Cop-Thriller „Limbo“ aus Hongkong (Special; siehe Bild unten) an. Letzterer überzeugt durch Härte und Ästhetik, lässt aber jegliche Emotion vermissen, „Natural Light“ glänzt ebenfalls stilistisch (Preis für die beste Regie), wirkt aber am Ende etwas leer und blutlos.

Limbo Film Berlinale

Guter Durchschnitt sind die französische Nouvelle Vague – Neuinterpretation „The world after us“ (Panorama), das chinesische Coming-of-Age-Drama „Sommerflirren“ (Generation), das den Hauptpreis der Sektion abräumen konnte, und das sensible Drama „Albatros“ (Wettbewerb) um einen französischen Polizisten, der nach einem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz sich seinem erlittenen Trauma stellen und wieder zu sich finden muss. In den selben qualitativen Gefilden rangiert „Language Lessons“ (Special), das amüsante, berührende und innovative Regie-Debüt von Natalie Morales, die mit ihrem Filmpartner Mark Duplass die Möglichkeiten platonischer Freundschaft zwischen Mann und Frau auslotet (in Kürze folgt hier ein Interview, das wir mit den beiden Hollywood-Schauspielern führen durften!)

Die Prädikate „gut“ bis „sehr gut“ verdienen der bosnische Coming-of-Age-Film „The white fortress“ (Generation14plus), zugleich eine Liebeserklärung an die Hauptstadt Sarajevo, Maria Schraders kluger und höchst amüsanter Wettbewerbs-Beitrag „Ich bin dein Mensch“ (Bild unten), der die Möglichkeiten von Liebe zwischen Mensch und Maschine durchexerziert oder der libanesische Film „Death of a virgin, or the sin of not living“ (Panorama), eine kleine Perle voller Melancholie, die vom „Mann-Werden“ im Nahen Osten (und überall) erzählt. Kleine Anmerkung am Rande: Warum gerade die zwar solide, aber kaum außergewöhnlich agierende Maren Eggert den Hauptpreis für die beste schauspielerische Leistung in „Ich bin dein Mensch“ zugesprochen bekam, und nicht ihr überragender Filmpartner Dan Stevens als Android mit britischen Akzent, ist ein großes Rätsel. Es zeigte sich, dass die Entscheidung, in Hinkunft nur mehr einen Schauspielpreis-Hauptpreis zu vergeben (anstatt wie traditionell einen für die beste männliche und einen für die beste weibliche Hauptrolle) ein Fehler ist, denn eine Seite schaut so immer durch die Finger. Und manch große Darstellerleistung wird so gezwungenermaßen jedes Mal ignoriert und unprämiert bleiben: Das konnte wohl kaum Sinn der Übung sein.

Auch der eigenwillige US-Beitrag „Ted K“ (Panorama) verdient das Prädikat „sehr gut“, er schafft den schweren Spagat zwischen B-Movie-Aura und künstlerischen Anspruch und kann mit einem genialen Soundtrack punkten, der die ohnehin wirkungsvollen Bilder noch kräftiger macht. Ein Sonderfall ist schließlich der gehypte Wettbewerbs-Gewinner „Bad luck banging or loony porn“: Die letzten 40 Minuten sind für sich genommen eine kleines Meisterwerk, alles davor kann man mögen oder lieben – oder hassen (eine detaillierte Beschreibung des Films in unserer Kritik). Jedenfalls gelang dem rumänischen Regisseur Radu Jude eine satirische Zeitgeist-Kritik, die passt wie die Faust aufs Auge: „Der Goldene Bär geht an einen Film, der die seltenen und grundlegenden Eigenschaften eines beständigen Kunstwerks besitzt. Es fängt auf der Leinwand den eigentlichen Gehalt, die Quintessenz, Geist und Körper, die Wertvorstellungen und das nackte Fleisch unseres gegenwärtigen Augenblicks ein. Genau dieses Augenblicks menschlichen Daseins. Er tut das, indem er den Zeitgeist heraufbeschwört, ihn ohrfeigt, zum Duell herausfordert. Und damit hinterfragt er auch den gegenwärtigen Zeitpunkt im Kinofilm, indem er mit derselben Kamerabewegung unsere gesellschaftlichen und filmischen Konventionen erschüttert. Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau. Er greift die Zuschauer*innen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.“ – so begründet die Jury wortreich ihre Wahl, und dem ist wenig hinzuzufügen.

Schließlich zum heimlichen Favoriten des Programms, der noch eine Stufe über all die anderen Genannten zu stellen ist: „What do we see when we look at the sky?“ (Wettbewerb; Bild unten) von Alexandre Koberidze ist ein modernes Märchen, eine mystische Fabel, ein magisches Kunstwerk und eine Ode an das Leben, das unverständlicherweise völlig unprämiert nach Hause fahren musste. Der georgische Regisseur plädiert in seinem erst zweiten Langfilm, der in höchstem Ausmaß filmisch ist, für Schlichtheit, indem er mit seiner Kamera große Schönheit in den kleinsten Alltagsbegebenheiten sucht und findet: Es ist dies der wohl beste Film des Jahres 2021 bisher (ausführliche Kritik HIER).

What do we see when we look at the sky?

Folgend die Berlinale-Preisträger/innen 2021 aus allen Sektionen:

Die Bärengewinner des Wettbewerbs 

Goldener Bär für den Besten Film: Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn) von Radu Jude

Silberner Bär Großer Preis der Jury: Guzen to sozo (Wheel of Fortune and Fantasy) von Ryusuke Hamaguchi

Silberner Bär Preis der Jury: Herr Bachmann und seine Klasse (Mr Bachmann and His Class) von Maria Speth

Silberner Bär für die Beste Regie: Dénes Nagy für Természetes fény (Natural Light)

Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Maren Eggert in Ich bin dein Mensch (I’m Your Man) von Maria Schrader

Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Lilla Kizlinger in Rengeteg – mindenhol látlak (Forest – I See You Everywhere) von Bence Fliegauf

Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Hong Sangsoo für Inteurodeoksyeon (Introduction)von Hong Sangsoo

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: Yibrán Asuad für die Montage von Una película de policías (A Cop Movie) von Alonso Ruizpalacios

Preise der Sektion Encounters

Bester Film: Nous (We) von Alice Diop

Spezialpreis der Jury: Vị (Taste) von Lê Bảo

Beste Regie (ex-aequo): Das Mädchen und die Spinne (The Girl and the Spider) von Ramon Zürcher und Silvan Zürcher

und Beste Regie: Hygiène sociale (Sozialhygiene) von Denis Côté

Lobende Erwähnung: Rock Bottom Riser von Fern Silva

Die Preise der Berlinale Shorts

Goldener Bär für den Besten Kurzfilm für Nanu Tudor (My Uncle Tudor) von Olga Lucovnicova

Silberner Bär Preis der Jury (Kurzfilm) für Xia Wu Guo Qu Le Yi Ban (Day Is Done) von Zhang Dalei

Berlin Short Film Candidate for the European Film Awards für Easter Eggs von Nicolas Keppens

Generation Kplus und 14plus: Die Preise der Internationalen Jury

Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film im Wettbewerb Generation Kplus für Han Nan Xia Ri (Sommerflirren) von Han Shuai

Lobende Erwähnung für Una escuela en Cerro Hueso (Eine Schule in Cerro Hueso) von Betania Cappato

Großer Preis der Internationalen Jury für den Besten Film im Wettbewerb Generation 14plus  für La Mif (The Fam) von Fred Baillif

Lobende Erwähnung für Cryptozoo von Dash Shaw

Titelbild: © Sandra Weller / Berlinale 2020 — Textbilder: © 2021 Sun Entertainment Culture Limited bzw. © Christine Fenzl bzw. © Faraz Fesharaki/DFFB

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