In unserer auch durch Film und Fernsehen geprägten Kitsch-Vorstellung von Hochzeit und Ehe muss das eine „der perfekte Tag“ sein, an dem alles stimmt, um so das „dauerhafte Glück“ im anderen, der Ehe, – bis der Tod die Liebenden scheidet – quasi zu garantieren. Dass Beziehungen in der Wirklichkeit oft sehr anders aussehen, sollte jedem mit minimalem Realitätsbezug klar sein. Die Mini-Serie „Something very bad is going to happen“, seit 26. März 2026 auf Netflix zu sehen, treibt die jede Eheschließung begleitenden Obsessionen und Ängste als atmosphärische Horror-Parabel auf die Spitze, während sie Klischees der „heilen Welt“ auf kunstvoll-makabre Weise dekonstruiert.
Serien-Kritik von Christian Klosz
All das beginnt in Folge 1 noch vergleichsweise harmlos: Das junge Pärchen Nicky Cunningham (Adam DiMarco) und Rachel Harkin (Camila Morrone) ist mit dem Auto auf dem Weg zum Ferienanwesen von Nickys wohlhabender Familie, wo in 5 Tagen die Hochzeit der beiden stattfinden soll. Sie wirken vertraut, wie das perfekte Paar eben, sie necken sich, liebkosen sich, scherzen über künftigen Familienzuwachs und andere Zukunftspläne. Von Zweifel weit und breit nichts zu spüren.
„Something Very Bad…“: Hochzeitspanik als Horrormärchen
Doch düstere Vorzeichen mehren sich zunehmend bei ihrem Trip durch die verschneite Landschaft und trüben bald die traute Zweisamkeit: Ein im Auto vergessenes Baby, ein seltsamer Fremder in einer Raststation mit einer als Frage verkleideten, eindringlichen Warnung: „Are you sure he’s the one?“ und so weiter: Eine düstere Präsenz scheint Rachel und Nicky zu verfolgen, wenngleich sie (noch) nicht fassbar ist.
Das wird nicht besser, als das junge Ehepaar in spe in der abgelegenen Cabin in the woods der Cunninghams einschneit. Nickys Familie (gespielt u.a. von Jennifer Jason Leigh, Ted Levine) verhält sich milde ausgedrückt exzentrisch und so bekommt es Rachel bald mit der Angst zu tun: Als würde ein kosmisches Zeichen sie davon abhalten wollen, diese Ehe einzugehen. Als sich auch noch herausstellt, dass die Kennenlerngeschichte, die ihren vermeintlichen Seelenverwandten-Status konstituiert hatte, auf einer Lüge gründet, ist endgültig Hochzeitspanik angesagt.
Postmoderne Horror-Parabel
Das Interessanteste an „Something very bad is going to happen“ ist sicher, wie Serien-Schöpferin Haley Z. Boston die unterschiedlichen Formen der „Hochzeitspanik“ und „Beziehungsphobie“ symbolisch als atmosphärische Horrorfabel kondensiert: Eine klassische Gruselgeschichte, die real existierende Ängste dramaturgisch kunstvoll in ein Schauermärchen verpackt.
Tatsächlich begleiten die Idee der Ehe in unserer postmodernen Gesellschaft Ängste von beiden Seiten sozusagen: Die einen wollen sich nicht binden, sich nicht festlegen, sich alle Optionen offenhalten, ihre Panik bezieht sich auf das Commitment. Auf der anderen Seite finden sich viele jener Paare, die den Schritt vor den Traualtar (oder das Standesamt) wagen, mit nahezu unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert, oft durch ihre Familien, aber auch durch sich selbst: Wenn man denn schon heiratet, dass soll es auf jeden Fall der/die Richtige sein – doch wie will man das vorab mit hundertprozentiger Sicherheit wissen?
Schwimmen gegen den Streaming-Strom
„Something very bad…“ konstruiert aus dieser Gemengelage auf clevere Weise eine durchaus sehenswerte Mini-Serie in 8 Teilen, bei der auch das düstere, stimmungsvolle Setting und die Atmosphäre überzeugen. In der Umsetzung hebt sie sich teilweise auch von typischen Streaming-Formaten ab. Als Ben Affleck und Matt Damon sich zuletzt bei Joe Rogan darüber ausließen, dass Netflix bei der Produktion ihres Films „The Rip“ darauf beharrt hatte, gewisse Plotpunkte immer wieder zu iterieren, die Handlung allgemein „zu verdummen“, damit sie für das smartphonesüchtige Publikum verdaulich bleibt, sorgte das (zurecht) für einen Aufschrei.
Und tatsächlich lässt sich inzwischen bei so manchen Filmen, Serien und übrigens auch bei zahlreichen digitalen Medienprodukten (siehe unerträgliche Nonsense-Clickbait-Headlines) eine Anbiederung an oder gänzliche Unterwerfung gegenüber der toxischen digitalen Aufmerksamkeitslogik feststellen: Man konkurriert gegen süchtig machende Apps und eine reduzierte Aufnahmefähigkeit und gibt sich geschlagen. Wahrhaft kreatives und authentisches Erzählen wird so natürlich verunmöglicht.

Wenn alles immer mehr gestreamlined, geplättet und geglättet wirkt, freut man sich umso mehr, wenn Filme und Serien bewusst einen anderen Weg gehen, gegen diese Regeln verstoßen: Serien wie „Rentierbaby„, „Adolescence“ oder kürzlich „DTF. St. Louis“ taten und tun das und haben dennoch (oder gerade deshalb?) Erfolg, sogar beim Publikum. Und auch „Something very bad is going to happen“ macht das in gewisser Weise, weil die rätselhafte Handlung Zeit bekommt, sich zu entwickeln; weil mit Zeitsprüngen erzählt wird; weil nicht alles sofort erfassbar ist und weil erst im Gesamtkontext Sinn macht. Schön und eine nette Abwechslung, selbst wenn die Serie an die oben erwähnten Titel qualitativ nicht ganz heranreicht.
Fazit
Hochzeitspanik als Horrormärchen: „Something very bad is going to happen“ erzählt eine clever konstruierte Parabel über die Fallgruben überhöhter Erwartungen, zwar vielleicht etwas zu lang (6 Episoden hätten auch gereicht), aber gut gespielt und atmosphärisch stimmig und visuell erstklassig umgesetzt. Solange Netflix auch derartigen Formaten eine Plattform gibt sind die fatalistischen Unkenrufe, die Streaming als Tod kreativen visuellen Erzählens sehen, verfrüht.
Bewertung
(81/100)
„Something very bad is going to happen“ – Mini-Serie, 8 Folgen, seit 26.3.2026 auf Netflix.
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Bilder: © 2026 Netflix, Inc.
