Was das MCU mit „The Fantastic Four: First Steps“ erst einmal umsetzen konnte, schafft ausgerechnet Sony Pictures mehrfach in nur drei Werken: Während die Spider-Verse-Filme rund um Miles Morales einerseits durch ihr Worldbuilding und andererseits durch ihre außerordentliche Vermischung verschiedener Animationsstile begeistern, begibt sich die Serie „Spider-Noir“, die seit 27. Mai 2026 auf Amazon Prime Video zu sehen ist, in die 1930er-Jahre und das Genre des Noir-Kriminalfilms.

Serien-Kritik von Richard Potrykus

Nicolas Cage spielt in „Spider-Noir“ Ben Reilly, einen in die Jahre gekommenen Privatdetektiv, der vor unbestimmter Zeit von einer Spinne gebissen worden war und seither Superkräfte besitzt. Als Superheld „Die Spinne“ hatte er hierauf die Stadt New York vor dem Bösen beschützt. Als jedoch seine Verlobte ums Leben kommt und er ihren Tod nicht verhindern kann, legt Reilly das Superheldenkostüm ab und kehrt zurück zu seinem regulären normal-menschlichen Leben. Fünf Jahre später leidet das Land unter der großen Depression, ist Reilly abgebrannt und hat keine Aufträge, da öffnet sich plötzlich die Tür zu seinem Büro und herein kommt ein Mann mit einem Auftrag…

Die Qual der Farbwahl: „Spider-Noir“ kommt in 2 Versionen

„Spider Noir“ ist eine Serie, die wahlweise in Schwarz-Weiß oder in Farbe geschaut werden kann und beide Versionen haben ihren ganz eigenen Charme. Schon beim Dreh wurde darauf geachtet, die Bilder so einzufangen, dass sie im altmodischen Schwarz-Weiß wiedergegeben werden können. Eindeutige Formen, Kontraste und immer wieder der Übergang vom Hellen ins Dunkel ermöglichen die Illusion einer Raymond Chandler-Verfilmung zur Hochzeit des Film Noir, wenngleich die Hochglanz-HD-Qualität stark die grobe Körnung vermissen lässt. Gleichzeitig soll die Farbversion suggerieren, hier wäre etwas im Nachhinein koloriert worden. Somit erscheint die Farbversion als ein Produkt der 1950er Jahre, das in den 1930er Jahren spielt, und referenziert damit die Filme des späten Noir. Eine gewisse Künstlichkeit lässt sich allerdings nicht verbergen, wenngleich es viele praktische Effekte gibt und gerade das Set-Design enorm detailverliebt ist.

Im Vergleich mit dem MCU stellt sich unmittelbar die Frage, welche Ziele oder auch Denkfehler Marvel an den Tag legt, wenn über Jahre hinweg Filme aus der Retorte präsentiert werden, die wie ein Ei dem anderen gleichen, mit einem Minimum an World Building und einem Maximum an computergenerierten Kulissen. Und während die großen MCU-Produktionen ihre Oberflächlichkeit auch auf Handlung und Figuren übertragen, kommen Phil Lord und Chris Miller („The LEGO Movie“, „Spider-Man: Across the Spider-Verse“) daher und liefern in „Spider-Noir“ visuelles Spektakel einerseits und spannende Figuren andererseits.

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Authentische theatrale Künstlichkeit

„Spider Noir“ versetzt das Publikum in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, liefert dabei nicht unbedingt Realismus, wohl aber eine authentische theatrale Künstlichkeit, die den Figuren Ecken und Kanten und der Szenerie eine Wahrhaftigkeit verleiht. Besonderes Element, schon in der ersten Folge, ist eine Cover-Version von „Dream A Little Dream Of Me“, einem Jazz-Klassiker von 1931, stark und zugleich anachronistisch mit Potential zum modernen Klassiker interpretiert von der Schauspielerin Li Jun Li, die in der Serie die tragische Cat Hardy und Femme Fatale wider Willen spielt.

Die Noir-Version der eigentlich freundlichen Spinne, auf der die Serie basiert, ist eine Comic-Figur, die es seit 2008 gibt und die gezielt auf die Existenz im Subgenre-Bereich ausgelegt ist. Sie ist nicht so hoffnungsvoll wie die offizielle Canon-Version oder andere Repräsentationen und hat auch mit anderen, düsteren Umständen und Machenschaften zu kämpfen. Nicht ohne Grund gibt es auf Amazon Prime eine 16+-Empfehlung, während die allermeisten der explosionsgeladenen MCU-Filme eine jugendfreundliche FSK 12 bekamen (und bekommen).

Da es sich trotz allem um eine Spider-Man-Serie handelt, gibt es natürlich auch Wiedererkennungswerte und Entsprechungen zur allgemein bekannten Spinne und das unterstützt den Reiz, den „Spider-Noir“ von der ersten Minute an versprüht. Es ist eine in sich geschlossene Welt, mit eigenen Regeln, eigenen Artefakten und eigenem Personal.

„Spider-Noir“, ein Spider-Man für Erwachsene

Das berühmte Motto, welches Spider-Man seine Bestimmung und moralische Orientierung verleiht, wird früh genannt und zur Bürde verkehrt, der Spinnensinn wird zur Migräne und die Superkraft zum Fremdkörper. Cages Ben Reilly ist die Antithese zum hoffnungsvollen Peter Parker, der das Leben noch vor sich hat und dessen Herausforderung darin besteht, Heldentum und persönliches Glück unter einen Hut zu kriegen. Cage ist gealtert, nicht nur, weil er bereits 62 Jahre alt ist, sondern weil auch Reilly nicht mehr der Jüngste ist. Der Zahn der Zeit nagt stärker als das Spinnengift und es ist erfrischend, zu sehen, wie sich die Hauptfigur in Faustkämpfen bemühen muss, weil die Bewegungen und Schläge nicht mehr so schnell ausgeführt werden können.

spider noir serie
Nicolas Cage in Farbe

Auch hier zeigt sich eine authentische Seite von „Spider-Noir“, denn im Gegensatz zu irgendwelchen Ein-Mann Armeen namens Liam Neeson, der noch zwölf Jahre mehr auf dem Buckel hat als Cage, versucht die Serie nicht, den Kämpfer für das Gute durch schlechte Schnitte und seltsame Kamerafahrten zu verjüngen und in Situationen zu bringen, die ihn unglaubwürdig erscheinen lassen.

Allgemein gilt, dass „Spider Noir“ weit weniger plumpes Superhelden-Narrativ bietet als andere Formate und das Genre vielmehr als Vehikel dient, um eine komplexere Story zu transportieren. Das Moment der Superkraft erhält mehr Volumen und stellt sich nicht immer als Segen heraus. Die Einbettung in den Kontext des Ersten Weltkrieges lässt die Serie zudem erschreckend aktuell erscheinen.

Fazit

„Spider Noir“ ist ein wichtiges Projekt, da es dem Superhelden-Genre frischen Wind gibt. Es zeigt, wozu Comics eigentlich in der Lage sind, welch Potential in der Fantasie und Erzählkraft liegt und dass Comic-Verfilmungen weit mehr können als immer fort denselben Einheitsbrei zu liefern und sich ein ums andere Mal zu wiederholen. Variation heißt das Zauberwort und was David Hine und Fabrice Sapolsky vor 18 Jahren mit einer nischigen Comicreihe erfolgreich begannen, findet nun durch „Spider-Noir“ eine adäquate Umsetzung für die Leinwände der Heimkinos oder TV-Bildschirme. Nimm das, MCU, und lerne.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(91/100)

„Spider-Noir“, Serie, seit 27.5.2026 bei Amazon Prime Video.

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Bilder: (c) Amazon Prime Video