Wer die beiden Regie-Ikonen Martin Scorsese und Steven Spielberg als Executive Producer vorweisen kann, von dem darf man einiges erwarten: Die neue AppleTV-Serie „Kap der Angst“, am 5.6.2026 erschienen, kann genau das, die Beteiligung der beiden Elder Statesmen des US-Films ist freilich kein Zufall, denn Scorsese hatte 1991 den gleichnamigen Thriller gedreht, der seinerseits ein Remake des Films „Ein Köder für die Bestie“ aus 1962 war. Dass Scorsese damals zum Zug kam, war wiederum ein Zufall, denn eigentlich hätte Spielberg dieses Remake drehen sollen, das Drehbuch war gänzlich auf ihn und seinen Stil ausgerichtet.

Serien-Kritik von Christian Klosz

Scorsese übernahm das Projekt im Rahmen seines Deals mit Universal Pictures, ließ einiges umschreiben, wie er in einem Interview erzählte, das man etwa auf der DVD-Version des Films sehen kann, um den Stoff eben düsterer, kompromissloser zu machen, um ihn seinem Stil unterzuordnen. Das Ergebnis „Kap der Angst“ ist dann – trotz des untypischen Genres – ein typischer Scorsese-Film geworden, dass seine damalige Muse Robert de Niro den Psychopathen Max Cady spielte, der eine gutbürgerliche WASP-Familie terrorisiert, war da nur konsequent.

„Kap der Angst“: Serien-Remake kann nur bedingt überzeugen

2026, wo die US-Unterhaltungsbranche auf der Suche nach sich selbst, ihrer Zukunft oder gar ihrer Existenzberechtigung ist und die Antwort im Rückgriff auf Stoffe aus den 80ern und 90ern gefunden zu haben scheint wirkt es logisch, dass auch „Kap der Angst“ seine Serienverfilmung bekommt. Nick Antosca hat sich ihrer angenommen, der mit dem durchaus sehenswerten Titel „The Act“ bereits einen Erfolg in seiner Serienschöpfer-Vita vorweisen kann.

Auf dem Papier sollte das funktionieren, möchte man meinen, auch da mit Javier Bardem ein Hauptdarsteller für Max Cady gefunden wurde, der in Staffel 3 von Ryan Murphys „Monster“ kürzlich erst bewiesen hat, wie eindrücklich er Psychopathen spielen kann. Patrick Wilson („The Conjuring“-Reihe) und Amy Adams („Nightbitch“) als erfolgreiches Anwalts-Paar klingt vorweg auch nach einer guten Wahl.

Doch „Kap der Angst“ kann bisher – nach 2 ausgestrahlten Episoden – nur bedingt überzeugen, vor allem im Vergleich zu den Vorbildern. Erst im Laufe der 2. Folge zeichnet sich ab, dass sich die Serie „selbst findet“, einen eigenen Ton, eine eigene Vision des Stoffs entwickelt. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen müssen.

Wo ist die Vision?

Wer Bekanntes neu auflegt, muss Vergleiche wie diesen erwarten, das wissen auch die Serien-Macher: Nick Antosca selbst verwies in Interviews auf die von ihm geliebten Film-Versionen. Scorsese gelang mit seinem „Kap der Angst“ eine Mischung aus liebevoller Hommage und doch ganz eigenem Werk. Auch Antosca und seine Autoren und Regisseure bemühen sich um Verneigung, das ist spürbar, vor allem vor der Scorsese-Version. Doch über das Level einer wohlgemeinten Kopie kommen die entsprechenden Sequenzen lange Zeit nicht hinaus. „Kap der Angst“, der Serie, fehlt das, was Scorseses Werk ausmachte: Eine originäre filmische Vision und ein unverkennbarer inszenatorischer Stil.

Das zu entwickeln muss der Serie schon aufgrund der Machart schwer fallen: Wie oft bei derartigen Formaten sind für die Episoden jeweils unterschiedliche Regisseure verpflichtet worden, die dem Stoff, jede/r für sich, den eigenen Stempel aufdrücken wollen. Eine konsistente filmische Vision kann so natürlich nur schwer entstehen.

Den weiteren Verlauf bzw. die Qualität der Serie wird auch beeinflussen, an welchem Stil man sich orientiert: An dem konventionell-langweiligen von Morten Tyldum aus Episode 1, der schon mit „Passengers“ (2016) gezeigt hatte, dass Innovation sein Ding nicht ist. Oder an dem kreativeren, mit Referenzen ausgestatteten Stil aus Episode 2 von SJ Clarkson, der verstörende Düsterness als zentrales Sujet und ästhetisches Motiv ausgemacht hat und das nicht so schlecht umsetzt.

kap der angst serie
Die Bowdens: Ihre gutbürgerliches Familienidyll bricht vor ihren Augen zusammen

Unnötige Veränderungen

Die offenkundigen Veränderungen an den Figuren und ihren Geschichten wirken eher bemüht: In der Apple-Serie ist es die von Amy Adams gespielte Anna Bowden, eine Anwältin, die vor Jahren Beweise ihres Mandanten Cady unterdrückte, um ihn hinter Gitter zu bekommen. Ihr jetziger Mann Tom Bowden (Patrick Wilson) war damals übrigens Staatsanwalt und Ankläger gegen Cady, stand also auf der anderen Seite des Gesetzes. Danach wurden die beiden ein Paar: Keine gute Optik.

Das Motiv der „Schuld“, ergänzt um Heuchelei, das im Zentrum von Scorseses Film steht wird in „Kap der Angst“, der Serie, auch anders konstruiert: Anna Bowden hat sich ihren Ruf als Anwältin beim Savannah Justice League Project erarbeitet, das sich Fällen fälschlich Verurteilter annimmt. Sie hat ihre Karriere darauf aufgebaut, Unschuldige frei zu bekommen. Dass sie in ihrem ersten, großen Fall vor 17 Jahren einen offenbar Unschuldigen – zumindest unschuldig der ihm zur Last gelegten Tat, dem Mord an seiner Frau – ins Gefängnis brachte, den sie doch verteidigen hätte sollen, ist mehr als bittere Ironie.

Wer ist hier schuldig?

Im Scorsese-Film ist es Anwalt Sam Bowden, gespielt von Nick Nolte, der sich schuldig gemacht hatte, einen Unschuldigen schuldig zu machen. „Kap der Angst“ befasst sich – hier wie dort – also auch mit der Frage nach Selbstjustiz, und was elitäre, bürgerliche Selbstgerechtigkeit damit zu tun haben könnte. Denn was ist Schuld, und wer ist nun wirklich schuldig? Der rüpelhafte Max Cady? Die privilegierten Sam bzw. Anna Bowden? Oder doch beide?

„Kap der Angst“ möchte so auch naive und banale moralische Gut-Böse-Dualismen dekonstruieren, Schuld oder das Böse kann viele Formen annehmen und niemand ist davor gefeit. Besser gelingt allerdings auch das Scorsese, der Max Cady als Gewalttäter und Vergewaltiger konstruiert, der viel Übles getan hat, aber dennoch von seinem Anwalt hintergangen wurde. In der Apple-Serie wird immerfort wiederholt, dass Cady vor seiner Verurteilung zwar kein netter Kerl gewesen sein mag, aber auch kein Gewalttäter. Quasi unschuldig, wodurch die Bowden-Schuld umso schwerer wiegen würde. Der Fokus wird auf das „Criminal Injustice System“ (Zitat Max Cady) gelegt, weniger auf die Figuren selbst. Ambivalenzen wurden so zugunsten einer simpler gestrickten Erzählung geopfert – und die intellektuelle Tiefe von Antoscas Vision ist tatsächlich überschaubar.

Fazit

Zurück zum Start: Wer die filmischen Vorbilder kennt und um Scorseses und Spielbergs Involvierung in das Projekt Bescheid weiß, wird von „Kap der Angst“, der Serie, enttäuscht sein. Gemessen an der Erwartungshaltung und am Potenzial des Stoffes ist das Ergebnis zu durchschnittlich. Daran kann auch Javier Bardem wenig ändern, der sich immerhin rege bemüht, dem de Niro-Wahnsinn aus dem filmischen Vorbild nachzueifern. Die kommenden Folgen, immer am Freitag erscheint eine neue, werden zeigen, wie die Reise zum Kap der Angst weitergeht. Und wie unterhaltsam und gehaltvoll sie noch wird.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(69/100)

„Kap der Angst“: Serie, 10 Episoden, seit 5. Juni 2026 auf AppleTV+.

Weitere Infos & Bewertungen zu „Kap der Angst“ bei IMDb und Rotten Tomatoes.

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Bilder: (c) Apple TV