Auf Disney Plus erschien am 24.01. eine Horrorkomödie mit Amy Adams in der Hauptrolle. Die US-Schauspielerin, zu deren bekanntesten Rollen „Arrival“ von Denis Villeneuve (2016) und die Verkörperung von Lois Lane in den Zack-Snyder-DCU-Filmen zählen, gehört zu den besten Schauspielerinnen ihrer Generation. Trotz ihrer sechs Oscar-Nominierungen konnte sie bisher leider keine goldene Statue gewinnen. Nachdem es ein wenig ruhig um sie geworden ist, kehrt sie nun mit Nightbitch, dem neuen Film von Marielle Heller, zurück. Dank ihrer Leistung ist der Film sehenswert geworden, auch wenn er einige strukturelle Mängel aufweist.

von Christian Oehmigen

„Nightbitch“ – Filmanalyse

Zu Beginn des Films sehen wir die Mutter (Adams) mit ihrem Sohn, wie sie den eintönigen Alltag meistert. Jeder Tag scheint dem anderen zu gleichen. Uns Zuschauern werden schnell zwei Dinge klar: Sie liebt ihren Sohn über alles, aber sie fühlt sich auch gefangen in ihrer Rolle. Der Vater ist zwar da, jedoch unter der Woche ständig auf Geschäftsreisen, sodass es sich anfühlt, als wäre die Mutter größtenteils allein. Und auch wenn der Vater zuhause ist, wirkt er oft unbeholfen, was für zusätzliche Spannungen zwischen dem Ehepaar sorgt.

Die Dinge nehmen eine bizarre Wendung, als die Mutter bemerkt, dass sie sich langsam in eine Hündin (im Englischen bitch) verwandelt und seltsame Leidenschaften in ihr aufkommen. Doch das stört sie nicht – im Gegenteil: Sie scheint mehr denn je in ihrer Weiblichkeit zu sein, sei es als Mutter oder als Ehefrau, wo auch sexuelle Begierden wieder aufleben. Aber wie reagiert die Gesellschaft darauf, wenn der Hund im Mensch erwacht?

Auch wenn der Film ganz ordentlich ist, klingt Nightbitch interessanter, als er schlussendlich ist. Wer hier Bodyhorror erwartet, wenn sich die Mutter in eine Hündin verwandelt, oder sich schräge Situationen von einer Frau in Hundeform erhofft, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Diese Elemente kommen zu wenig vor. Amy Adams steht ganz klar als Mutter im Fokus, und das hätte auch gereicht. Denn mit der Prämisse der Verwandlung wurde nicht viel gemacht. Es gibt leichte Horror-Anteile, etwa wenn die Mutter bemerkt, dass ihr ein Schwanz wächst, und auch komische Sequenzen, z. B. wenn sie mit ihrem Sohn „Hund spielt“. Doch diese Szenen scheinen nicht recht ins Gesamtkonzept von Nitchbitch zu passen, sie wirken forciert.

Was jedoch funktioniert, ist die Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind. Übrigens: Keiner der drei Charaktere hat einen Namen und wird nur mit Kosenamen angesprochen – eine bewusste Entscheidung der Regisseurin.

Die Überforderung der Mutter und die nahezu hilflose Haltung des Vaters sind Themen, die zuwenig beleuchtet werden. Eltern müssen ja ihre Kinder lieben und die eigenen Bedürfnisse wenigstens in den ersten Jahren zurückstellen, oder? Aber muss das wirklich so sein? Als es zu einem Streit zwischen dem Paar kommt, fragt der Vater die Mutter: „Was ist mit meiner Frau passiert, die mich inspiriert und meine Sichtweise auf die Welt verändert hat?“ Ihre Antwort: „Sie ist gestorben, als das Kind auf die Welt kam.“ Genau hier liegt der Kern von „Nightbitch“. Die Kommunikation zwischen den Partnern, die Schwierigkeiten, die traditionelle Rollenverteilung aufrechtzuerhalten – Vater geht arbeiten, Mutter bleibt zuhause mit dem Kind –, und der Wunsch, eigene Ambitionen auszuleben, stehen im Mittelpunkt. Gerade diese Mutter möchte ihre künstlerische Seite ausleben, die sie so lange vernachlässigt hat. Gleichzeitig ist der Film ein Plädoyer für die Familie. Man könnte auch sagen: Die Mutter kann gut ohne den Vater auskommen, doch mit ihm an ihrer Seite ist es einfacher, sie müssen aber an einem Strang ziehen. Das Bild der modernen Frau, die allein zwei Kinder erzieht, erfolgreiche Unternehmerin oder in der Chefetage ist und gleichzeitig noch Zeit für Sport, Studium und ein reges Sozialleben hat, ist schlicht unrealistisch. Als Team jedoch kann vieles möglich werden.

Amy Adams liefert als „Nightbitch“ wieder einmal eine geniale Leistung ab. Ohne sie wäre der Film vielleicht noch belangloser, doch ihr Spiel ist wie gewohnt hervorragend. Besonders ihre Frustration und die Zurückhaltung, nicht das zu sagen, was sie wirklich denkt, kommen sehr gut zur Geltung. Auch den Vater, gespielt von Scoot McNairy, sollte man erwähnen. Zu Beginn des Films wirkt er wie einer dieser Männer, die in modernen Filmen oft tölpelhaft dargestellt werden und wenig auf die Reihe bekommen. Doch nach und nach zeigt sich, dass er sich bemüht, Teil der Familie zu sein, auch wenn er nicht richtig hineinzupassen scheint. Seine Frustration ist spürbar. Das bietet einen hohen Identifikationswert für Männer, die ob ihrer Funktion des Ernährers verwirrt und orientierungslos sind.

Nightbitch ist einer dieser Filme, die entweder etwas beim Zuschauer ansprechen oder eben nicht. Deshalb gehen die Kritiken auch so auseinander. Doch Reinschauen lohnt sich: Nach zehn Minuten sollte man wissen, ob der Film einen Nerv trifft oder nicht.

Fazit

Wer eine Horrorkomödie wie American Werewolf erwartet, wird von Nightbitch enttäuscht sein. Wer jedoch Interesse an einem Film hat, der ein immer noch tabuisiertes Thema behandelt – die Liebe zu seinem Kind und gleichzeitig das Gefühl, sich selbst zu verlieren –, dem kann man diesen Film nur empfehlen.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(72/100)

Seit dem 24.1 auf Disney+

Bild: (c) Disney+ / Searchlight Pictures