Schach, das Spiel der Könige, fristet oftmals ein Nischendasein und bietet doch soviel mehr, wenn man es aus der richtigen Perspektive betrachtet. Zweimal 16 Figuren, verteilt auf 64 Felder, zwanzig mögliche Optionen für den ersten Zug und 1,7*10^26 Optionen für die ersten zehn Züge (schwarze und weiße Möglichkeiten kombiniert). Auch in Film und Fernsehen findet Schach immer wieder eine Repräsentanz, sei es als eiskalte Sequenz in „James Bond – Liebesgrüße aus Moskau“ (1963), im Kriminalthriller „Knight Moves“ (1992), dem Biopic „Searching for Bobby Fischer (1993) und oder schlussendlich in der Netflix-Miniserie Das Damengambit (2020) mit Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle. Seit Kurzem hat Netflix zwei neue Formate im Programm, in denen Schach thematisiert wird und schnell wird dabei klar, dass das verstaubte Image zu Unrecht auf dem Brettspiel lastet: „Untold: Chess Mates“ (seit 7.4.2026) und „Die Königen des Schachs“ (seit 6.2.2026).

Von Richard Potrykus

Zwei Schach-Biografien über Randfiguren, die in die Mitte drängen

„Die Königin des Schachs“ (OT: „Queen of Chess“) ist eine biografische Dokumentation über den Werdegang der ungarischen Großmeisterin Judit Polgár. Diese ist nicht nur die weltbeste Schachspielerin und war als einzige Frau in den Top Ten der Weltrangliste, sondern diente auch als Vorbild für die fiktive Beth Harmon, der Hauptfigur im „Damengambit“.

Die Dokumentation folgt den Lebensstationen der Schachspielerin ab den 1980er Jahren, angefangen bei der fixen Idee ihres Vaters, die drei Töchter durch gezieltes Zwangstraining zu Genies heranzuziehen. Neben einzelnen privaten Stationen steht die sportliche Karriere Polgárs im Mittelpunkt des Films und damit auch ihre Rivalität zu Garri Kasparov, ebenfalls Großmeister, und Legende des Schachspiels.

Demgegenüber bietet „Untold: Chessmates“ einen anderen Blick auf die Welt des Schachs. Die Ereignisse dieser Dokumentation setzen im Zuge der Covid-Pandemie an und folgen dem exzentrischen US-amerikanischen Schachspieler Hans Niemann (siehe Titelbild), der eine zweifelhafte Karriere schreibt und ebenfalls einem Rivalen gegenübersteht, Magnus Carlsen, ein Superstar der Szene.

Die Königin des Schachs Judit Polgár: Von der Unterdrückung zur Emanzipation

Beide Filme zeigen auf ihre Art, dass Schach mehr ist als ein Brettspiel aus vergilbten Spielesammlungen. Polgárs Geschichte folgt eindrucksvoll dem irrationalen Sexismus, der die Schachwelt bis weit in die 90er-Jahre hinein dominieren sollte. Da wurde Frauen unterstellt, nicht so intelligent zu sein, weshalb Schach nichts für sie wäre. In diesem Sinne gab es separierte Frauenligen und -turniere. Die Chance, gegen männliche Kontrahenten anzutreten, musste sich Polgár erst verdienen. Sie galt als Phänomen und irgendwie auch als „abnormal“, als sie es doch tatsächlich schaffte, gegen Männer zu bestehen.

Nach ersten Erfolgen und einer grandiosen Teilnahme bei der Schach-Olympiade 1988 geriet sie in den Dunstkreis des Großmeisters und damals weltbesten Schachspielers Garri Kasparov. Gegen ihn wird sie im Laufe von „Die Königin des Schachs“ immer wieder antreten und der Film macht alles Erdenkliche, um immer wieder um diese Begegnungen zu kreisen.

Polgár wird sich den Respekt des russischen Ausnahmespielers erkämpfen und er wird sie in der Folge unterrichten. Ein- und für allemal wird die Ungarin damit aufräumen, Frauen seien mental nicht in der Lage, hochwertiges Schach zu spielen. Zwar wird auch noch einige Jahre später ein gewisser Charlie Kirk jene Vorurteile dummdreist wiederholen, doch werden die Erfolge von Polgár und all den Frauen, die sie bis dahin inspiriert hat, damit nicht unwahr.

Judit Polgar die königin des schachs
Schachkönigin Judit Polgár

„Die Königin des Schachs“ zeigt den Werdegang Judit Polgárs und beleuchtet dabei beinahe ausschließlich positive Elemente. Dies wirkt irritierend, weil Niederlagen als kleinste Elemente abgetan werden, während Siege umso größer ins Rampenlicht rücken.

„Die Königin des Schachs“ – Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(71/100)

Hans Niemann & Co.: Die Rockstars auf Twitch

Um Erfolge geht es freilich auf in „Untold – Chessmates“ und während in „Königin des Schachs“ noch einzelne glamourösere Turnierspielorte gezeigt werden, die bereits erkennen lassen, dass die Schachwelt zwar keine Stadien füllt, aber sehr wohl ein solides Selbstbewusstsein besitzt, zeigt der zweite Film, dass Schach modern ist und sich am Puls der Zeit befindet.

Die Corona-Pandemie und das damit einhergehende Social Distancing hatten die Massen voneinander getrennt. Auf einmal entdeckten Menschen überall ihre neuen Vorlieben für lange Spaziergänge, Sauerteigbrote und Schach. Die Plattform chess.com, die bereits bestand, verzeichnete in kurzer Zeit einen enormen Zuwachs an Registrierungen. Dieser Trend erfuhr einen weiteren Schub, als das fiktionale Erbe Polgárs, die Miniserie „Das Damengambit“, die Netflixcharts stürmte.

In diese Zeit hinein begann der digitale Werdegang von Hans Niemann, der heute gerade 22 Jahre alt ist und damals noch einn Teenager war. Niemand kannte Niemann, doch schon nach kurzer Zeit stiegen seine Ratings auf chess.com. Er gewann eine Partie nach der anderen und wurde überdies einer größeren Gemeinde bekannt, da er seine Spiele emotionsreich auf Twitch begleitete.

Auch Niemann musste sich beweisen, wie einst Polgár, denn bislang kannte man den US-Amerikaner nur aus dem Internet. Doch, obwohl Schach nicht nur auf chess.com, sondern allgemein als esport-Event global gefeiert wurde, stand die Frage im Raum, wie sich der cholerische Twitch-Star in einem Duell an einem echten Brett schlagen würde?

Und während „Untold: Chessmates“ eine moderne Schachwelt präsentiert, die sich mit Zeitgeist bewegt und die die technischen Möglichkeiten des 21 Jahrhunderts voll auskostet, ist es gleichsam auch eine Dokumentation über menschliches Fehlverhalten, welches auch Jahrzehnte nach dem Seximus gegenüber Schachspielerinnen präsent ist und sich lediglich verlagert hat – allem voran der Betrug.

Matt in zwei Betrügen

Eine der wichtigsten Grundregeln des Schachspiels ist, dass, wer eine Figur setzt und loslässt, den Zug beendet. Im Spiel gegen Polgár hatte Kasparov genau diese Regel verletzt und gehofft, dass es niemand bemerkte. Er lag falsch und es kam zu einem Skandal.

In „Untold – Chessmates“ werden die Spieler*innen auf elektronische Geräte gescannt, bevor sie sich zum Spielfeld begeben. Schachcomputer, KI-gestützte Auswertemöglichkeiten und intelligente Morsesysteme können so manchen Verlauf zugunsten einer Partei verändern.

Niemann ist solch eine Partei. Er wird mehrfach überführt, auf chess.com betrogen zu haben, und als er gegen Magnus Carlsen antritt und erstaunlich gut spielt, schürt dies Zweifel. Zweifel, die auch im Internet heiß diskutiert werden und schließlich den Verdacht ins Leben rufen, Hans Niemann hätte den Scanner geschickt umgehen können, indem er statt eines Computers an Arm oder Bein, ein Sexspielzeug zweckentfremdet und im Hintern platziert hätte. Es ist nur ein Kommentar auf Twitch, aber er sollte enorm hohe Wellen schlagen und die Dokumentation zu weiten Teilen dominieren, was faszinierend und schade zugleich ist.

Natürlich ist der Einfallsreichtum bei Betrugsmaschen ein enorm spannendes Thema, doch da sich der Verdacht nie bestätigen wird, ist es auch hohl, dass sich der Film einen amtlichen Teil seiner Laufzeit darum dreht. Es mutet an, als hätte ein Teenager, der gerade die Möglichkeiten der Sexualität entdeckt, Regie geführt. Auch auf Wikipedia wird über den Vorwurf des Betrugs gegen Ziemann geschrieben, doch auch dort ist der Passus eher langweilig, weshalb man sich wirklich fragen muss, weshalb die Dokumentation, die an sich interessante Facetten rund um die Schachwelt beleuchtet, sich so darin verrennt.

Der Titel der Reihe „Untold“ verheißt, dass hier von Ereignissen berichtet wird, die noch nie erzählt wurden. Angesichts der Ereignislosigkeit der ganzen Affaire, deren Gegenstand nicht nur nicht nachgewiesen wurde, sondern explizit als unwahr angesehen werden kann, liegt hier ein Fall von Warenunterschiebung vor. Hans Niemann scheint kein netter Zeitgenosse zu sein. In reinster True Crime Manier sitzt der Schachspieler während der Interviews für den Film auf einem Stuhl in einer großen Halle und gibt sich unnahbar, mit einem Hang zur latenten Aggression. Diese Inszenierung – sowohl seine, als auch die Präsentation im Film- zeigen ihn in keinem günstigen Licht, lassen aber auch keinen Spielraum, der über haltlose Spekulationen hinausgeht, basierend auf nichts anderem als einem viral gegangenen Kommentar über Analkugeln.

Und genauso wirkt diese Netflix-Schach- Dokumentation auch in ihrem Gesamtbild. Sie wurde aus unterschiedlichen Teilen zusammengewürfelt und bietet 74 Minuten Unterhaltung, ohne roten Faden und klarer Mission.

„Untold: Chess Mates“ – Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(51/100)

Fazit

Wie bereits erwähnt, ist Schach mehr als nur ein Spiel. Es ist ein Phänomen, welches Menschen zu Höchstleistungen anspornt. Es ist aber auch eine Gemeinschaft, die sich von anderen abhebt und ihre Erfolge als etwas ganz besonderes ansieht. Schach wird immer von Menschen gespielt, durch Menschen beeinflusst und gesellschaftliche Regeln finden auch im Schach Anwendung.

Die beiden Dokumentationen „Die Königin des Schachs“ und „Untold: Chess Mates“ zeigen eindrücklich, wie demokratisch Schach ist und wie das politische große Ganze dennoch starken Einfluss darauf nehmen kann. Schach ist zugleich Sport und Inspiration und in dieser Hinsicht sind beide Dokumentationen sehenswert. Beide machen sich die Sache aber auch etwas zu einfach und gerade im Hinblick auf Sensationsgeilheit geht „Untold – Chessmates“ leider auch falsche Wege.

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Bilder: Netflix © 2026