Netflix kann man wahrlich nicht vorwerfen, sich auf den Lorbeeren des Streaming-Erfolgs auszuruhen: Monat für Monat liefert der Dienst neue Formate, Filme, Serien, Shows (und zuletzt auch Podcasts), sehr divers und unterschiedlich in der inhaltlichen Ausrichtung. Und bei aller berechtigter Kritik an der „Contentisierung“ finden sich darunter immer wieder auch kleine Perlen und anspruchsvollere Stoffe, insbesondere an der Serien-Front. In dieser Nische platziert sich „The Boroughs“, eine 8-teilige SciFi-Mystery-Serie, produziert von den Duffer-Brothers („Stranger Things“) und seit 21. Mai 2026 in voller Gänze zu streamen.
Serien-Kritik von Christian Klosz
„The Boroughs“ auf Netflix: Wohin mit den Alten?
„The Boroughs“ tangiert ein gesellschaftspolitisch mehr als relevantes Thema: Was machen wir mit unseren älteren Mitbürger/innen? In vielen Kulturen ist es üblich, dass sich die Familie um Oma und Opa kümmert, wenn die das nicht mehr selbst können. Bei uns kommt das auch vor, dennoch werden in den letzten Jahrzehnten zunehmend Alters- und Seniorenheime bevorzugt, als letzte „Raststätte“ vor dem Tod. Die gibt es in besserer und schlechterer Ausführung, vom heruntergekommenen Rentnerabstellplatz bis zum luxuriösen Urlaub bis zum Lebensende ist alles dabei, die Optionen richten sich auch nach den finanziellen Möglichkeiten der Klient/innen und deren Familien.
Die Entertainment-Industrie hat das Unterhaltungspotenzial dieses Settings längst erkannt, nicht selten kombiniert mit düsteren Vorkommnissen, die die vermeintliche Idylle brechen: Renzente Beispiele sind etwa „Undercover im Seniorenheim“, „The Thursday Murder Club“ (das Setting am Luxus-Ende angesiedelt, das Morbide lieb verkitscht) oder der Horror-Geheimtipp „The Rule of Jenny Pen“ (das exakte Gegenteil).
Auch „The Boroughs“ wählt als Setting eine Seniorenresidenz, die hier gleich eine ganze Kleinstadt umfasst: Mitten in der Wüste in New Mexico reihen sich Bungalows aneinander, die ganze Infrastruktur ist einer typisch amerikanischen Vorstadt nachempfunden. Die eher gut situierten Bewohner sollen sich ja auch wohl fühlen, „wie zuhause“. Dorthin wird – eher widerwillig – Sam Cooper (Alfred Molina) von seiner Familie abgeschoben, dessen Frau kürzlich verstorben ist. Eigentlich wollte sie in „The Boroughs“ siedeln, nun muss Sam das Häuschen übernehmen. Er ist alles andere als glücklich darüber.
Zum Sterben in die Wüsten-Vorstadt
Der dauergrantige, desillusionierte, trauernde pensionierte Ingenieur ist sozial nicht gerade umgänglich, will eigentlich nur seine Ruhe und nichts mit seinen neuen Nachbarn (u.a. Geena Davis, Denis O’Hare) zu tun haben. Erst nach einer Weile findet er sich so halbwegs mit seinem Schicksal ab.
Gerade als er sich mit dem umtriebigen Bachelor Jack (Bill Pullman) angefreundet hat und sich entschlossen hat, den Nutzungsvertrag mit dem CEO der Einrichtung Blaine Shaw (Seth Numrich) doch nicht zu kündigen wird er Zeuge eines horrormäßigen Vorfalls: Ein spinnenartiges Eulen-Alien-Wesen macht sich in der Dunkelheit der Nacht über Jack her, der kurz darauf stirbt.
Das Publikum weiß: Bereits die Vorbewohnerin von Sams Bungalow war auf ähnliche Art gestorben, ihr Mann Edward (Ed Begley Jr.) versucht seither, davor zu warnen. Von den Residenz-Betreibern wird er aber als verrückt und dement abgestempelt, weggesperrt und sediert. Für Sam wie das Publikum stellen sich mehrere Fragen: Was wissen sie, was vertuschen sie und woher kommen überhaupt die seniorenfressenden Aliens?

Strange(r) Things mit Spielberg-Vibes
Schon recht früh wird klar, was „The Boroughs“ sein möchte: Eine Mischung aus SciFi-Horror und Mystery-Drama, das großen Wert auf die Etablierung des Settings legt. Das Motiv des Unheimlichen, das sich im Heimeligen einnistet, ist gerade im Horrorgenre alles andere als neu, die Serie verpasst dem Ganzen aber einen neuen Twist, der ganz gut funktioniert.
Atmosphärisch atmet „The Borough“ 80s-Nostalgia und Spielberg-Vibes, verstärkt durch den Originalsoundtrack von Komponist John Paesano, der sich sich an klassischer Filmmusik a la John Williams oder Danny Elfman orientiert und es gut schafft, die märchenhafte Mystery-Aura zu verstärken. Quasi eine „Coming to Age“-Story, die nicht nur einmal an „Die Goonies“ erinnert.

Stilistisch ist die Mitwirkung der Duffer-Brothers an allen Ecken und Enden spürbar, die zuletzt bereits an der sehenswerten Horror-Serie „Something very bad is going to happen „ beteiligt gewesen waren und die sich nun nach dem „Stranger Things“-Finale wohl aufs Produzieren und Fördern neuer Talente verlegen wollen. Auch Duffer-esk sind die im Soundtrack clever eingestreuten und wirkungsvoll platzierten Songs von Bowie über Springsteen („Thunder Road“) und Bob Seger („Nights Moves“) bis zu den Queens of the Stone Age, was den ohnehin bereits starken Soundtrack noch hörenswerter macht.
Auch darstellerisch überzeugt „The Boroughs“: Allen voran Alfred Molina ist eine ausgezeichnete Wahl für die Hauptrolle und macht seine Sache äußerst gut. „Thelma & Louise“-Ikone Geena Davis, die mit 70 mindestens 15 Jahre jünger aussieht und das erste Mal seit 2019 in einer Serie zu sehen ist, ist ein weiteres Highlight im Cast, der wohl überlegt gewählt wurde, wie die spürbare Chemie zwischen den Akteuren zeigt.
Fazit
Soviel kann man bereits verraten, ohne zu viel zu verraten: „The Boroughs“, Netflix‘ neue Serie, hat Hit-Potential und die ersten Folgen überzeugen und machen Lust auf mehr. Die Kombi aus stimmigem Set-Design, guten Schauspiel-Leistungen, einem hörenswerten Soundtrack und einer rätselhaften Story funktioniert und sollte nicht nur „Stranger Things“-Fans Streaming-Freunde bereiten. Staffel 2 sollte nur eine Frage der Zeit sein.
Bewertung
(85/100)
„The Boroughs“: SciFi-Serie, 8 Episoden, seit 21.5.2026 auf Netflix. | Weitere Infos zu Cast & Crew bei IMDb
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Bilder: © 2026 Netflix, Inc.

Das werde ich mir gleich mal in die Watchlist packen.