Es ist wieder heiß: Was die einen mit Freude als „Urlaubswetter“ feiern, bereitet Klima-Experten Sorge, denn der Zusammenhang zwischen Temperaturanstiegen und der Klimakrise ist hinlänglich bekannt. Ein Film-Klassiker, der dieser Tage 50 wird, verband bereits zu seinem Erscheinungsdatum Sommerfeeling mit den fatalen Folgen tödlicher Ignoranz: Steven Spielbergs „Der Weiße Hai“ feierte am 20.6.1975 seine Kino-Premiere in den USA, das Datum markierte die Geburtsstunde des modernen Blockbusters. Dabei hat der Film viel mehr zu bieten als unterhaltsame Thrills und Action.
Fast auf den Tag genau 50 Jahre ist es her, als sich Stephen Spielberg mit „Der Weiße Hai“ als junger Regisseur seinen Platz in Hollywood sicherte und sorgte dafür, dass sich eine ganze Generation von Strandbesuchern nur noch widerwillig ins Wasser traute. Bis heute sein Werk er als einer der beliebtesten Filme aller Zeiten und hat – laut Fans – den Trend der Sommerblockbusters aus der Taufe gehoben.
Welchem Genre „Der Weiße Hai“ nun angehört, wird immer noch heiß debattiert: Die einen sagen, es sei ein Thriller im Naturkatastrophen-Stil, die anderen identifizieren ihn eindeutig als „Eco-Horror“, ein Sub-Genre, das Horrorfilme umfasst, die es sich zur Aufgabe machen, Menschen zu zeigen, wie machtlos sie im Angesicht von Mutter Natur doch eigentlich sind. Dies trifft auf Spielbergs Werk definitiv zu und beschreibt eine Realität, die momentan überall diskutiert wird.
Nachrichten berichten – zurecht – von den verheerenden Folgen des Klimaproblems: extreme Hitzewellen, Waldbrände, Wildfeuer (wie jenes zu Beginn des Jahres in L.A.) Überschwemmungen, Orkane, Dürren und schmelzende Gletscher dominieren seit einigen Jahren die Medienlandschaft.
Dennoch wird erst in den letzten Jahren von einer zusammenhängenden Krise gesprochen – und das, obwohl die Wissenschaft schon lange vor den Folgen der Umweltverschmutzung und -zerstörung warnt. Dennoch scheint die Politik überwiegend desinteressiert an aktiven Lösungen zu sein; stattdessen wird weiterhin der wirtschaftliche Profit priorisiert, während die Opferzahlen der Klimakatastrophe weiterhin steigen.
„Der Weiße Hai“ als Eco-Horror-Blockbuster
Auch wenn sich dieser Diskurs in der heutigen Gesellschaft mehr und mehr zuspitzt, ist der Konflikt im Herzen der Debatte alles andere als neu. Tatsächlich geht es beim „Eco Horror“ gerade um diese Aufwertung von Geld im Vergleich zu Menschenleben – auch Spielberg hat diesen Kampf in „Der Weiße Hai“ dargestellt und eine Geschichte auf die Leinwand gebracht, die sich sogar als offen kapitalismuskritisch bezeichnen lässt.
„Der Weiße Hai“ beginnt mit dem ersten Mord, gedreht aus der Perspektive des im Titel beschriebenen Antagonisten. Dem Publikum wird von Anfang an vermittelt, wie gefährlich das Tier tatsächlich ist, wodurch die darauffolgenden Diskussionen über mögliche Maßnahmen umso banaler erscheinen.
Spielberg bemüht sich hier nicht um einen neutralen Standpunkt, sondern sagt ganz klar, dass die Bedrohung real ist und jegliche Untätigkeit tödliche Folgen haben könnte. Bereits in den ersten 15 Minuten wird Chief Brody, dem soeben die Leiche des ersten Opfers gezeigt wurde, von Bürgermeister Vaughn und seinen Gefolgsleuten konfrontiert: Sie sind der festen Überzeugung, dass die Öffentlichkeit auf gar keinen Fall von einem Haiangriff erfahren sollte, da die am Strand badenden Massen sonst in Panik verfallen könnten. Stattdessen soll die Rede von einem Bootsunfall sein – „Wir ändern unsere Berichte entsprechend“, heißt es. Ein Satz, der im kontemporären Licht des gescheiterten CO2-Deckels einen besonders bitteren Geschmack hinterlässt.

Profit über Menschenleben
Was die wahre Motivation des Bürgermeisters in „Der Weiße Hai“ ist, wird schnell klar: Der Strand soll für die zahlenden Touristen weiterhin geöffnet bleiben, um finanzielle Verluste zu verhindern. Selbst nachdem alle den Angriff auf einen kleinen Jungen mit ansehen, wird offiziell noch nicht von einem Haiproblem gesprochen.
Dem Meeresbiologen Hooper, der als erster auf die bestehende Gefahr hinweist, wird vorgeworfen, er wolle nur wissenschaftliche Anerkennung; ihm und Brody wird ein eindeutiger Rat gegeben: Wenn sie sich wirklich Sorgen machen, sollen sie alles tun, um den Strand sicherer zu machen – außer ihn schließen. Als anschließend einige Jugendliche das Willkommensschild der Stadt vandalieren, um auf die Umstände aufmerksam zu machen, regt sich Vaughn lediglich darüber auf, dass sie öffentliches Eigentum verunstalten – ein Szenario, das sich mit dem Diskurs um junge Klimaaktivisten vergleichen lässt.
Ignoranz und Verharmlosung: Eindeutige Parallelen zur Klimakrise
Erst nachdem die Mutter des verstorbenen Jungen Chief Brody vorwirft, Mitschuld am Tod ihres Sohnes zu haben – „Sie wussten, dass da draußen ein Hai ist und Sie wussten, dass er gefährlich ist.“ – ist auch der Bürgermeister bereit, den Ernst der Lage anzuerkennen, wenn auch nur widerwillig. Man fragt sich, wie viele Opfer es bei uns wohl brauchen wird, bis die Zuständigen ihre Köpfe aus dem Sand ziehen und aktiv werden. Bei Spielberg reichten zwei – in Europa steigt allein die Zahl der Hitzetoten von Jahr zu Jahr weiter an, ohne echte Reaktion.
Der letzte Akt von „Der Weiße Hai“ beinhaltet ebenfalls Elemente, die sich entweder schon bewahrheitet haben oder es noch könnten: Ein Experte wird mit einem Lösungsversuch beauftragt – allerdings nur gegen üppige Bezahlung –, das Problem entpuppt sich jedoch als gefährlicher als zunächst gedacht und schließlich endet die Geschichte zwar mit einem Erfolg seitens der Inselbewohner, doch der angerichtete Schaden trübt die Stimmung dennoch.
Ob im Falle der Klimakrise solch ein „Happy End“ überhaupt noch möglich ist, darüber gibt es gespaltene Meinungen. Eins ist jedoch sicher: früher oder später wird der untätigen Politik und dem grenzenlosen Profitwahn im Angesicht von Mutter Natur auch kein größeres Boot mehr helfen.
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Wo kann man „Der Weiße Hai“ aktuell sehen?
Im Gartenbaukino in Wien läuft „Der Weiße Hai“ aus Anlass seines 50-ers am 19.6.2025 um 15:30. (Weitere Infos) Auch in anderen Kinos gibt es Jubiläums-Screenings.
Im Heimkino ist der Film aktuell bei MagentaTV, Joyn und diversen Prime Video Channels zu sehen. Außerdem ist er als VOD verfügbar und natürlich auch auf BluRay und DVD erhältlich.
Tipp: In der ARTE-Mediathek kann man die Doku „Der Weiße Hai – Kultfilm mit Biss“ über die Entstehungsgeschichte von Spielbergs Film sehen. Link
Bildquelle: archive.org / Wes Robert Ward
