Während andere große Festivals wie kürzlich das in Rotterdam dieses Jahr noch auf die eine Präsenzveranstaltung verzichten, hielt die Berlinale trotz zuletzt harscher Kritik an ihrem Plan fest und kehrt für Festivalbesucher und Publikum in die Kinos von Berlin zurück. Mit strengen Auflagen und 50 % Auslastung soll so Sicherheit, aber auch der Spaß am gemeinsamen Filme-Schauen und Entdecken gesichert werden. Zum Auftakt des Festivals wird „Peter von Kant“, das neue Werk des französischen Regisseurs François Ozon, gezeigt, der bereits zum sechsten Mal im Programm der Berlinale vertreten ist.

von unserer Berlin-Korrespondentin Madeleine Eger

„Peter von Kant“ ist ebenso wie der nun mehrfach oscarnominierte Film „Belfast“ von Kenneth Branagh eine kreative Blüte der Pandemie. Während sich Branagh seiner eigenen Vergangenheit widmete, zog es Ozon in der Zwangspause zurück zu einem seiner Vorbilder, dem Enfant terrible der deutschen Filmgeschichte: Rainer Werner Fassbinder. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass sich der Franzose von dem Regisseur inspirieren lässt. In seiner Filmografie sind so nicht nur Einflüsse des Grandeurs Fassbinders zu erkennen, Ozon scheut sich auch nicht, die schweren Stoffe selbst zu bearbeiten. Nach dem adaptierten Theaterstück „Tropfen auf heiße Steine“ (das 2000 im Wettbewerb der Berlinale lief), interpretiert der französische Regisseur nun die Tragödie „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ neu und eröffnet 50 Jahre, nachdem dieser Film ebenfalls auf dem Festival seine Premiere feierte, die Berlinale mit einer leichten, schwungvollen und humoristischen Neuauflage, die nicht nur von Liebe, Leid und Macht erzählt, sondern auch als Hommage an Fassbinder, sein Werk und den deutschen Film daherkommt.

Im Kölner Luxusapartment lebt der gefeierte und erfolgreiche Regisseur Peter von Kant (Denis Ménichot) zusammen mit seinem Assistenten Karl (Stefan Crepon), den er gern herumkommandiert, schikaniert und demütigt. Durch seine ehemalige Schauspielmuse Sidonie (Isabelle Adjani) lernt er den jungen aufstrebenden Schauspieler Amir (Khalil Ben Gharbia) kennen und verfällt ihm völlig. Peter bietet Amir an, ihm bei seiner Karriere zu helfen und lädt ihn dazu ein, bei ihm einzuziehen. Schnell ist von Liebe die Rede, aber nach 9 Monaten und wachsendem eigenen Erfolg ist Amir der Beziehung überdrüssig und stürzt sich in Affären. Ein energiegeladenes Machtspiel mit Eifersucht, Leid und Tränen beginnt.

Während Fassbinders Kammerspiel ausschließlich im Appartement seiner Petra spielte, ist sich Ozon der Welt außerhalb der vier Wände sehr wohl bewusst. Denn bevor die dichten Vorhänge beiseite geschoben werden und wir das Reich des Filmemachers betreten, kann man zumindest noch einen kurzen Blick auf das minimalistische Stadtleben von Köln im Jahr 1972 werfen. Danach allerdings verlassen auch wir das exzentrische und vollgestopfte Appartement des Regisseurs nicht mehr. Obwohl das Zeitgeschehen einige Jahrzehnte zuvor verortet ist und Festnetztelefone mit Schnur, Schallplatten und ein markanter Dresscode die Szenerie beherrschen, fühlt sich das eingekapselte Leben der Figuren in dem begrenzten Raum dann doch gleich ungemein zeitgemäß an und entzieht sich dem Vergleich des uns allen so bekannten Lockdowns nicht. Der Einstieg in „Peter von Kant“ ist aber nicht die einzige offensichtliche Änderung, die der Franzose bei seiner Adaption vorgenommen hat. Drei der Hauptfiguren wurden nämlich durch Männer ersetzt: Marlene ist nun Karl, Karin ist Amir und aus Petra der Modedesignerin wurde Peter der Regisseur. Ein Geschlechtertausch, der die Dynamik seines Vorgängers mühelos beibehält und die Dreierkonstellation sogar noch um eine bedeutsame Ebene erweitert.

Die Ähnlichkeit zu Fassbinder, die Denis Ménichot für die Rolle des selbstgefälligen Filmemachers mitbringt, dürfte dabei gleich am ehesten herausstechen. Ein Antlitz, das mit präzise gewählter Kleidung und Accessoires wie einer auffälligen (Sonnen-)Brille sofort an den deutschen Regisseur erinnert. Da ist es dann auch gar kein Zufall mehr, dass der Filmemacher nicht nur mehrere Berlinale-Auszeichnungen bei sich stehen hat und später in Cannes für eines seiner Werke groß gefeiert wird. Spätestens als Amir das Appartement betritt und dieser sich mit dem Nachnamen „ben Salem“ vorstellt (El Hedi ben Salem war Schauspieler und Lebensgefährte von Fassbinder), liegen die Anspielungen auf Fassbinders Leben auf der Hand. Die ehemals autobiografisch geprägte Tragödie „Petra von Kant“ vollzieht die Wandlung zu einer Hommage, die Fassbinders Sehnsucht nach erfüllter Liebe aufgreift, ohne den Blick auf die ursprüngliche Darstellung einer von Macht und Eifersucht getriebenen Beziehung zu verlieren.

François Ozon spielt hierfür regelrecht mit seinen Filmebenen, verknüpft in seiner Konstellation aktuelle Debatten um ausnutzende Machtstrukturen beim Film mit den zeitlosen, tief liegenden Gefühlen in ungleichen Beziehungen. Eine schwelende Tragik, die in vielen Szenen unerbittlich mitschwingt und vor allem, wie auch in Fassbinders Original mit Marlene, durch den Assistenten Karl hervorbricht. Stefan Crepon spielt den schweigsamen Schatten von Peter mit Bravour, bekommt sogar einen kleinen, wunderschönen, fast zärtlichen Moment mit dem sonst so forschem Mann und darf mit ihm eng umschlungen zum herzzerreißenden Stück „Jeder tötet was er liebt“ tanzen.

Nichtsdestotrotz schafft es die um fast 40 Minuten kürzere französische Interpretation gleichermaßen mit Tempo und subtiler Komik eine gewisse Leichtigkeit aufrechtzuerhalten. Als Amir beispielsweise von Peter gefragt wird, ob dieser denn seine Filme gesehen habe und dieser erst überzeugt nein, und dann verlegen „Noch nicht. Es sind so viele.“ hinterherschiebt, dürften sich wohl alle gleichermaßen ertappt fühlen, die sich nicht zu den eingefleischten Fassbinderkennern und Fans zählen. Ein Anstoß, in eine bedeutsame Filmografie einzutauchen, dem man unbedingt folgen sollte, nicht zuletzt auch um dann unglaublich viel Freude mit François Ozons Neuinterpretation zu haben.

Fazit:

Auch wenn „Peter von Kant“ mit vielen Neuerungen, einer neuen Erzählebene und einer dazugewonnenen sinnlichen Körperlichkeit aufwartet, bleibt François Ozon seiner Vorlage im Kern treu. Gespickt mit Referenzen ist „Peter von Kant“ eine würdige Berlinaleeröffnung und Hommage, die sich vor dem radikalen Filmschaffenden Fassbinder und dessen einzigartigem Lebenswerk verneigt.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

Anm. der Redaktion: Wir stehen der Entscheidung der Berlinale, das Festival heuer als reine Präsenzveranstaltung und ohne Online-Option abzuhalten, kritisch gegenüber und berichten deshalb nicht in gewohntem Umfang aus Berlin. Unsere Korrespondentin Madeleine Eger, die in Berlin lebt, wird unsere Leser/innen in den kommenden 10 Tagen aber mit Berichten und Filmkritiken durch die Berlinale begleiten.

Bild: © C. Bethuel / FOZ