Es gibt sie noch, die großen Namen, die Regie-Ikonen, die Cinephile in ihrem Interesse vereint, deren Werke man „Pflichtfilme“ nennen könnte. Christopher Nolan ist inzwischen wohl in dieser Liga vorzufinden, Martin Scorsese ganz sicher – und Steven Spielberg auf jeden Fall auch. Sein neuester Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ verbindet seine altbekannten Obsessionen mit aktuellen Themen und lässt sich als visuell überzeugendes Plädoyer für Wahrheit und Empathie lesen. Ab 10. Juni 2026 kann man den Film im Kino sehen.

Kritik von Christian Klosz

Die Meteorologin Margaret Fairchild (Emily Blunt) lebt mir ihrem Freund in Kansas City, so wirklich zuhause fühlt sie sich hier allerdings nicht. Als Wetterlady im TV hat sie zwar einen soliden Job, für den andere sie beneiden würden, aber eigentlich möchte sie wieder als „seriöse Journalistin“ durchstarten. Ihr Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als eines Tages ein Rotkardinal durch das Fenster flattert und am Küchentisch Platz nimmt: Plötzlich hat sie die Gabe, Gedanken anderer zu lesen, deren aktuelle Sorgen zu verstehen und sich in sie hinein zu fühlen.

„Disclosure Day“: Was, wenn wir nicht alleine sind?

Gleichzeitig stiehlt Mathematikgenie und Cybersicherheitsexperte Daniel Kellner (Josh O’Connor) geheime Daten von seinem alten Arbeitgeber, die den jahrzehntelangen Kontakt zwischen Menschen und Außerirdischen via Bilder und Videoaufnahmen belegen. Noah Scanlon (Colin Firth), der Leiter eines regierungsnahen Sicherheits-Konzerns, macht Jagd auf Kellner und seine Freundin, um die Offenlegung der Informationen um jeden Preis zu verhindern. Die Menschheit, die aufgrund militärischer Konflikte ohnehin gerade vor dem 3. Weltkrieg steht, würde eine solche Enthüllung nicht verkraften, so seine Überzeugung.

Als sich ihre Wege kreuzen, entdecken Margaret und Daniel eine Verbindung zwischen ihren Leben und besonderen Begabungen, die sich sich bisher nicht erklären konnten. Gemeinsam versuchen sie, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Unterstützt werden die beiden dabei von Hugo Wakefield (Colman Domingo), einem ehemaligen Insider des Konzerns: Die Menschheit soll selbst entscheiden, ob sie bereit ist, die Existenz außerirdischen Lebens zu akzeptieren.

Die aufklärerische Kraft des Fantastischen

Wer sich etwas mit Steven Spielbergs Vita und Filmografie auskennt, weiß, dass zentrale Themen sein Schaffen durchziehen: Zum einen das Beharren auf der Kraft der Wunder und des Wunderns, des Fantastischen, dem er eine zutiefst menschliche, mitunter sogar aufklärerische Funktion zuschreibt. Zum anderen die ewige Suche nach Zugehörigkeit, Heimat und „Familie“, was autobiografisch begründet ist.

Nirgends wurde das sichtbarer als in seinem letztem Film „The Fabelmans“, quasi ein Porträt seines eigenen Aufwachsens und seiner Familie – und einer seiner besten Filme überhaupt: Manche mögen den Regisseur für seine rasanten Action-Abenteuer oder Thriller lieben, „Jurassic Park“, „Indiana Jones“ und Co., doch seine ruhigeren, persönlicheren Dramen sind eigentlich die Highlights seiner Filmkunst.

Aliens, die gottgleichen Wesen

Auch „Disclosure Day“ verschreibt sich gänzlich der Idee, dass Glaube, Fantasie, Empathie jene Qualitäten sind, die die Menschheit vor sich selbst retten können, auch wenn sie sie bereits vergessen oder verlernt hat. Es bedarf einer „Hilfe von außen“ oder „von oben“, einer über-menschlichen Entität, die die Menschen daran erinnern soll, was Menschlichkeit ist: Die Aliens.

Diese Aliens, das sind in Spielbergs Vision (und hier gleicht der Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, als dessen inoffizielles Sequel man „Disclosure Day“ auch bezeichnen könnte) keine monströsen Horror-Kreaturen, sondern hochentwickelte Lebewesen. In ihnen würde sich Gott manifestieren, wird angedeutet. Und von ihnen könnte der Mensch lernen, wenn er nur bereit wäre, zuzuhören.

disclosure day film emily blunt
Emily Blunt entdeckt in „Disclosure Day“ ihre besondere Begabung

Hört zu!

Diese Aufforderung – „listen!“ – im gelungenen Finale sehr wirkungsvoll platziert, ist auch die zentrale Message von „Disclosure Day“. Zuhören, das ist auch ohne viel Fantasie und Magie möglich. Und dieser simple, aber doch bedeutungsvolle Imperativ bezieht sich nicht nur auf die extraterrestrische Botschaft („hört uns zu, was wir zu sagen haben“), sondern ist auch grundsätzlich zu verstehen. „Hört (einander) zu!“, das ist die Aufforderung, die Spielberg seinem Publikum mit auf den Weg gibt. Und in ihr schimmert sein (durchaus etwas schräger) Humanismus-Betriff durch.

„Disclosure Day“ ist in seiner Weltsicht pessimistisch, vorsichtig optimistisch, utopistisch und realistisch zugleich: Die Möglichkeit der Erlösung, die in der Idee humanistischen Fortschritts verortet wird, der Vision einer menschlicheren Welt, wird ins Außen projiziert; ja sogar in eine andere Welt. Doch diese ist nicht aus der Welt und kommt zu Besuch: Außer-irdische Nicht-Menschen müssen auf die Erde kommen, um den Menschen ihre Unmenschlichkeit auszutreiben. Wenn da nicht maligne Kräfte wären, die genau das zu verhindern suchten.

Der Film ist unentschieden, ob das gelingen kann, ob sich die Menschheit noch vor sich selbst retten kann. Es scheint unwahrscheinlich, aber doch nicht unmöglich, wenn wir denn nur daran glauben würden: So könnte man die Sicht von Spielbergs Werk auf unsere Gegenwart letztlich zusammenfassen.

Die 10 besten Filme von Steven Spielberg

Ein Klassiker wird 50: Was uns „Der weiße Hai“ über die Klimakrise sagen kann

Fazit

„Disclosure Day“ hat etwas zu sagen und die Entschlüsselung dieser Botschaft gehört zu den spannenden Aufgaben für alle jene, die sich mit Steven Spielbergs neuem Film befassen. Abgesehen davon ist er ein gekonnt inszenierter und erzählter Science Fiction-Thriller, der im letzten Drittel an Rasanz gewinnt und so auch für die Action-Fans etwas zu bieten hat – auch der obligatorische Zug-Unfall darf nicht fehlen. „Disclosure Day“ erreicht zwar nicht die emotionale Tiefe von „The Fabelmans“ oder den Thrill-Faktor von „Der weiße Hai“, ist aber dennoch sehenswert.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

„Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“: Ab 10.6.2026 im Kino.

Weitere Infos zu „Disclosure Day“ auf IMDb und bei Rotten Tomatoes.

Weitere aktuelle Filme & Serien:

„Office Romance“ | Infos

„Kap der Angst“ | Serien-Kritik

„Masters of the Universe“ | Kritik

Bilder: (c) Universal Studios