Man kann mit ziemlicher Bestimmtheit behaupten, dass Martin Scorsese der wichtigste und prägendste US-amerikanische Regisseur der letzten Jahrzehnte ist: Wie kaum ein anderer hat er die in und durch „New Hollywood“ erlernte Idee des genuinen Autorenfilms ins Zentrum Hollywoods getragen und es geschafft, ihr treu zu bleiben. Seine Weggefährten kamen auf unterschiedliche Weise vom „rechten Weg“ ab: Während sich Steven Spielberg und George Lucas früh dem Blockbuster-Kino verschrieben, verlor sich Francis Ford Coppola zunehmend in selbstverliebten „Kunstprojekten“ („Megalopolis“). Michael Cimino läutete mit seinem Mega-Flop „Heaven’s Gate“ überhaupt das Ende New Hollywoods ein. Und Brian de Palma versuchte zwar, seinen Stil ins Mainstream-Kino zu tragen, bekam aber in den letzten Jahren kaum noch Filme finanziert.
von Christian Klosz
Scorsese blieb sich treu, erfand sich aber zugleich immer wieder neu, so widersprüchlich das auch klingen mag. Die absolut sehenswerte, 5-teilige Doku-Serie „Mr. Scorsese“ auf AppleTV+ würdigt den Ausnahmekönner, der das Medium Film versteht wie kaum ein anderer, und setzt „Marty“, wie er von Freunden stets genannt wird, ein Denkmal.
Regisseurin Rebecca Miller erzählt Scorsese Geschichte von Anfang an: Geboren in Little Italy in New York als Sohn sizilianischer Einwanderer kam er früh mit einer Welt in Kontakt, die er in seinen Filmen immer wieder aufgreifen sollte: Die der Mafia. Scorsese selbst beteiligte sich nicht an kriminellen Aktivitäten, hatte aber als Beobachter aus der ersten Reihe Einblicke, die er früh in detailverliebten Storyboards festhielt. Uns später in seinen Werken „Mean Streets“, „GoodFellas“ und „Casino“.
Ursprünglich wollte er Priester werden, aber er merkte bald, dass das zölibatäre Leben doch nichts für ihn sei, erzählt Scorsese, zu groß war sein Interesse am „anderen Geschlecht“, auch wenn er in seiner Jugend noch nicht so recht wusste, wie er damit umgehen, was damit anfangen sollte. Die logische Wahl war dann also die Filmhochschule, ein mehr als ungewöhnlicher Berufsweg für einen Spross aus dem immigrantischen Arbeiter-Milieu. Damals habe er erstmals das Gefühl gehabt, „nicht dazuzugehören“, schildert „Mr. Scorsese“ seine Erfahrungen an der Uni, so sollte er sich später auch in Hollywood fühlen: Seine Mitstudenten waren Söhne und Töchter von Ärzten und Anwälten, wenig aus seiner bisherigen Lebenserfahrung verband ihn mit ihnen.
Doch sein kreatives Talent wurde früh erkannt. Und auch, dass der junge Mann etwas zu sagen hat und einen eigenen, originären Blick auf die Welt, die ihn umgibt, hat. Eine Menge überschüssige Energie sowieso. Die frühe Begeisterung fürs Kino verdankt Scorsese übrigens seinem Asthma: Schon im Kleinkindalter war er schwer erkrankt, durfte nicht mit den anderen Kindern auf der Straße spielen, musste sich schonen. Sein Vater nahm ihn mit ins Kino, weil es dort eine gute Belüftungsanlage und kühle Luft gab, die bei Asthmaanfällen half. So kam der gerade 5-Jährige in Kontakt mit seiner großen Liebe, Film und Kino, die ihn nie verlassen sollte.
„Mr. Scorsese“ ist schlichtweg gut gemacht, erstklassig geschnitten und überraschend kurzweilig. Vieles darf der Protagonist selbst erklären und erzählen, außerdem kommen Weggefährten (Steven Spielberg), kreative Partner (Thelma Schoonmaker, Robert de Niro, Leonardo DiCaprio), Freunde, Journalisten und seine 3 Töchter zu Wort. Die frühen Jahre, der Anfang als Filmemacher, beides wird ausgiebig behandelt, während gerade die letzten 20 Jahre eher rasch abgehandelt werden. Das macht aber dramaturgisch Sinn, sonst hätte „Mr. Scorsese“ wohl 8 statt 5 Episoden benötigt (nicht, dass das schlimm gewesen wäre).

Einziger kleiner Kritikpunkt: Die Gespräche mit dem Maestro blenden auch schwere, dunkle Kapitel seines Lebens nicht aus, so wie seine Kokainsucht nach dem Dreh von „New York New York“, den Skandal, der „The Last Temptation of Christ“ auslöste, schwierige Ehen (inklusive 4 Scheidungen), Angst- und Panikzustände beim Dreh von „Shutter Island“ und die schwere Parkinson-Erkrankung seiner Frau. Trotzdem bleibt „Mr. Scorsese“ psychologisch meist eher an der Oberfläche, beschränkt sich auf die Beschreibung der „Symptome“, forscht nicht nach den tieferen Ursachen. Andererseits: Man kann wohl auch nicht erwarten, dass ein Weltstar wie Martin Scorsese in einem Format wie diesem sein innerstes Seelenleben nach außen kehrt.
Fazit
„Mr. Scorsese“ ist Pflichtprogramm für alle Marty-Fans und jene, die es noch werden wollen. Die Mini-Serie gibt einen intimen Einblick in Leben und Schaffen eines der bedeutendsten Film-Regisseure aller Zeiten, der vieles in eigenen Worten erzählen darf, stets zugänglich und sympathisch. Mitunter hätte man sich etwas mehr psychologische Tiefe gewünscht, aber insgesamt bietet das Format lehrreiche, unterhaltsame und kurzweilige 5 Stunden Streaming-Programm.
Bewertung
(87/100)
„Mr. Scorsese“ – seit 17.10.2025 auf AppleTV+.
Bilder: (c) AppleTV+
